Von Jürgen Kaube
13. Oktober 2006 Heute nachmittag fällt die erste Entscheidung im sogenannten Exzellenzwettbewerb deutscher Universitäten. Ihre Zukunftskonzepte werden honoriert, ihre Vorschläge, regionale Forschungsverbünde einzurichten, sowie ihre Pläne zur Einrichtung von Promotionsschulen. Wenn dann die Namen der erfolgreichsten Hochschulen verkündet sein werden, wird gewiß von einem bedeutenden Schritt die Rede sein. Lange Jahrzehnte war es in Deutschland bildungs- und regionalpolitische Pflicht, auf den Anschein zu pochen, alle Hochschulen seien mehr oder weniger gleich.
Jetzt, so wird man formulieren, ist Entscheidendes getan worden, um Unterschiede zwischen den Universitäten festzuhalten - und durch Belohnung der Besseren zu bekräftigen. Am Ende werden es fast zwei Milliarden Euro sein, die den Prämierten zugute kommen. Noch also, wird man sagen, haben wir kein Cambridge, Harvard oder Stanford, keine London School of Economics, keine École Normale Supérieure und keine ETH Zürich, aber, so wird es heißen, wir sind auf dem richtigen Weg.
Wir simulieren Elite
Sind wir nicht. Wir tun nur so. Wir spielen, auf einem neuen Weg zu sein. Wir simulieren Elite. So, wie wir auch Markt simulieren, indem wir Studiengebühren staatlich festsetzen. Oder indem wir Forscher, die wir soeben erst auf Lebenszeit eingestellt haben, unmittelbar danach in Evaluationen durch an den Haaren herbeigezogene Gremien daraufhin beurteilen lassen, ob sie es überhaupt wert sind, gefördert zu werden. Oder indem wir Exzellenzwettbewerbe ausrichten. Denn es liegt ein Sozialismus eigener Art darin, Abermillionen danach zu vergeben, wer die schönsten und eigens für die Schönheitskonkurrenz produzierten Pläne vorlegt.
Merkwürdigerweise sind es jedoch nicht Pläne, die Berkeley, Oxford und St. Gallen oder die Quantenoptik in Innsbruck bedeutend gemacht haben, sondern Taten. Wir aber prämieren Projekte, Anträge. Wir glauben nämlich weder an die Wissenschaft noch an Elite, noch an den Markt. Wir glauben nicht an Tatsachen, sondern statt dessen lieber an Vorstellungen und Zukunftskonzepte, also Power-Point-Präsentationen. Daß ein Bewerber im Exzellenzwettbewerb mit dem Spruch durchdringen konnte, er wolle aus seinem Haus eine internationale Netzwerkuniversität machen, daß niemand in den Kommissionen in Lachen ausbricht, wenn so etwas vorgetragen wird, läßt das geistige Klima der Hochschulreform erkennen.
Ungeliebte Orte
Doch selbst bei den Vorstellungen sind wir unsicher. Zunächst ging es um Eliteuniversitäten. So lautete die unbedachte Formulierung, als 2004 aus der SPD der Vorschlag kam, man müsse etwas für die deutsche Wissenschaft tun. Als es konkreter wurde, zerfiel der Begriff schnell. Denn der erste Teil des Wortes gefiel den Politikern schon deshalb wenig, weil sie selber ja nicht an Eliteuniversitäten studiert haben, sondern mehr oder weniger ungern an ganz normalen. (Es wäre lohnend, die maßgeblichen Politiker einmal zu fragen, woran sie sich erinnern, wenn sie an ihre Studienjahre denken). Und vom zweiten Teil, Universitäten, haben die meisten von ihnen, aber auch von den Wissenschaftsfunktionären und -lobbyisten seit längerem den Eindruck, daß er Orte bezeichnet, die man, sofern man kann, möglichst bald wieder verlassen sollte, um anderen- und höherenorts Karriere zu machen. Ungeliebte Orte, nur notgedrungen aufgesuchte, bürokratische, überfüllte.
Also wurde aus Eliteuniversität eine Exzellenzinitiative. Das bedeutet nicht dasselbe. Denn Elite und Universität sind Begriffe, die in erster Linie Lehre und Erziehung meinen. Die Exzellenzinitiative hingegen, die zu einem Wettbewerb führte, dessen erste Ergebnisse heute vorgelegt werden, bezog sich von vornherein auf Forschung. Ein Bewußtsein davon, daß die Forschungsförderung nur einen Teil und nicht einmal den Kern der Universitäten stärkt, fehlt allerdings. Wer in England, Frankreich oder den Vereinigten Staaten, also in jenen Ländern, die angesprochen werden, wenn hierzulande nach Beispielen für herausragende Universitäten gesucht wird, wer dort von Elite spricht, denkt nicht zunächst an Wissenschaftler. Sondern an von Wissenschaftlern ausgebildete Nichtwissenschaftler. Und wenn man von der tragenden Struktur der Universität spricht, dann meint man dort Einrichtungen, die sich acht bis zehn Semester lang um solche Studenten kümmern. Und kümmern, das heißt kümmern: Prüfen, auf Begabung hin beobachten, anregen.
Bitterer Witz der Hochschulgeschichte
Das alles setzt Umstände voraus, die niemand herzustellen vorhat. Oder sollte Baden-Württembergs Minister Frankenberg (CDU) etwa planen, so denn Heidelberg oder Tübingen oder Karlsruhe als exzellent ausgezeichnet würden, die entsprechenden Hochschulen finanziell davon unabhängig zu machen, wie viele Studenten sie aufnehmen? Wird Bayern die Kapazitätsverordnung, die Anreize setzt, Studenten in möglichst großen Mengen durchzuschleusen, im Erfolgsfall für die LMU München außer Kraft setzen? Es ist ein besonders bitterer Witz der Hochschulgeschichte, daß der Exzellenzwettbewerb unter den Begleitumständen des Bologna-Prozesses ausgeschrieben worden ist. Mehr Studierende mit demnächst kürzerer Gymnasialausbildung schneller zum Abschluß durchzuschleusen - das wird, allem Ermessen nach, auch den mit Exzellenzschmuck dekorierten Universitäten nicht erlassen werden.
Eben dies aber dürfte gerade an den erfolgreichen Hochschulen zu Spannungen führen. Denn was werden die siegreichen Antragsteller tun, wenn sie ihre Graduate School in Advanced Optical Technologies oder ihr Exzellenz-Cluster Ultra High Speed Mobile Information and Communication genehmigt bekommen haben? Sie werden sich nicht nur im Vergleich mit anderen Hochschulen ausgezeichnet fühlen, sondern auch innerhalb der eigenen. Und werden versuchen, sich aus der grundständigen Lehre zurückzuziehen. Schon heute unterrichtet fast niemand gern im Bachelor-Bereich, und die Exzellenzträger werden mit guten Argumenten darauf hinweisen, daß sie ihre ganze Kraft für das Halten der erreichten Stellung und die Pflege der neuen Strukturen benötigen. Das einigermaßen kontingente Verfahren auf der Grundlage von Projektpapieren könnte so zu erheblichen Verwerfungen an Fachbereichen und Instituten führen. Daß sich die Forschung langfristig selber schwächt, wenn die Besten - aus Not und durch andere Möglichkeiten verführt - dem Fluchtinstinkt gegenüber der Lehre nachgeben, sei nur notiert.
Geisteswissenschaften spielen kaum eine Rolle
Das gilt insbesondere für das Verhältnis von Natur- und Ingenieurswissenschaften einerseits, Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits. Letztere spielen so gut wie keine Rolle im Wettbewerb, nicht zuletzt, weil ihnen die Organisation großer Forschungsverbünde und arbeitsteilig aufeinander aufbauender Projekte meist sachfremd ist. Doch dieser Hinweis auf nachvollziehbare Gründe ihrer Nichtbeteiligung am Eintreiben von Exzellenzmitteln wird ihnen wenig helfen, wenn Rektoren demnächst abrechnen, welche Teile der eigenen Universität der allgemeinen Phraseologie von Innovation, Profil und Zukunft am besten entsprechen.
Das führt zurück zur gelöschten Eliten-Komponente. Kein Mensch käme in Harvard, Berkeley oder Oxford jemals auf die Idee, sich der weichen Disziplinen zu entledigen oder sie bis zum Rand mit Studenten vollaufen zu lassen. Denn daß Elitenerziehung bei Betreuungsverhältnissen von 1:90 unmöglich ist, daß aber Elitenerziehung allgemeine Bildung, Sprache, Geschichte, Denken, Gesellschaftskenntnis und also Fächer impliziert, denen man hierzulande überall solche Betreuungsrelationen zumutet, steht andernorts außer Frage. Es ist insofern nicht nur der im Vergleich bescheidene Betrag von zwei Milliarden, der den Unterschied zwischen Spitzenuniversitäten im Ausland und Forschungsförderung bei uns ausmacht. Es ist viel mehr noch die traurige Anschauungslosigkeit, mit der hierzulande an den Universitäten herumreformiert wird. Mehr Geld für Forscher, dagegen ist wenig zu sagen. Mit besseren Universitäten hat es aber recht wenig zu tun. Und mit Elite gar nichts. Daß die eigentlichen Probleme der deutschen Hochschulen durch den Exzellenzwettbewerb nicht berührt sind, werden insbesondere seine Sieger recht bald merken.
Text: F.A.Z., 13.10.2006, Nr. 238 / Seite 37
Bildmaterial: ddp
