An einem Sommertag des Jahres 1983 starb Aleksandar Rankovic, ein ehemaliger jugoslawischer Innenminister, der eine Weile Vertrauter Titos gewesen war - bis der ihn 1966 absetzen und aus der Partei ausschließen ließ. Nationalistische Serben hatten die Kaltstellung damals bedauert, schließlich hatte der kommunistische Nationalist Rankovic im Kosovo ein Willkürregime zur Kujonierung der Albaner installiert, in ihren Augen also das Richtige getan. Als Rankovic 17 Jahre später starb, geriet seine Beerdigung in Belgrad zu einer großserbischen Demonstration: Etwa 100.000 Menschen schlossen sich dem Trauerzug an.
Heute gilt dieses scheinbar nebensächliche Ereignis als ein frühes Warnzeichen des heraufziehenden serbischen Nationalismus, an das sich jetzt, abermals vor einer wichtigen Beerdigung, mancher erinnern wird. Sollte Milosevics Beisetzung tatsächlich in Serbien stattfinden - Rußland wurde als möglicher Ort genannt, da gegen Frau und Sohn des Verstorbenen in dessen Heimatland Haftbefehl besteht -, darf gerätselt werden, wie groß der Trauerzug sein wird.
Nur noch wenige hörten hin
Aufschlußreich wird es zudem sein, wie sich die maßgeblichen Politiker in Belgrad zum Tod des bekanntesten Serben äußern. Ob sich Ministerpräsident Kostunica, der ein ambivalentes Verhältnis zum serbischen Nationalismus pflegt, zu einer klaren Verurteilung der Verbrechen seines einstigen politischen Gegners durchringen wird, ist nicht sicher. Zudem wird die Serbische Orthodoxe Kirche zu beobachten sein, deren Popen die Beerdigung des ermordeten Ministerpräsidenten Djindjic vor drei Jahren als Bühne zur politischen Selbstdarstellung mißbrauchten.
Doch wie groß der Zulauf bei der Beisetzung Milosevics auch sein und was immer in diesen Tagen über dessen angebliche Ermordung durch den Westen an Törichtem gesagt und geschrieben wird: die Minderheitsregierung Kostunicas - formal geduldet von Milosevics Sozialistischer Partei Serbiens - ist dadurch nicht gefährdet. Als Politiker war Milosevic schon bald nach der Auslieferung im Jahr 2001 in Belgrad kein bestimmender Faktor mehr gewesen. Auch der Fortgang seines Prozesses weckte in Serbien nur noch selten Interesse. Wenn im Fernsehen eine seiner Verteidigungstiraden vor dem Kriegsverbrechertribunal übertragen wurde, hörten nur noch wenige hin. Milosevic spielte kaum noch eine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Nur sein Schatten hing dunkel und drohend über einem Land, das mit sich nicht im reinen ist.
Ein Pyromane, der den Feuerwehrchef spielte
Noch immer scheiden sich in Serbien an der Frage einer Zusammenarbeit mit dem Tribunal oder der serbischen Schuld an dem Massaker von Srebrenica die Geister. Die mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit schadet dem Land - auch deshalb, weil diese Fragen zwar unbestritten wichtig sind, aber von den gegenwärtigen Schwierigkeiten ablenken. Auch das ist eine Nachwirkung der Politik Milosevics, der ein Meister darin war, Spannungen und Ängste aufzubauen, um von seiner mißlungenen Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialpolitik abzulenken.
Das Jahrzehnt der Herrschaft Milosevics über Serbien wurde einmal als permanenter politischer Ausnahmezustand bezeichnet: Milosevic brauchte Krisen, er suchte und schuf sie, um sich dann als Retter darzustellen - ein Pyromane, der den Feuerwehrchef spielte. Als Spätfolge dieser Politik steht einer Mehrheit von Serben, die eine Annäherung an die EU befürwortet, eine starke nationalistische Schicht gegenüber, welche die europäische Perspektive ablehnt. Es sind Kreise, die das 20. Jahrhundert nicht verstanden haben und Serbien in der Vergangenheit halten wollen. Wer als Ministerpräsident in Serbien Fortschritte erreichen will, darf die Auseinandersetzung mit ihnen nicht scheuen. Milosevics Tod sollte ein weiterer Anlaß sein, sie zu suchen.
Text: F.A.Z., 13.03.2006, Nr. 61 / Seite 1
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