21. März 2007 Den Pferdeflüsterer haben sie ihn in Paris getauft, und es sollte ein wenig spöttisch klingen. Denn François Bayrou kommt nicht nur aus einer Landwirtfamilie, er züchtet Pferde, daheim im Pyrenäenvorland, wo der Bauernhof seiner Vorfahren liegt. Bordères heißt sein Heimatdorf, und hier, vor matschigen Wiesen, hat Bayrou seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgegeben.
Das war Anfang Dezember, ein Tross von Journalisten war in den Südwesten gereist, alle fanden es irgendwie kurios, aus der tiefsten Provinz das Rennen auf das höchste Staatsamt in Paris aufzunehmen. Bayrou hatte das genau kalkuliert, die Überheblichkeit der Medien wie die Wirkung auf die Franzosen.
Gegen die da in Paris
Immer wieder hat er sich als Kandidat gegen die da in Paris bezeichnet, jene Mächtigen in Politik und Presse, die über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden, die das Volk belächeln und mit dem Großkapital heimlich gemeinsame Sache machten.
Bayrous Strategie ist aufgegangen, das haben zumindest die Meinungsforschungsinstitute herausgefunden, die dem Mann aus der Gascogne inzwischen zutrauen, in den zweiten Wahlgang der Präsidentenwahlen am 6. Mai zu gelangen. Wenn er das schafft, sagen die Umfrageinstitute, würde er sich in der Stichwahl sowohl gegen die Sozialistin Ségolène Royal als auch gegen den Rechtsbürgerlichen Sarkozy durchsetzen. Im ersten Wahlgang läge Bayrou heute nach mehreren Umfragen gleichauf mit Frau Royal und nur noch wenige Prozentpunkte (zwischen zwei und vier) vom Favoriten Sarkozy von der UMP entfernt.
Ein bedächtiger Familienvater der Nation
Bayrou hat es verstanden, seine Schwächen in Stärken zu verwandeln. Denn der ehrgeizige, machthungrige Sarkozy beunruhigt trotz aller Läuterungsversuche bürgerliche Wähler: Er spricht schnell und verspricht viel, seine Augen blitzen durchtrieben, wenn er seine Gesprächspartner intelligent übertrumpft. Bayrou, der als Kind gestottert hat, artikuliert immer ganz deutlich, sein Redefluss ist langsam, er blickt wohlwollend.
Sarkozy will Frankreich aufrütteln, es für die Globalisierung fit machen, ungeachtet jener, die dabei vielleicht auf der Strecke bleiben. Bayrou hingegen nimmt sich wie ein bedächtiger Familienvater der Nation aus. Er will die ihm Anvertrauten auch auf den rechten Weg bringen, aber ohne Tritte in den Hintern. Sechs Kinder hat der 55 Jahre alte Bayrou mit seiner Frau Elisabeth großgezogen, er weiß Disziplin und Respekt genauso wie Vertrauen und Eigenverantwortung zu schätzen.
Barmherziger Gegenpunkt
Projekt Hoffnung hat Bayrou das Buch zu seiner Präsidentschaftskandidatur betitelt, in dem er in christlich-demokratischer Tradition für eine soziale Marktwirtschaft plädiert, für Wettbewerb und Freihandel, aber nicht als Selbstzweck und Werteersatz in einer Konsumgesellschaft. Sarkozy haftet als Innenminister das Bild des obersten Sheriffs an, er gilt als unnachgiebig, wenn nicht hartherzig. Bayrou setzt seine vom christlichen Weltbild geprägte Barmherzigkeit dagegen. Ich bin gläubiger Katholik und praktizierend, wie man das heutzutage so sagt, schreibt Bayrou im Projekt Hoffnung. Im säkularisierten Frankreich, in dem die traditionellen Familienstrukturen aufgebrochen sind, sprechen Politiker nur noch selten über ihren Glauben.
Bayrou will einen Gegenpunkt markieren, zugleich bekennt er sich zu der laizistischen Tradition, die Religionen in die Privatsphäre delegiert und insbesondere aus dem Staatswesen verbannt. Nichts ist schlimmer als eine Staatsreligion, wenn die Grenze zwischen Geistlichkeit und Politik verschwimmt, sagt Bayrou. Anders als Sarkozy will er die bestehende Gesetzgebung nicht ändern und lehnt die vom UMP-Kandidaten geforderte Sonderförderung des Islam ab. Bayrou wirft Sarkozy vor, ein Mann des profitorientierten Systems zu sein, das Frankreich im Namen der Globalisierungszwänge zu einer Selbstentfremdung dränge.
Brückenschlag von rechts nach links
Die ungebrochene Sehnsucht der Franzosen nach rebellischen Helden à la Asterix erwidert Bayrou - er gebärdet sich als résistant gegen das Pariser Establishment. Natürlich stimmt Bayrous Selbstdarstellung nur zum Teil, denn seit mehr als zwanzig Jahren verbringt er genauso viel Zeit in frisch polierten Schuhen in der Hauptstadt wie in erdverklumpten Gummistiefeln im Béarn. In der UDF, der Partei Giscard d'Estaings, hat er, der Altphilologe, der den Schuldienst satthatte, kontinuierlich an seinem Aufstieg gearbeitet, vom Generalsekretär bis zum Parteivorsitzenden 1998.
Dem rechtsbürgerlichen Lager, das er jetzt mit einem Brückenschlag zur gemäßigten Linken nach eigenen Worten überwinden will, verdankt er seine Regierungserfahrung als Bildungsminister von 1993 bis 1997. Bayrous Verdienst ist es, eine Debatte über das Links-rechts-Feindbild in Frankreich angestoßen zu haben. Bayrou glaubt, dass Frankreich nur mit einem parteiübergreifenden Konsens reformiert werden kann.
Geld gibt's nur noch für die Bildung
Die Staatsverschuldung zählt zu seinen Lieblingsthemen im Wahlkampf. Anders als die Sozialistin Ségolène Royal, die auf ein Wirtschaftswachstum nach ihrer Wahl setzt und, darauf vertrauend, die Staatsausgaben zu erhöhen verspricht, will Bayrou zuerst den Haushalt sanieren. Ihm sind bislang keine populären Ankündigungen wie Renten- oder Sozialleistungserhöhungen zu entlocken gewesen.
Bayrou will sparen, wo es geht, nur das Schulwesen nimmt er aus. Denn in die Bildung der kommenden Generationen will Bayrou investieren. Die Lehrer, die er aufmuntert und bestärkt, wo es nur geht, zählen zu seiner wichtigsten Wählerreserve auf der Linken.
Kurz und knapp aus der Verfassungskrise
Überhaupt nimmt er sich den verwaisten Wählern der Republik an, den Jasager im Referendum über den europäischen Verfassungsvertrag etwa. Da sollen Sarkozy und Royal ruhig um die Mehrheit der Nein-Wähler buhlen, Bayrou fordert eine Neugründung Europas. Die Völker haben sich von Europa entfernt. Die Regierenden tragen ihren Teil der Verantwortung daran. Die Bürger haben den Eindruck bekommen, dass Europa nur eine riesige Maschine ist, die Normen und Richtlinien produziert, sagt Bayrou.
Aus der Verfassungskrise will er die Europäer mit einem kurzen, lesbaren und verständlichen Text führen, den er Grundgesetz nennt. Eine Regierungskonferenz, wie die Bundeskanzlerin sie vorschlägt, ist ihm für die Verhandlungen darüber willkommen.
Aber Bayrou will mehr: eine Vertiefung Europas, die sich zunächst auf die Länder der Euro-Zone beschränken solle. Bayrou glaubt an die mögliche Koexistenz einer großen Freihandelszone mit gemeinsamen Normen und einem ersten europäischen Zirkel von Ländern, die mehr gemeinsam machen. Er greift dabei auf das von den Deutschen Wolfgang Schäuble und Karl Lamers 1994 entwickelte Konzept eines Kerneuropas zurück. Bei den gebildeten, besserverdienenden Wählerschichten kommt er damit an. Selbstbewusst sagt er: Ich werde es in die Stichwahl schaffen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, REUTERS