Endlager

Der Atommüll muß weg

Von Daniel Mohr

03. April 2006 24.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll. Ein ganzes Fußballfeld voll, drei Meter hoch gestapelt. Eine Million Jahre soll der deutsche Atommüll sicher verschlossen werden. Aber keiner weiß, wo. Die große Koalition ist zerstritten. Im Salzstock in Gorleben verbuddeln, sagt die CDU/CSU. Auf keinen Fall dort, woanders, sagt die SPD. Wo genau, weiß sie auch nicht.

Seit dem Jahr 1979 wird der Salzstock im niedersächsischen Gorleben erkundet. Hier soll der deutsche Atommüll für eine Million Jahre rund 840 Meter unter der Erde, fest umschlossen vom Salz, liegen. Die jahrzehntelange Erkundung hat zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Manche Wissenschaftler halten den Salzstock für ungeeignet, da ihrer Ansicht nach der Kontakt des Salzes mit Wasser möglich ist, das Salz würde sich auflösen, Radioaktivität würde das Grundwasser verseuchen.

Seit sechs Jahren geschieht nichts mehr

Andere Wissenschaftler halten den Salzstock dagegen für „eignungshöffig“. Dies ist das gesetzlich geforderte Kriterium und meint, daß eine Hoffnung auf Eignung bestehen muß. Eignungshöffigkeit ist demnach so lange gegeben, bis eine Nichteignung bewiesen wird.

Der Atomkonsens aus dem Jahr 2000 hat über die Erkundung des Salzstocks Gorleben ein Moratorium verhängt. Konkret: Seit sechs Jahren geschieht hier erst mal gar nichts mehr. „Das kann so nicht bleiben. Gorleben muß zu Ende erkundet werden“, sagt Katherina Reiche, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. „Eine neue Standortsuche würde wieder Jahre dauern und Milliarden kosten.“

Atommüll soll nicht rückholbar sein

SPD, Grüne und Umweltverbände fordern genau das. „Es geht hier um sehr langfristige Entscheidungen, da können keine faulen Kompromisse eingegangen werden“, sagt Heinz Smital, Energieexperte bei Greenpeace. „Es gibt keinen Druck, vorschnell zu handeln. Außerdem würde die Korrektur einer Fehlentscheidung sehr viel teurer.“

Der Atommüll soll nämlich in tiefen geologischen Schichten verschlossen werden. Er soll nicht rückholbar sein. Hintergrund ist die Überzeugung, daß unsere Generation als Nutzer der Atomkraft auch für die Beseitigung der negativen Folgen verantwortlich sein muß. Der vollständige Verschluß würde nachfolgende Generationen von Wartung und Kontrolle entbinden und zudem einen Mißbrauch des Atommülls verhindern.

Zum Handeln verpflichtet

Derzeit liegen die bisher entstandenen hochradioaktiven Abfälle in Zwischenlagern - an den Atomkraftwerken selbst und in den zentralen Zwischenlagern Ahaus und Gorleben. Die Brennstäbe sollen dort abkühlen, bis sie endgelagert werden können. Das dauert etwa 40 Jahre.

1995 kamen die ersten Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen nach Gorleben. Ab 2030 könnten sie endgelagert werden. „Das können wir nicht unter dem Deckmäntelchen der Sicherheit auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben“, sagt Katherina Reiche. „Wir sind zum Handeln verpflichtet.“

Weltweit existiert noch kein Atommüllendlager

Anders als die Union strebt die SPD die Suche nach einem besseren Standort als Gorleben an. Auf einer „weißen Deutschland-Karte“ soll neu gesucht werden. „Tongestein ist die Alternative zur Lagerung in Salz“, sagt Manfred Wallner, zuständig für Endlagerfragen bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Er hat mit seinen Leuten die Erkundungen im Tongestein in der Schweiz und in Frankreich begleitet. „Wir wären auf eine Erkundung im Tongestein in Deutschland vorbereitet. Das Norddeutsche Becken böte sich als geeignete Suchregion an.“

Doch bisher hat keiner die Bundesanstalt mit einer neuen Suche beauftragt. Statt dessen heißt es weiter warten. Beim Beschluß des Moratoriums für Gorleben wurde ein Arbeitskreis Endlagersuche eingesetzt. Der hat im Jahr 2002 seinen Abschlußbericht vorgelegt. Demnach sollten für eine „glaubwürdige Standortentscheidung an mindestens zwei Standorten untertägige Erkundungen durchgeführt werden“. Schlüsse hat die Politik aus den Empfehlungen bisher nicht gezogen. Vorbilder im Ausland gibt es auch nicht. Weltweit existiert noch kein Atommüllendlager.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 44
Bildmaterial: Caro

 
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