10. März 2004 Der Geschäftsführer der "Frankfurter Rundschau", Kamissek, hat am Mittwoch eine Stellungnahme über einen möglichen Einstieg der SPD bei dem Zeitungsverlag abgelehnt. Zuvor war aus informierten Kreisen zu erfahren, die SPD-eigene Deutsche Druck-und Verlagsgesellschaft mbH (DDVG) strebe eine Mehrheitsbeteiligung von bis zu 75 Prozent an der "Frankfurter Rundschau" an. Der Rest verbliebe dann der Karl-Gerold-Stiftung, die bislang alleiniger Besitzer des Frankfurter Druck- und Verlagshauses ist.
Der DDVG-Sprecher Marco Althaus wollte dies gestern auf Anfrage nicht kommentieren, er dementierte aber auch nicht. Die Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften BGAG, die ebenfalls als möglicher Investor im Gespräch war, teilte gestern mit, daß sie sich nicht am Verlag beteiligen werde. Sie habe ein Engagement geprüft, nachdem die "Rundschau" darum gebeten habe. Diese Prüfung habe ergeben, daß eine Sanierung sehr wohl möglich sei, allerdings liege ein Engagement in der Zeitungsbranche nicht in der strategischen Ausrichtung der BGAG.
Endgültige Entscheidung für diesen Donnerstag erwartet
In der Branche wird für möglich gehalten, daß das Engagement der SPD-eigenen Holding vor allem dazu diene, Zeit für eine spätere lukrative Weiterveräußerung zu gewinnen. Die DDVG ist an 26 Radiosendern und an mehr als einem Dutzend deutscher Verlagshäuser beteiligt, unter anderem an der Westfälischen Verlagsgesellschaft zu hundert Prozent und an der Presse-Druck GmbH mit 87,5 Prozent. Als wertvollste Beteiligung gilt der 20,4-Prozent-Anteil an der Verlagsgesellschaft Madsack in Hannover ("Hannoversche Allgemeine"). Durch die hundertprozentige Übernahme des Frankenpost-Verlags ermöglichte die DDVG vor einem Jahr den Einstieg der Südwestdeutschen Medienholding bei der "Süddeutschen Zeitung".
Eine endgültige Entscheidung über die Beteiligung eines dringend gesuchten Investors an dem unter Druck geratenen Zeitungsverlag wird für diesen Donnerstag erwartet, wenn bei einer Sitzung die Banken um Zustimmung gebeten werden. Als die beiden Hauptfinanziers gelten die Dresdner Bank und die Frankfurter Sparkasse, die sich allerdings nach dem überraschenden Rücktritt ihres Vorstandssprechers selbst in einer Krise befindet.
Der Geldbedarf des Verlagshauses: etwa siebzig Millionen Euro
Der Geldbedarf des Verlagshauses wird auf etwa siebzig Millionen Euro beziffert. Rund vierzig Millionen davon sollen durch den für die unmittelbare Zukunft angekündigten Verkauf des Verlagsgebäudes in der Frankfurter Innenstadt gedeckt werden. Neben der DDVG und der BGAG hatten sich auch die Beteiligungsgesellschaften 3i und Arques für ein Engagement bei der Rundschau interessiert; Arques hatte sich dem Vernehmen nach vor allem für die Druckerei in Neu-Isenburg interessiert, die allerdings wohl nur "im Paket" veräußert werden sollte.
Verlagschef Kamissek hatte im Februar im Gespräch mit dieser Zeitung eine Insolvenz seines Hauses ausgeschlossen und die Beteiligung eines Investors bis spätestens Ende März angekündigt. Kamissek sagte, im Jahr 2006 werde der Verlag nach dem Umzug aus Frankfurt nach Neu-Isenburg wieder schwarze Zahlen schreiben. Den Prozeß der Umstrukturierung nannte er erfolgreich. Der Personalbestand wurde von 1650 auf derzeit unter 1200 Mitarbeiter abgebaut. Angestrebt sei eine Zahl unter tausend, sagte Kamissek. 2005 will die "Frankfurter Rundschau" zu den tariflichen Leistungen zurückkehren. In zwei Sanierungstarifverträgen verzichtete die Belegschaft auf Weihnachts- und Urlaubsgeld: Beides wurde in vierzig zusätzliche Urlaubstage umgewandelt. Außerdem erklärten sich die Mitarbeiter zu einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit um drei Stunden bereit, so daß in der Redaktion die bezahlte Regelarbeitszeit von 36,5 auf 33,5 Stunden zurückging.
Sollte die SPD sich über ihre Medienholding an dem Zeitungsverlag beteiligen, so erfüllt sie damit eine Bitte, die der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag, Volker Hoff, im März letzten Jahres an die Sozialdemokraten gerichtet hatte. Die DDVG, so Hoff damals, solle doch der "Frankfurter Rundschau" eine Finanzspritze geben: "Die DDVG fährt mit ihren Zeitungsbeteiligungen jährlich enorme Summen ein. Jetzt könnte sie beweisen, daß es ihr nicht nur um Geld, sondern um den Erhalt der Zeitungslandschaft in Deutschland geht."
Text: lüc./sibi., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2004, Nr. 60