Benedikt XVI.

Nein zu Gewalt und heiligem Krieg

Von Daniel Deckers

Unterstützung von unerwarteter Seite: Benedikt XVI

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15. September 2006 In drei großen öffentlichen Ansprachen hat sich Papst Benedikt XVI. in der zurückliegenden Woche über das Verhältnis von Religion und Gewalt geäußert: zunächst am Sonntag in der Predigt in München, sodann in Regensburg während der Predigt am Dienstag vormittag. Am ausführlichsten ging er auf das Thema im Rahmen des Vortrags ein, den er am Dienstag nachmittag in der Universität Regensburg hielt. Die drei Äußerungen stehen in engem Zusammenhang und dürfen nicht unabhängig voneinander gelesen werden.

In München ging Benedikt auf das Thema im Zusammenhang mit seiner Kritik an der katholischen Kirche in Deutschland und ihren Hilfswerken ein. Er referierte die Klage afrikanischer Bischöfe, für soziale Projekte hierzulande schnell Unterstützung zu erhalten, bei Projekten zur Verbreitung der Glaubensverbreitung - der Papst sprach von „Evangelisierung“ - auf Zurückhaltung zu stoßen.

Technisches Können zuwenig

Benedikt zog daraus den Schluß, in Deutschland seien manche der Meinung, „die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher partikulär und nicht gar so wichtig“. Seine Haltung stimmte mit der der afrikanischen Bischöfe überein: „Das Soziale und das Evangelium sind nicht zu trennen“, doch müsse die Evangelisierung vorausgehen, „daß der Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt, geliebt werden, die Herzen umkehren muß, damit auch die sozialen Dinge vorangehen; damit Versöhnung werde; damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können“.

Biete der Westen nur technisches Können, sei das zuwenig. „Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund, und die Fähigkeit zum Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal das Recht bringen soll und es doch nicht bringen kann.“

Westliche „Verachtung Gottes“

Die „technische“ Rationalität des Westens, „die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht“, deutete Benedikt auch als Ursache der wachsenden Ablehnung, die der christlich geprägten Zivilisation unter den Völkern Afrikas und Asiens entgegenschlägt. Ihre Identität sähen sie nicht durch den christlichen Glauben bedroht, sondern durch „die Verachtung Gottes“ und einen „Zynismus“, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansehe und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebe.

Die Konflikte auf dem Feld der Bioethik, auf die der Papst hier anspielte, ließ er an dieser Stelle wie auch auf allen anderen Stationen seiner Reise außer acht. Statt dessen konzentrierte er sich auf die Folgen der westlichen „Verachtung Gottes“ für das Zusammenleben der Völker und appellierte an die westliche Welt, ein neues Verständnis von Toleranz und kultureller Offenheit zu entwickeln: „Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein - die Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist. Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen der anderen setzt voraus, daß wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen. Diese Ehrfurcht kann in der westlichen Welt nur dann regeneriert werden, wenn der Glaube an Gott wieder wächst, wenn Gott für uns und in uns wieder gegenwärtig wird.“

„Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen“

Daß der Westen diesen Glauben mit Gewalt oder Zwang verbreiten könne, liegt dem Theologen Benedikt fern. „Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen. Aber die Freiheit der Menschen rufen wir an, sich für Gott aufzutun; ihn zu suchen; ihm Gehör zu schenken.“ Auf die Geschichte des Christentums wie auch die Geschichte anderer Weltreligionen, etwa des Islams, ging der Papst nicht ein.

Vielmehr sprach er am Ende seiner Predigt unter Bezug auf die Bibel und auf die Heilsbotschaft Christi im Tod am Kreuz: „das Nein zur Gewalt, die ,Liebe bis ans Ende'.“ Der Papst fuhr fort: „Diesen Gott brauchen wir. Wir verletzen nicht den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen, die Ehrfurcht vor ihrem Glauben, wenn wir uns laut und eindeutig zu dem Gott bekennen, der der Gewalt sein Leiden entgegenstellt; der dem Bösen und seiner Macht gegenüber als Grenze und Überwindung sein Erbarmen aufrichtet. Ihn bitten wir, daß er unter uns sei und daß er uns helfe, ihm glaubwürdige Zeugen zu sein.“

„Lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion“

Zwei Tage später griff der Papst dieses Motiv kurz in seiner Predigt auf: Gott habe in Jesus Christus ein menschliches Gesicht angenommen, sagte Benedikt: „Er liebt uns bis dahin, daß er sich für uns ans Kreuz nageln läßt, um die Leiden der Menschheit bis an Gottes Herz hinaufzutragen.“ Dieses Paradox des Glaubens wandte der Papst unmittelbar ins Politische und sprach davon, man müsse die „Pathologien und die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus“. In dieser Situation sei es wichtig, „klar zu sagen, welchem Gott wir glauben, und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen“.

In seiner Vorlesung am Nachmittag an der Universität Regensburg entfaltete Benedikt das Thema Religion und Gewalt nicht in einem von der Auslegung der Bibel geprägten Gedankengang, sondern in einer von Philosophie und systematischer Theologie bestimmten Argumentation. Der Papst erinnerte zunächst an seinen eigenen Werdegang als Professor und bestimmte die Aufgabe der Theologie im Konzert der universitas der Wissenschaft.

„In erstaunlich schroffer Form“

Sie frage nach der „Vernunft des Glaubens“. Dieser Gedanke sei ihm kürzlich bei der Lektüre des Dialogs des spätbyzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und die Wahrheit der beiden Religionen wieder in den Sinn gekommen. Aus diesem Dialog griff der Papst einen Aspekt heraus, der für den Aufbau des Religionsgesprächs keine Bedeutung hatte, ihn aber „im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert“ habe: das Thema Dschihad (heiliger Krieg).

„Der Kaiser wußte sicher“, so der Papst, „daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen - es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war.“ Aber Manuel habe natürlich auch die später entstandenen Bestimmungen des Korans über den heiligen Krieg gekannt. Daher habe sich der Kaiser „in erstaunlich schroffer Form“ : in der schriftlichen Fassung des Vortrags stand „schroff“ - mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt an seinen Gesprächspartner gewandt. „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“

„Scheideweg im Verständnis Gottes“

Der Papst gibt dann nicht die Antwort des kaiserlichen Gesprächspartners wieder, sondern referiert die Ansicht des Kaisers, daß Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig sei. Sie stehe im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. Der entscheidende Satz in dieser Argumentation „gegen Bekehrung durch Gewalt“ laute: „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“

Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner sei dieser Satz evident, so der Papst unter Berufung auf den Herausgeber und Kommentator dieses Religionsgesprächs, den Münsteraner Professor Khoury. Für die muslimische Lehre hingegen sei Gott absolut transzendent, sein Wille an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.

Indirekt wendet sich der Papst nun gegen diese Sicht Gottes, die für den Islam charakteristisch und auch in der Geschichte des Christentums nicht unbekannt sei: „Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert.“

Eher in Richtung des christlichen Westens

Der Papst läßt offen, welcher Art dieser „Scheideweg“ ist und worin die „unmittelbaren Herausforderungen“ liegen. Später kommt er nicht mehr auf das Thema Gewalt und Religion zurück. Weder wendet er sich direkt an die Muslime, etwa mit der Aufforderung, der Gewalt abzuschwören, noch bringt er das historischen Veränderungen unterworfene Verhältnis des Christentums zur Gewalt zur Sprache.

Allerdings findet sich gegen Ende der Vorlesung noch einmal die Warnung von „den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft“, die notwendig ausbrechen müßten, „wo die Vernunft so verengt wird, daß ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören“. Dieser Satz ist aber eher in Richtung des christlichen Westens gesprochen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: ddp

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