11. September 2001

„Angriff auf Amerika“

Von Günther Nonnenmacher

11. September 2006 Die bewußtseinsprägende Wirkung des 11. September 2001 geht vor allem auf die Wucht der Bilder zurück. Buchstäblich die gesamte Menschheit hat am Fernsehbildschirm erlebt, wie die beiden Flugzeuge von Terroristen in die Türme des World Trade Center gesteuert wurden, wie diese in sich zusammensackten und Manhattan in einer Wolke aus Staub und Dreck verschwand: Die Wirklichkeit selbst hatte diesen Katastrophenfilm produziert.

Die Bilder aus New York - daneben die Aufnahmen von dem gleichzeitig geführten Angriff auf das Pentagon in Washington - haben sich mit historischer Bedeutung aufgeladen: So wie der Fall der Berliner Mauer zum jedermann verständlichen Symbol für das Ende des Kalten Krieges geworden ist, so wurde der „Angriff auf Amerika“ zum Signum neuer Bedrohungen in einer Epoche des weltweiten Terrorismus.

Die weltweite Solidarität mit Amerika ist zerbrochen

Noch unter dem Eindruck dieser Bilder rief Präsident Bush den „globalen Krieg gegen den Terror“ aus. Das war zwar nicht nur im militärischen Sinne gemeint, aber, wie sich bald zeigte, doch vor allem. Der Angriff auf das Taliban-Regime in Afghanistan im Oktober 2001, auf jenes Land, das Al Qaida als Trainingslager und Rückzugsraum nutzte, war der erste Feldzug dieses Krieges: Hier waren die Verantwortlichkeiten offensichtlich, der Feind war geographisch zu verorten.

Bei dem zweiten großen Feldzug, dem Krieg gegen den Irak, war das nicht mehr der Fall; im Zuge dieser militärischen Intervention ist die weltweite Solidarität mit Amerika zerbrochen. Nach den Erfahrungen von dreieinhalb Kriegsjahren im Irak und der damit verbundenen Verbreitung antiwestlicher Affekte in der islamischen Welt, die auch das terroristische Bedrohungspotential verstärkt haben, wirkt Bushs Behauptung, der Sturz Saddam Husseins habe die Welt sicherer gemacht, nur noch absurd.

Brennende Unmittelbarkeit

Die Anschläge von Madrid (2004) und London (2005) haben der westlichen Öffentlichkeit dann endgültig klargemacht, daß islamistisch inspirierte Terroristen nicht nur aus dem Mittleren Osten einreisen, sondern in unseren Ländern leben oder hier sogar aufgewachsen sind. Das hat der Bedrohung brennende Unmittelbarkeit verliehen. Es hilft wenig, immer wieder die Selbstverständlichkeit zu wiederholen, daß nicht alle Muslime Terroristen seien, oder darauf hinzuweisen, daß die Terroropfer in der Mehrzahl Muslime sind. In der Tat sind die meisten Anschläge in der islamischen Welt ausgeführt worden: in Djerba, Casablanca, Amman, Riad oder Scharm al Scheich und natürlich täglich im Irak.

Trotz dieser innerislamischen Front, die vor allem im Irak aufgebrochen ist, zeigt der Krieg gegen den Terror Züge jenes „Kampfes der Kulturen“, den Samuel Huntington schon fünf Jahre vor den Anschlägen auf das Pentagon und das Welthandelszentrum, Bauwerke, die als Symbole für die westliche Zivilisation stehen, prophezeit hatte. Der Konflikt zwischen einer Moderne, deren Triebkräfte den Wandel in der Welt stetig beschleunigen, und einer Kultur, die auf ihren Wurzeln in Religion und Tradition beharrt, wird sinnfällig in der Konfrontation zwischen High-Tech-Waffen und archaischen Ritualen wie dem Enthaupten von Gefangenen.

Der Sumpf des Terrorismus ist nicht ausgetrocknet

Es ist fraglich, ob das Wort „Krieg“ die richtige Bezeichnung für den Kampf gegen den Terrorismus ist. Es bleibt - selbst in der Erweiterung zum „asymmetrischen Krieg“ - auf den Staat bezogen und ist verbunden mit der Beweglichkeit von Kampfeinheiten und ihrer Feuerkraft. Obwohl in Afghanistan und im Irak der kriegerisch betriebene Regimewechsel gelungen ist, wurde der Sumpf des Terrorismus nicht ausgetrocknet. Im Süden Afghanistans kämpfen weiterhin Taliban, einst die Herbergsväter von Usama Bin Ladin, der immer noch im Grenzgebiet zu Pakistan vermutet wird. Der Irak ist nach seiner Eroberung zu einem Sammelplatz für neue Dschihadisten geworden.

Zwar wären Organisation und Schlagkraft von Al Qaida ohne Militäreinsatz nicht zu schwächen gewesen. Doch schon früh haben sich terroristische Strukturen ausgebildet, die nicht zentral gesteuert sind, sondern von lokalen, eigenständigen Gruppen gebildet werden - die mörderischen Anschläge in Spanien und England, zuletzt auch der verhinderte Anschlag in Deutschland und die Vorbereitungen in Dänemark zeigen dieses Muster.

Ein Programm mit langen Fristen

Solche gar nicht mehr „vernetzten“ Terrorzellen, die nur dem gleichen ideologischen Impetus folgen, müssen mit den Methoden bekämpft werden, die auch gegen die organisierte Kriminalität angewendet werden - Überwachung einschlägiger Milieus, geheimdienstliches Sammeln von Informationen, Infiltration et cetera. Daß der demokratische Rechtsstaat dabei an Grenzen stößt, ist eine schmerzhafte Herausforderung für die westlichen Gesellschaften. Es kommt hinzu, daß verbesserte Zusammenarbeit über Grenzen hinweg nötig ist, auch mit Regimen, deren innere Ordnung uns abstößt. Da hat es Erfolge gegeben, über die verständlicherweise nicht viel geredet wird; sie haben dazu geführt, daß die libanesischen Verdächtigen, die ein Attentat in Deutschland planten, schnell verhaftet wurden.

Zur Bekämpfung des Terrorismus wird das gesamte Arsenal aus militärischen, geheimdienstlichen und polizeilichen Mitteln nötig bleiben. Daß die von amerikanischen Neokonservativen propagierte „Demokratisierung des Mittleren Ostens“ keine Patentlösung ist, sondern sogar neue Probleme schaffen kann, hat sich bei den (halb freien) Präsidentenwahlen in Iran und bei den (freien) Parlamentswahlen in den palästinensischen Gebieten gezeigt. Der Terror wird erst besiegt werden können, wenn die islamischen Gesellschaften ihren Frieden mit der Moderne machen und die politischen Gräben zur westlichen Welt eingeebnet sind. Das ist - optimistisch gesprochen - ein Weg mit vielen Hindernissen, ein Programm mit langen Fristen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

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