Allensbach-Analyse

Keine Angst vor Klimawandel und Kernenergie

Von Professor Dr. Renate Köcher

13. Juni 2007 Seit Monaten steht die Bevölkerung unter dem Eindruck der Kontroversen um das Thema Klimaschutz und des Ringens um einen internationalen Konsens über die Maßnahmen zur Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen. Mittlerweile gilt weltweit kein Problem als schwerwiegender. Der Klimawandel steht mit großem Abstand an der Spitze der Probleme, die nach den Vorstellungen der deutschen Bevölkerung in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zu bewältigen sind.

Weder der Bekämpfung der Armut in den Ländern der Dritten Welt noch der Bekämpfung von Krankheiten und Epidemien, der Bewältigung der demographischen Entwicklung oder der Schonung natürlicher Ressourcen wie Öl oder Gas wird auch nur annähernd ein vergleichbarer Stellenwert zugeschrieben.

79 Prozent der Bevölkerung zählen den Klimawandel zu den größten Problemen der Welt. Mit großem Abstand folgen die Sicherung der Energieversorgung (57 Prozent), die Bekämpfung der Armut (56 Prozent), die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle (54 Prozent) und die Bekämpfung des Terrorismus (52 Prozent).

Die Bewältigung der demographischen Entwicklung halten 44 Prozent für ein besonders wichtiges Problem, die Eindämmung des Bevölkerungswachstums 25 Prozent. Dass auch die Sicherung der Trinkwasserversorgung überall in der Welt eine große Herausforderung darstellt, ist 43 Prozent der Bevölkerung bewusst. Die Fokussierung auf das Thema Klimaschutz birgt erkennbar die Gefahr, dass Aufgaben, die heute über die Lebenschancen eines großen Teils der Menschheit entscheiden, in den Hintergrund gedrängt werden.

Am wenigsten beunruhigt ist die junge Generation

Der hohe Rang, den die Bevölkerung heute dem Klimaschutz zuweist, ist ein Beleg für eine erfolgreiche Themensetzung durch Politik und Medien, für die Veränderung der Vorstellungen von Problemen und Prioritäten. Als Beweis für eine tiefe Besorgnis der Bevölkerung taugt er jedoch wenig. Während der Klimaschutz in der Rangordnung der größten Aufgaben kometenhaft nach oben stieg, bildete sich gleichzeitig die Besorgnis der Bevölkerung über die Klimaveränderungen zurück, und zwar umso rascher, je intensiver die politische und gesellschaftliche Diskussion geführt wurde.

Anfang 2007 waren 44 Prozent der Bevölkerung über die Klimaveränderung sehr besorgt, zwei Monate später 41 Prozent, in den letzten Wochen nur noch 29 Prozent - fast genauso viel wie 2004 (30 Prozent).

Keine Alarmstimmung

Am wenigsten beunruhigt der Klimawandel die junge Generation. Bis zum Alter von dreißig Jahren ist nur jeder Fünfte über dieses Phänomen sehr besorgt. Die überwältigende Mehrheit glaubt auch nicht, dass der Klimawandel für sie persönlich Risiken mit sich bringt. Dies ist nicht nur die Übersättigung durch ein über Monate vorherrschendes Thema. Vielmehr hat die anhaltende Diskussion auch deutlich gemacht, dass es keineswegs einen Konsens der Experten gibt, ob das tatsächlich so akut ist.

Insgesamt ist wenig von Alarmstimmung zu spüren. Zwar hält knapp die Hälfte der Bevölkerung die in diesem Jahr schon sehr früh hohen Temperaturen für ein Anzeichen des Klimawandels; 39 Prozent widersprechen und sehen darin nur einen verfrühten Sommer. Je älter die Menschen sind, desto stärker neigen sie zur Deutung, dass es sich lediglich um einen verfrühten Sommer handelt. Vor allem die Altersklasse über 60 Jahre erinnert sich teilweise an ähnlich frühe Sommer.

Dennoch bezweifelt die überwältigende Mehrheit nicht, dass es langfristig gravierende Veränderungen gibt. Nur 37 Prozent der Bevölkerung glauben, dass es in der Menschheitsgeschichte bisher keine vergleichbaren Phasen des Klimawandels gab; 54 Prozent sind dagegen überzeugt, dass dies kein neues Phänomen ist, sondern dass es auch schon früher Phasen starker Klimaveränderungen gab.

Skeptische Bevölkerungsmehrheit

Während die öffentlich geführten Diskussionen teilweise mit der These des von der Menschheit verursachten und auch von ihr zu lösenden Klimawandels eine gewisse Hybris ausstrahlen, ist die Bevölkerungsmehrheit skeptischer. Nur 22 Prozent erwarten, dass sich die zunehmende Klimaerwärmung beherrschen lässt, 60 Prozent äußern Zweifel. Unter dem Eindruck der hektischen politischen Aktivitäten hat sich der Kreis der Skeptiker jedoch binnen eines knappen Jahres von 79 auf 60 Prozent vermindert, der der optimistisch Gestimmten von 9 auf 22 Prozent mehr als verdoppelt.

Trotz der Kühle, mit der die Bevölkerungsmehrheit die Diskussionen verfolgt, gibt es eine breite Unterstützung des deutschen Engagements für den Klimaschutz. Obwohl der Mehrheit durchaus bewusst ist, dass Deutschland hier weitaus mehr tut als andere Länder, hält nur eine kleine Minderheit das deutsche Engagement für überzogen. 60 Prozent wissen, dass Deutschland mehr Anstrengungen unternimmt, nur 3 Prozent vermuten, dass Deutschland hier hinter anderen Ländern zurückbleibt. Nur knapp 6 Prozent nennen das deutsche Engagement übertrieben, 45 Prozent plädieren für eine Ausweitung. Diese Forderung wird überdurchschnittlich von den Anhängern der Grünen und der Linkspartei erhoben, unterdurchschnittlich von den Anhängern der CDU/CSU, die den deutschen Beitrag überwiegend für mindestens angemessen halten.

Gespalten über deutsche Vorreiterrolle

Die deutschen Erfolge bei der Minderung der Kohlendioxid-Emissionen sind der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht bewusst. Nur 30 Prozent der Bevölkerung wissen, dass Deutschland in den letzten Jahren den Kohlendioxid-Ausstoß deutlich reduziert hat. Besonders bei den Anhängern von Grünen und Linkspartei finden die erzielten Erfolge kaum Anerkennung.

Völlig gespalten ist die Bevölkerung in Bezug auf die wirtschaftlichen Folgen einer deutschen Vorreiterrolle. 31 Prozent nehmen an, dass sich das überdurchschnittliche deutsche Engagement auch ökonomisch auszahlen wird, 27 Prozent befürchten negative wirtschaftliche Folgen; 29 Prozent halten die ökonomischen Auswirkungen für neutral.

Für die weitere Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen setzt die Bevölkerung vor allem auf steuerliche Fördermaßnahmen für erneuerbare Energien und schadstoffarme Autos und auf verstärkte Bemühungen, Energie zu sparen. Drei Viertel der Bevölkerung versprechen sich besonders viel von einer stärkeren Förderung regenerativer Energien, 74 Prozent von einer steuerlichen Begünstigung von Personenwagen mit niedrigem Schadstoffausstoß.

Zwei Drittel setzen auf eine bessere Wärmedämmung von Häusern, rund 60 Prozent auf individuelle Bemühungen, Energie zu sparen und insbesondere auch Autofahrten zu reduzieren und dafür mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen (Tabelle). Dies kann allerdings nicht als Bereitschaft der Mehrheit gedeutet werden, ihre eigenen Fahrten nennenswert einzuschränken. Weder die Bilanz der privaten Fahrten noch die Flugbegeisterung der Deutschen liefern bisher Anzeichen einer konsequenten Askese.

Die Bewertung der einzelnen Maßnahmen ist auch keineswegs festgefügt. So halten 55 Prozent die steuerliche Begünstigung von Biokraftstoffen für wirksam. Entsprechend positiv wird eine stärkere Förderung von Biokraftstoffen gesehen. Dass die verstärkte Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Erzeugung von Biokraftstoffen Rückwirkungen auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion und ihre Preise haben könnte, ist für die überwältigende Mehrheit ein neuer Gedanke.

71 Prozent haben noch nie davon gehört. Eine Verteuerung von Lebensmitteln in den Entwicklungsländern als Folge einer verstärkten Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Energieproduktion hält die Mehrheit für nicht hinnehmbar. Nur 17 Prozent wären bereit, dies zugunsten eines höheren Anteils an Biokraftstoffen in Kauf zu nehmen.

Flexible Haltung zur Nutzung der Kernenergie

Auch die Haltung zur künftigen Nutzung der Kernenergie ist flexibler, als es die verhärteten Fronten in der öffentlichen Diskussion und zwischen den Parteien vermuten lassen. 73 Prozent der Bevölkerung haben wahrgenommen, dass bei den Diskussionen über einen erfolgreichen Klimaschutz auch die Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke gefordert wurde. Nur 32 Prozent der Bevölkerung glauben, dass davon ein beträchtlicher Beitrag zur Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen zu erwarten wäre.

Dieses Potential der Kernenergie wurde in den letzten Jahrzehnten immer unterschätzt. Viele können sich jedoch durchaus für den Vorschlag erwärmen, den der Energiewirtschaftler Utz Claasen öffentlich verfochten hat, nämlich die Laufzeiten der Reaktoren um zehn Jahre zu verlängern unter der Bedingung, dass ein Großteil der zusätzlichen Einnahmen in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert wird. 49 Prozent der Bevölkerung unterstützen diesen Vorschlag, 25 Prozent sprechen sich dagegen aus.

Dass die Klimadebatte durchaus Auswirkungen auf die Bewertung der Kernenergie hat, zeigt die Einschätzung des Ausstiegsbeschlusses. Von Anfang an war die Mehrheit skeptisch, ob dieser Beschluss realistisch ist. Stabil vertraten zwischen 52 und 55 Prozent der Bevölkerung in den letzten Jahren die Überzeugung, dass Deutschland auch langfristig nicht auf die Kernenergie verzichten wird. Seit Januar hat diese Überzeugung noch einmal deutlich an Unterstützung gewonnen. Zurzeit gehen 63 Prozent davon aus, dass die Kernenergie auch über den geplanten Ausstiegszeitpunkt hinaus genutzt werden wird, nur noch 16 Prozent rechnen mit einer Umsetzung des Beschlusses.

Die Gelassenheit der Bevölkerung gibt der Politik jeglichen Spielraum für vernünftige und ganzheitlich angelegte Konzepte für Umweltschutz und Energiepolitik, die auch die ökonomischen Ziele immer mit im Blick haben. Ob dies jeden Politiker davor schützt, die aktuelle Klimadebatte als Vehikel für die eigene Profilierung zu nutzen, ist eine andere Frage.

Text: F.A.Z., 13.06.2007, Nr. 134 / Seite 5
Bildmaterial: F.A.Z., Institut für Demoskopie Allensbach

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