Lexikon

Das war Rot-Grün: M wie Münte

Von Guido Franke

22. Juni 2005 Franz Müntefering (M.), geboren im Januar 1940, Sachverwalter der Sozialdemokratie aus dem Sauerland, sozialisiert durch seine Ausbildung als Industriekaufmann in der Metallbranche mit gewerkschaftlichem Stallgeruch - die Biographie eines klassischen Genossen bundesrepublikanischer Prägung.

Dennoch politisch „ein Spätzünder“ (F.A.Z.), stets mußte M. in den vier Jahrzehnten seiner politischen Karriere den Umweg über den zweiten Bildungsweg gehen. Bei seinem langen Marsch durch die Institutionen der eigenen Partei lange unterschätzt, was einige der wenigen Parallelen zu der christdemokratischen Parteivorsitzenden sein dürfte. Ausgerechnet Angela Merkel könnte nun ein Grund dafür sein, daß ihm der Sprung auf die letzte Stufe der Karriereleiter im wiedervereinigten Deutschland vermutlich versagt bleiben wird.

Ein treuer Parteisoldat

Stets hat es M. vermieden, als strebsamer Karrierist zu erscheinen, sein Image als treuer Parteisoldat dagegen durchaus gepflegt. So erschien er seiner Partei immer wieder als Helfer in der Not nach schweren Wahlniederlagen.

Vor knapp zehn Jahren holte ihn Rudolf Scharping, der mittlerweile nur noch als Radsportpräsident PR in eigener Sache braucht, wenige Wochen vor dem „Putsch von Mannheim“ aus der Landespolitik zurück ins Zentrum der Partei nach Bonn - als Bundesgeschäftsführer. Während der parteiintern isolierte Scharping kurz darauf von Oskar Lafontaine weggemobbt wurde, hatte sich M. längst eine gewichtige Hausmacht im SPD-Großbezirk Westfalen aufgebaut - und blieb. Oder war er gar schon damals der „Spiritus Rector“ der Rochade an der sozialdemokratischen Spitze?

Unsichtbarer Vierter

Nicht einmal als dritter Mann, sondern als unsichtbarer Vierter im Bunde des Bermudadreicks der Macht zwischen Scharping (Fraktionsvorsitz), Lafontaine (Parteivorsitz) und dem potentiellen Kanzlerkandidaten Schröder zog M. die Strippen. Das rot-grüne Projekt, für mehr als eine Generation nach 16 Jahren Kohl Lebenselixier oder gar Verheißung, nannte M. lediglich das „Vernünftigste“ für einen Politikwechsel in Bonn.

Gleichwohl machte er sich einen Namen als effektiver Wahlkampfmanager mit einer selbständig agierenden Zentrale und moderner Kommunikationslogistik. Innovation und soziale Gerechtigkeit durch die Neue Mitte waren die Kernbotschaften des Wahlkampfes für das SPD-Triumvirat. Das zog und war der Schlüssel zum Eintritt in das Kanzleramt für den „Genossen der Bosse“. Schröder mußte fortan nicht mehr am Zaun rütteln oder zumindest an der Legende daran stricken, sondern er war drin.

Mit dem Dreiklang, der Mehrheiten schafft, will nun auch Frau Merkel ihren persönlichen „materiellen Siegeszug der Freiheit“ vollenden: Innovation (wahlweise Bildung), soziale Marktwirtschaft und die Mittelschicht angereichert durch eine Prise Nationalismus und Bürokratieabbau sind ihre Themen auf dem Weg zur Macht im deutschen Staate. Nicht nur von Kohl, sondern auch von Müntefering lernen, heißt „Siegen lernen“ für die im Sozialismus aufgewachsene Pfarrerstochter.

Keine „Visionen“

1999 übernahm M. das Amt des Generalsekretärs und 2004 sogar den Parteivorsitz vom (Noch-)Kanzler Schröder. Das gelang bis dahin noch keinem Sozialdemokraten in der Geschichte der Nachkriegs-SPD: Der Vorsitz von Partei und Fraktion. Wie elder statesman Helmut Schmidt ein sozialer Demokrat, der wegen „Visionen“ eher zum Arzt rennen würde, als diese als Eingebung für ein Parteiprogramm zu verwenden, kann M. jedoch so schnell und so oft wie kein anderer „sozialer Fortschritt“ oder „soziale Gerechtigkeit“ sagen, auch wenn damit bisweilen soziale Grausamkeiten gemeint sind.

„Münte“, so nennen ihn Freunde, Kollegen und Genossen, machte in den vergangenen Monaten nicht nur als Politiker, sondern auch als Insektenforscher auf sich aufmerksam. „Der nüchterne Seelenheiler der Genossen“ („Handelsblatt“), sah sich im Frühjahr 2005 zum rhetorischen Großangriff aufgerufen, angesichts seiner durch Agenda 2010 und Hartz IV (siehe auch: Rot-Grün-Lexikon: H wie Hartz, Peter) von der Spaltung bedrohten und in tiefe Depression verfallenen Partei.

Der bibelfeste Insektenforscher

Der bibelfeste Katholik nahm Rückgriff auf das zweite Buch Mose, Exodus 10, 3 -20 und titulierte kurz nach der Übernahme der Deutschen Börse durch einen Hedge-Fonds „manche Finanzinvestoren (...) als Heuschreckenschwärme“, die „über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen“.

Doch auch wenn M. inzwischen nach eigener Aussage das „schönste Amt neben dem Papst“ bekleidet, derlei Kapitalismuskritik ist in Deutschland keinem Sozialdemokraten im Kampf um den Machterhalt erlaubt. Wo dem Deutschen im Vatikan, Benedikt XVI., Respekt für seine Kritik an der „Diktatur des Relativismus“ gezollt wurde, hagelte es für M. Kritik von allen Seiten.

Schlimmer noch: Für die Umfragewerte seiner im Sinkflug befindlichen sozialdemokratischen Gemeinschaft konnte M. damit keine signifikante Trendwende auslösen. Und die Sektierer und Spalter aus dem Gewerkschaftslager und dem linken Flügel ließen sich auch nicht mehr zurück in den Mutterschoß der Partei holen. Da half es auch nicht, daß M. keine Scheu zeigte, sich demonstrativ neben der Büste von Karl Marx ablichten zu lassen. Stimmen gewinnt er damit keine mehr. Nicht bei linken Träumern und auch nicht bei Traditionalisten und Nostalgikern aus dem Osten.

Totengräber von Rot-grün?

So könnte nun ausgerechnet der „Cheforganisator sozialdemokratischer Disziplin“ („Frankfurter Rundschau“), der - obwohl durchaus juvenil wirkend - im Alter wäre, in den beruflichen Ruhestand zu treten, zum Totengräber von Rot-Grün werden. Da helfen auch nicht mehr Mindestlohn oder Millionärssteuer.

Oder aber begehen seine politischen Freunde wie Feinde abermals den Fehler, M. zu unterschätzen? War es gar nicht Schröders Coup, sondern Münteferings Drängen, die den Kanzler nach dem Desaster in Nordrhein-Westfalen zur kapitalen Fehlkalkulation der Neuwahl veranlaßte? Wird sich Anfang Juli doch noch ein anderes Szenario abspielen?

Köhler quälen Verfassungsbedenken zur Vertrauensfrage, der Bundespräsident lehnt die Auflösung des Parlaments ab. Die Neuwahl fällt aus, Schröder gibt auf und tritt zurück, M. wie Münte wird Kanzler, und der schwächelnde Standort im Zeitalter der Globalisierung erlebt auch ohne schwarze-gelbe Mehrheit im Bund schon im Frühjahr 2006 sein Wirtschaftswunder am Anfang des 21. Jahrhunderts?

M. liebt die einfache Analyse („Opposition ist Mist“) und die „Dreiwortsatz-Lyrik“ („Die Welt“). Heißt es am Ende in seinem Sinne: Partei gut, Fraktion gut, Glück auf Deutschland?

In einer werktäglichen Serie blickt FAZ.NET zurück: In unserem „Lexikon: Das war Rot-Grün“ schildern wir anhand von Schlagwörtern von A wie „Atomausstieg“ bis Z wie „Zwanzigzehn“, wie wir das fast schon historisch gewordene rot-grüne Projekt erlebt haben - streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Am Donnerstag lesen Sie in unserem Rot-Grün-Lexikon: N wie NPD-Verbot



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Bildmaterial: F.A.Z. / Martin tom Dieck, FAZ.NET, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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