Französische Präsidentschaftskandidaten

Acht Kleine stören vier Große

Von Michaela Wiegel, Paris

Frédéric Nihous (r.), Kandidat der Fischer- und Jägerpartei

Frédéric Nihous (r.), Kandidat der Fischer- und Jägerpartei

20. März 2007 Der Frauenanteil ist so groß wie nie zuvor bei französischen Präsidentenwahlen: Gut einen Monat vor dem ersten Wahlgang am 22. April hat der französische Verfassungsrat am Dienstag die Liste der zwölf Kandidaten veröffentlicht, die bei den Wahlen antreten können; vier von ihnen sind Frauen. 2002 hatten sich 16 Kandidaten um das höchste Staatsamt beworben, 1995 waren es neun gewesen. Zumindest im Hörfunk und im Fernsehen herrscht von Dienstag an strikte Gleichberechtigung für alle zwölf Kandidaten. Die Unterscheidung zwischen „großen“ und „kleinen“ Kandidaten wird in dieser Wahlkampfphase aufgehoben, es stehen ihnen gleiche Redezeiten zu.

Diese Regel kommt vor allen den kaum bekannten Kandidaten zugute, die wie der Chef der Jäger- und Fischerpartei „Chasse - Pêche - Nature - Traditions“ (CPNT), Frédéric Nihous, bislang nur der eigenen Klientel geläufig sind. Der 39 Jahre alte Jurist Nihous will der Jäger- und Fischerlobby des ländlichen Frankreichs Gehör verschaffen. Er sieht die Tradition der Jagd durch die EU-Reglementierungen bedroht und kämpft „gegen das liberale und föderale Europa“. Er beklagt die kontinuierliche Ausdünnung staatlicher Strukturen in Frankreichs ländlichen Gegenden. „Ich akzeptiere nicht, 20 Kilometer bis zum nächsten Postamt fahren zu müssen“, sagt Nihous. Wie der Zentrist François Bayrou, der seit kurzem zu den Kandidaten mit Siegeschancen zählt, lehnt es Nihous ab, einem politischen Lager zugeordnet zu werden.

Besancenot will aus der EU austreten

Klar links von Ségolène Royal als Kandidatin der Sozialistischen Partei, die innerhalb Europas zu den orthodoxesten zählt, haben sechs Kandidaten die Ablehnung des Wirtschaftsliberalismus gemeinsam. Olivier Besancenot, ein 32 Jahre alter Postbote mit Geschichtsdiplom, tritt zum zweiten Mal für die trotzkistische Bewegung „Ligue communiste révolutionnaire“ (LCR) an. 1,3 Millionen Franzosen stimmten 2002 für Besancenot, der auch dieses Mal wieder ein Entlassungsverbot für alle Unternehmen fordert und die vertragliche Befristung von Arbeitsverhältnissen einfach verbieten will.

Besancenot möchte die Wochenarbeitszeit weiter verringern, eine Gehaltserhöhung um 300 Euro monatlich für alle Gehälter vorschreiben und den staatlichen Mindestlohn sofort auf monatlich 1500 Euro erhöhen. Alle illegalen Einwanderer sollen eingebürgert werden, mit Besancenot soll Frankreich aus der Nuklearenergie aussteigen und die EU verlassen.

Zerstörungen von McDonalds-Restaurants

Einen Ausstieg aus der EU fordert auch die Trotzkistin Arlette Laguiller, die im Alter von 66 Jahren zum sechsten Mal für „Lutte ouvrière“ (etwa: Arbeiterkampf) bei den Präsidentenwahlen antritt. „Ich bin gegen den Kapitalismus“, sagt Arlette Laguiller. Auch sie will Unternehmern verbieten, Mitarbeiter zu entlassen, überdies die Rentenreformen zurücknehmen, den Mindestlohn auf 1500 Euro erhöhen und überhaupt „die Ausbeutung der Arbeiter“ abschaffen. Neu im trotzkistischen Spektrum, das in Frankreich über schier unerschöpfliche Ressourcen verfügt, ist der Kandidat Gérard Schivardi, ein 56 Jahre alter Maurer, der für die Partei der Arbeiter (PT) ins Rennen geht. Schivardi ist Bürgermeister im Dorf Mailhac im Département Aude und sieht sich als Anwalt der kleinen Kommunen, die aus seiner Sicht vom Staat in Stich gelassen werden. Er plädiert für einen „Bruch mit der EU, der Kommission in Brüssel, der EZB und dem vorgeblichen Parlament“.

Auf seinen hohen Bekanntheitsgrad setzt hingegen der 53 Jahre alte José Bové, der es mit Zerstörungen von McDonalds-Schnellrestaurants und genetisch manipulierten Maisfeldern immerhin bis in amerikanische Fernseh-Talkshows geschafft hat. Bové wurde wegen einer seiner zerstörerischen Aktionen im Februar zu vier Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, hofft aber auf einen Aufschub beim Strafvollzug und hat sich schon zum „politischen Gefangenen“ erklärt, sollte er während des Wahlkampfes seine Strafe verbüßen müssen. Bové lehnt die Globalisierung ab und will Frankreich aus dem Liberalisierungszwang der EU „befreien“.

Glaubwürdigkeit als Umweltschützerin verspielt

Auch die kommunistische Kandidatin Marie-George Buffet plädiert für einen Bruch mit der „liberalen EU“. Die 57 Jahre alte Abgeordnete verspricht die Erhöhung aller Sozialleistungen und eine Anhebung des Mindestlohns auf 1500 Euro zum 1. Juli. Sie hofft, ihr Ergebnis von 3,4 Prozent bei der Präsidentenwahl 2002 zu verbessern. Im Gegensatz zu den Grünen befürwortet die Kommunistin das Nuklearprogramm und spricht sich für den Bau des neuen Reaktors EPR in Flamanville aus.

Die Grüne Dominique Voynet leidet angesichts der linken Konkurrenz unter ihrem mangelnden ökologischen Profil. Die 48 Jahre alte Senatorin hat als Umweltministerin (1997-2001) unter dem sozialistischen Premierminister Jospin mit einem katastrophalen Krisenmanagement während der Ölpest vor der bretonischen Küste ihre Glaubwürdigkeit als Umweltschützerin verspielt. Sie hat die Grünen auf ein trotzkistisch inspiriertes Sozialprogramm festgelegt. Ihre Zustimmung zur EU hebt sie aber von der Konkurrenz ab, sie tritt für eine Aufnahme der Türkei ein. Ihr jüngstes Bündnisangebot an die Sozialisten hat zu Protesten in der eigenen Partei geführt. Dominique Voynet wird vorgehalten, nur an einer Regierungsbeteiligung interessiert zu sein.

Im rechten Parteienspektrum versucht sich Philippe de Villiers vom Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen und dem Rechtsbürgerlichen Nicolas Sarkozy abzuheben. Der 58 Jahre alte Graf aus der Vendée hat den „Kampf gegen die Islamisierung der französischen Gesellschaft“ zu seinem Anliegen erhoben. Er will „null Einwanderung“, ein „Europa der Nationen“ und ein Referendum über den Euro. 1995 erhielt er 4,74 Prozent der Stimmen.

Text: F.A.Z., 21.03.2007, Nr. 68 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, ddp, REUTERS

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