Ostalgie

Die putzige kleine DDR

Von Frank Pergande

Sinnbilder des Ostens sind schwer in Mode

Sinnbilder des Ostens sind schwer in Mode

05. August 2003 Neulich mußte der Staatssekretär aus dem Bundesbauministerium Tilo Braune (SPD) für Fotografen in eine Pizza beißen. Es war eine "Ostalgie-Pizza". Ein Tiefkühlpizzahersteller aus Berlin hatte die Idee. Auf der Pizza ist Soljanka oder Letscho verteilt. In der DDR kannte man zwar keine Pizza, wohl aber Soljanka und Letscho. Braune, aus Greifswald in Vorpommern stammend, ist vom Ost-Beauftragten des Kanzlers Stolpe (SPD) zum Ost-Beauftragten des Ministers gemacht worden. Vielleicht kann sein Biß in die Pizza dem Produkt zu einem gesamtdeutschen Erfolg verhelfen. Das Umfeld jedenfalls stimmt, wie man so sagt.

Ostdeutschland ist in Mode gekommen, seit der Film "Good Bye, Lenin" zu einer gesamtdeutschen Sensation wurde. Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland haben "Good Bye, Lenin" gesehen. Der Film wurde in 65 Länder verkauft. Ähnlich erfolgreich sind auf einmal Erinnerungsbücher von DDR-Bürgern, vor allem Bücher von jungen Leuten, die so viel DDR gar nicht mehr erlebt haben können. Es begann mit Jana Hensels Buch "Zonenkinder". Dann folgte ein halbes Dutzend Bücher in dieser Art. Gerade erschien Claudia Rauschs Buch "Meine freie deutsche Jugend".

So grau die DDR, so bunt die Erinnerung

So grau die DDR war, so bunt ist die Erinnerung. Mehr als 4000 Menschen haben sich den Palast der Republik in Berlin angesehen, genauer gesagt das, was nach der Asbestsanierung davon noch übrig ist. Alle Führungen durch das Gebäude waren ausgebucht. Die Ausstellung "Kunst in der DDR" in der Berliner Neuen Nationalgalerie ist schon nach einer Woche ein großer Erfolg. Wie in der DDR müssen die Besucher Schlange stehen, wenn sie den Katalog kaufen wollen. Wie in der DDR sind im Galerie-Café kurz nach der Mittagszeit die meisten Gerichte ausverkauft. Am vergangenen Wochenende wurde in Berlin auch daran erinnert, daß vor 30 Jahren in der Stadt ein so prächtiges Wetter wie derzeit geherrscht hatte: Die Sonne schien damals auf die X. Weltfestspiele der Jugend in Berlin, Hauptstadt der DDR. Darüber sprachen etwa Musiker der Rockgruppe Renft, die vor dreißig Jahren populär war in der DDR, bevor vier der sechs Musiker in die Bundesrepublik gingen - was die Band zur Legende machte. "Ketten werden knapper" hieß 1973 ihr Hit zu den Weltfestspielen. Auch der ehemalige Fußballer Jürgen Sparwasser war bei den Gesprächen zum Jubiläum dabei und Klaus Landowsky, der frühere Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, der in den siebziger Jahren oft in die DDR gekommen war.

Während der Weltfestspiele war Walter Ulbricht gestorben. Ein Trödelladen in Rostock-Warnemünde lud am 1. August zum Fest "Walter Ulbricht dreißig Jahre tot" ein. "Die gastronomische Versorgung übernimmt der ambulante Handel", hieß es auf der Einladung. Auch das gesamtdeutsche Fernsehen darf den Trend DDR nicht verpassen. Auf Sat.1 widmete sich der Moderator Kai Pflaume in seiner "Monatsshow" schon einmal der DDR. Auf der Internetseite von Sat.1 können die Nutzer DDR-Fragen beantworten. Vom 3. September an wird die Eiskunstläuferin Katarina Witt, die einmal als "das schönste Gesicht des Sozialismus" galt, auf RTL eine DDR-Show moderieren. Frau Witt: "Es wird eine Zeitreise durch die DDR - vom Schlangestehen für Banane bis hin zu den Puhdys und dem Sandmännchen." Bis zu diesem Sendetermin sollte der neue Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) geklärt haben, ob das DDR-Sandmännchen nach dem neuen Sendekonzept noch weiter auftreten darf, und wenn ja, auf welchem Sendeplatz. Beim lustigen Sandmännchen versteht der Osten keinen Spaß.

Keine ideologischen Diskussionen

Was macht die DDR dreizehn Jahre nach ihrem Ende so begehrenswert? Die Antwort lautet: Daß es sie nicht mehr gibt. Denn das erlaubte der Ausstellung "Kunst in der DDR", Kunstwerke allein nach ästhetischen Gesichtspunkten auszusuchen. Ideologische Diskussionen werden nicht mehr geführt, weil die Zeit über die alten Streitpunkte hinweggegangen ist. Im Privatfernsehen (bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sitzen noch viele der alten Kämpfer aus der Zeit des Kalten Krieges, welche die DDR nicht lustig finden können) ist der "Arbeiter-und-Bauern-Staat" nur noch eine witzige Merkwürdigkeit. "Die DDR wird putzig", schrieb die schon in der DDR erschienene Zeitschrift "Das Magazin" vor Monaten.

Immer weniger Leute, die in der DDR gelebt haben, können oder wollen sich genau an die Zeit damals erinnern. Inzwischen sind Generationen herangewachsen, für welche die DDR ohne jede Erinnerung ist. Sie finden es schick, in einer blauen Bluse der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zur Diskothek zu gehen, den Sommer in einem T-Shirt mit einem roten Stern drauf zu verbringen, im Trainingsanzug des Sportverbandes der DDR-Armee zur Schule zu gehen oder gegen den Durst Vita-Cola zu trinken. Sie lieben den Trabant und wohnen wieder gern in (sanierten) Plattenbauten. Niemand mehr erhebt politisch den Zeigefinger und sagt: Ihr wißt gar nicht, für welch menschenverachtendes, verkommenes System diese Symbole stehen. Seit in dem Film "Good Bye, Lenin" sogar die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" veralbert wird, hat das alte System alle Gefährlichkeit verloren.

Wo aber bleibt die PDS?

Wo aber ist bei alledem die Ost-Partei PDS? An ihr geht der Trend zur DDR vorbei. Ihr alter und neuer Vorsitzender Bisky muß sich deshalb beeilen, mit seiner Partei Anschluß zu finden, um wieder als ostdeutsche Stimme gehört zu werden. Aber politisch steckt er wegen jüngster Veröffentlichungen der Birthler-Behörde über seine Beziehungen zur DDR-Staatssicherheit in anderen Nöten. Ähnlich ergeht es dem Kanzler, der wegen der Agenda 2010 und ihren Folgen gesamtdeutsche Probleme zu lösen hat, so daß eine fröhliche Sommerreise durch den Osten wohl nicht noch einmal gut angekommen wäre. In den Jahren 2000 und 2001 war er es, der in seiner hemdsärmligen Art den Osten schon einmal zu einer Art Modeerscheinung gemacht hatte. Deutschland sprach über eine Weihnachtsgans, die Schröder in der Prignitz von den ostdeutschen Bauern geschenkt bekommen hatte, aber wegen des Einspruchs seiner Stieftochter nicht hatte schlachten dürfen. Das Fortleben der Gans ist noch heute eine Nachricht wert. Von "Kanzlergans" ist dann die Rede oder "Promi-Federvieh". Auch der Satz "Hol mir mal 'ne Flasche Bier" ist erstmals auf einer der Kanzlerreisen durch den Osten gesprochen worden.

Das waren noch Zeiten! Schon im vergangenen Jahr war die Sommerreise wegen des Bundestagswahlkampfes ausgefallen. Der Kanzler war nur zu den Hochwasseropfern gefahren. Sein Minister Stolpe oder Stolpes pizzaessender Staatssekretär Braune sind für Kanzlersommerreisen kein Ersatz. Aber selbst sie haben derzeit anderes zu tun, etwa im Streit über die Lastwagenmaut. Bei aller lustig-putziger DDR-Erinnerung wird so in diesem Jahr doch etwas fehlen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2003, Nr. 179 / Seite 3
Bildmaterial: Berlinale, dpa, obs, ZB

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