CSU

Grenzenlos enttäuscht

Von Albert Schäffer

Stoiber: Alles andere als ein Traum-Ergebnis

Stoiber: Alles andere als ein Traum-Ergebnis

19. September 2005 Auf der Wahlparty der CSU hat ein CSU-Mitglied die Stimmung seiner Partei schon kurz nach der ersten Prognose auf den Punkt gebracht: „Der Kaas is gessen.“ Schier grenzenlose Enttäuschung machte sich in der Hanns-Seidel-Stiftung auf den Gesichtern breit.

Sofort setzten die ersten Schuldzuweisungen ein, in Richtung CDU. Das sei die Quittung für einen verfehlten Wahlkampf des Adenauer-Hauses, sagten einige CSU-Mitglieder. Ohne Not habe es die CDU zugelassen, daß die SPD vom eigenen Scheitern abgelenkt hätte.

Historische Reminiszenarien

Schon in den vergangenen Tagen hatte sich in den Führungszirkeln der CSU Pessimismus breitgemacht; immer wieder wurden mögliche Szenarien für den Wahlausgang durchgespielt. Taktische und personelle Optionen wurden erwogen, sollte es für eine Koalition aus Union und FDP nicht reichen - immer unter der für die CSU absolut gesetzten Priorität: dem Machterhalt in Bayern. Auf 2008, das Jahr der nächsten Landtagswahl, richteten sich auch die Blicke, wissend, daß ein Verlust der absoluten Mehrheit die CSU in eine andere Partei verwandeln würde.

Unter dieser Perspektive wurde am Wahlabend auch die Frage aller Fragen aus Sicht der CSU erörtert - welches Gewicht die CSU in einer großen Koalition entfalten könnte. Historische Reminiszenarien wurden wach - an die Rolle, die Franz Josef Strauß als Finanzminister in der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger gespielt habe. Gute Jahre für die CSU seien es gewesen, lautete eine Lesart; der anschließende Machtverlust 1969, lautete die weniger optimistische Variante. Und biographische Brücken wurden geschlagen, zu Straußens Erbe Stoiber.

Stoibers Attacken

Ob sein Weg auch unter großkoalitionären Vorzeichen in das Finanzressort führen sollte, wurde unter den CSU-Anhängern gemutmaßt. Ihm war im Wahlkampf nicht nur jenseits der bayerischen Grenzen Unverständnis entgegengeschlagen, daß er sich nicht festlegte, wo in den kommenden Monaten und Jahren sein Platz sein soll, in Berlin oder in München. Allerdings erlaubte dies Verhalten der CSU, sich als die Partei zu präsentieren, die an erster, zweiter und dritter Stelle Bayern im Sinn führt. Anders als vor drei Jahren, als Stoiber als Kanzlerkandidat der Union antrat, konnte sie einen auf Bayern ausgerichteten Wahlkampf führen.

Dazu gehörten auch die Attacken Stoibers auf Sympathisanten der Linkspartei in den neuen Ländern; sie dienten nicht zuletzt dem Ziel, möglichst die eigenen Wähler zu mobilisieren, sie zur Stimmabgabe zu motivieren. Denn auch dieses Mal sollte die Frage, wie hoch die Wahlbeteiligung in Bayern ist, für die CSU fast so spannend sein wie ihr prozentuales Abschneiden. Im Jahr 2002 war für die CSU eine fast ideale Kombination eingetreten, nicht zuletzt wegen der Kanzlerkandidatur des Landeskindes Stoiber; 58,6 Prozent der Stimmen brachten bei einer Wahlbeteiligung von 81,5 Prozent 58 Abgeordnetensitze in Berlin.

Schau'n mer mal!

Schon die erste Hochrechnung für Bayern zeigte, daß die CSU dieses Mal Abstriche machen mußte und sogar unter die magische Grenze von 50 Prozent rutschte. 18 Prozent läge man aber immer noch über der CDU, wurde trotzig vorgerechnet - da erübrigten sich doch weitere Nachforschungen, wo das Kraftzentrum der Union nach wie vor liege und wer die Kunst des Wahlkampfs beherrsche. Zu den Pflichtübungen Stoibers hatte in den vergangenen Monaten gehört, zu dementieren, daß er jemals die CDU-Vorsitzende Merkel und den FDP-Vorsitzenden Westerwelle in Verbindung mit dem Berufsstand der politischen Leichtmatrosen gebracht habe.

Stoibers Erklärung

Es war eine undankbare Aufgabe, weil sich in dieser Begrifflichkeit ziemlich genau abbildete, was zumindest in Teilen der CSU über die Mitstreiter gedacht wurde - auch am Wahlabend. Mit Blick auf die FDP ging ein Gespenst in der Hanns-Seidel-Stiftung um: die Möglichkeit einer Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP. Würden Westerwelle und seine Führungsleute beim fulminanten Abschneiden der FDP wirklich die Kraft aufbringen, im Bundestag auf den Oppositionsbänken Platz zu nehmen? Sei nicht die FDP eine Partei, die wie keine ihre Lebenskraft aus Regierungsbeteiligungen schöpfe? Spätestens bei diesen Fragen wurde bei der CSU das Mantra des beliebtesten aller Bayern, des Nationalheros Franz Beckenbauer, beschworen: Schau'n mer mal!

Text: F.A.Z., 19.09.2005, Nr. 218 / Seite 3
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche