Faruk Şen

Alleingänge und Entgleisungen

Von Christoph Ehrhardt

Mit seinen Äußerungen ruft Şen unter Wissenschaftlern Kopfschütteln hervor

Mit seinen Äußerungen ruft Şen unter Wissenschaftlern Kopfschütteln hervor

03. Juli 2008 Faruk Şen kämpft um seinen Posten. Während sich die Führung des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) nach eigenen Angaben einen Neuanfang und eine friedliche Beilegung des Streits mit dem langjährigen Direktor wünscht, ging am Mittwoch eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht Essen ein. Şen war gekündigt worden, nachdem am 24. Juni durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Deutschland ein Beitrag Şens in der türkischen Wirtschaftszeitung „Referans“ bekanntgeworden war, in dem er geschrieben hatte, die Türken seien „die neuen Juden Europas“.

Sollte die Klage erfolgreich sein, sagte Şens Anwalt Christian Birnbaum, dann wäre auch die Entbindung Şens von seinem Amt als Direktor hinfällig. Zunächst einmal müsse das ZfT die Gründe für die Kündigung darlegen. Birnbaum rechnet damit, dass eine Entscheidung darüber frühestens in zwei Monaten fällt. Auch das Kuratorium der Stiftung, die Träger des Zentrums ist, muss die Entlassung und Abberufung billigen. Eine entsprechende Sitzung ist für den 18. Juli angesetzt. Şen selbst hatte sich für die Äußerungen entschuldigt, seine Abberufung jedoch als „politisches Attentat“ kritisiert. Er sei Opfer eines Komplotts.

„Weil er Deutschland kritisierte, musste er gehen“

Die Ditib, der deutsche Arm des türkischen Religionsamtes, sah sich angesichts der scharfen Auseinandersetzung schon dazu veranlasst, eine Pressemitteilung herauszugeben, in der sie vom Stiftungskuratorium eine „besonnene umsichtige Entscheidung“ fordert. „Diese Angelegenheit in aller Öffentlichkeit so zu beenden wäre enttäuschend und den Erfolgen des ZfT nicht angemessen.“

Der konservative Verband ließ offen, ob mit dieser „umsichtigen Entscheidung“ eine Entscheidung im Sinne Şens gemeint ist, teilte aber mit, dass sich die Mitteilung keinesfalls gegen Şen richte. Vielmehr gehe es um den Imageschaden, der dem ZfT drohe. Şen verkörperte das ZfT. Türkischstämmige Politiker weisen besorgt darauf hin, dass der Streit über ihn integrationspolitisch schädlich sei. Sie verweisen auf die Berichterstattung in der türkischen Presse. „Weil er Deutschland kritisierte, musste er gehen“, schrieb die auflagenstarke Boulevardzeitung „Hürriyet“. Die Entscheidung des ZfT-Vorstands, Şen zu kündigen, wurde als Zeichen mangelnder Pressefreiheit gedeutet.

„Er polarisiert, statt zur Integration beizutragen“

Am 26. Juni waren die ZfT-Vorstandsmitglieder in einer Sondersitzung zusammengekommen, um über den Fall zu beraten. Şen war nicht erschienen. Er hatte einen ärztliches Attest der Uni-Klinik Istanbul vorgelegt, in dem ihm von einer Flugreise von Istanbul nach Deutschland abgeraten wurde. In seiner Pressemitteilung sprach der ZfT-Vorstand von einer „kurzfristig mitgeteilten Erkrankung“. Die Sitzung - es sei eine „seriöse Diskussion“ geführt worden - dauerte gut anderthalb Stunden.

Aus dem Vorstand heißt es, man habe vor der Wahl gestanden, Faruk Şen förmlich abzumahnen, oder von seinen Pflichten zu entbinden. Am Ende seien sich alle in der Bewertung einig gewesen: Şen sollte fristlos gekündigt und von seinen Aufgaben als Direktor des Zentrums entbunden werden. Zur Begründung hieß es, durch seine Äußerungen vermittle er insbesondere auch in türkischen Medien einen verzerrten Eindruck vom Zusammenleben von Deutschen und Türken.

Er „polarisiert damit, statt zur Integration beizutragen. Er fördert nicht das gegenseitige Verständnis und verstößt fortlaufend gegen den Stiftungszweck“. Ein Vorstandsmitglied sagte dieser Zeitung, die Äußerungen in dem „Referans“-Artikel seinen „der Hammer“ in einer „langen Kette“ von Verfehlungen und Alleingängen gewesen. Man habe seitens des ZfT-Vorstands in den vergangenen Jahren immer wieder informelle Kritik geübt, um den kollegialen Umgang nicht zu gefährden.

Nicht vorschnell verurteilen

Dass der Zentralrat der Juden Şen in Schutz genommen hatte, nahm der ZfT-Vorstand zur Kenntnis. Der sechzig Jahre alte Şen hatte mit seinem Artikel dem jüdischen Unternehmer Ishak Alaton zur Seite stehen wollen, der sich in der Türkei politisch engagiert und sich immer wieder antisemitischer Angriffe ausgesetzt sieht.

Die Türken, so lautete die Botschaft des Artikels, sollten - in Europa selbst Opfer von Ressentiments und Repression - einen Spiegel vorgehalten bekommen. Am Mittwoch äußerte Alaton in einem offenen Brief an die Kuratoriumsmitglieder des ZfT und den Kuratoriumsvorsitzenden, den nordrhein-westfälischen Integrationsminister Armin Laschet, seine „unglaubliche Verwunderung“ über die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit und schloss daran die Bitte an, Şen nicht vorschnell zu verurteilen.

Er hat das nicht zum ersten Mal getan

Dem ZfT-Vorstand ging es aber, wie es eines seiner Mitglieder ausdrückte, nicht darum, Şen als Antisemiten abzustempeln, sondern vor allem um die mit dem Vergleich getroffene Aussage zur Lage der Türken in Deutschland. Es gehe aber nicht an, dass Şen als Direktor einer Forschungseinrichtung, deren Aufgabe es sei, Analysen zu liefern, um das gegenseitige Verständnis zu verbessern, tagespolitische Stellungnahmen abgebe, die integrationspolitisch schädlich seien, weil sie Misstrauen schürten, anstatt es abzubauen. Şen hat das freilich nicht zum ersten Mal getan.

Nach dem Feuer in Ludwigshafen im April, als die türkische Presse die Stimmung anheizte, indem sie die Brände in einem türkischen Wohnhaus vorschnell als einen rechtsradikalen Anschlag darstellte, äußerte Şen, die Brände seien ein „Signal der deutschen Gesellschaft an die Türken, dass sie so langsam nach Hause gehen sollten“. 2001 hatte er mit Blick auf die schwere Wirtschaftskrise der Türkei den Vorschlag gemacht, deutschtürkische Eltern sollten ihr Kindergeld in der Türkei anlegen und so helfen, den maroden Haushalt zu sanieren.

Populistische Äußerungen

Womöglich ruft Şens Entlassung auch deshalb bei einigen Verwunderung hervor, weil die Liste umstrittener Äußerungen so lang ist. Das ZfT nutze den jüngsten Eklat als Vorwand, hieß es deshalb. Dass die jüngsten Äußerungen Şens zwingend seinen Sturz hätten herbeiführen müssen, daran hat sogar ein scharfer Şen-Kritiker wie Udo Steinbach leise Zweifel.

Steinbach, langjähriger Leiter des deutschen Orientinstituts und Türkeikenner, fragt sich allerdings auch, warum Şen nicht schon viel früher von seinem Posten entfernt wurde. Er, Steinbach, hält die Entlassung wissenschaftlich nicht für einen besonderen Verlust. „Şen ist persönlich wenig qualifiziert“, sagte Steinbach dieser Zeitung. Seine Auftritte bei internationalen Konferenzen bezeichnet Steinbach als „niederschmetternd“ und „lamentabel“. Şen habe dort auf Deutsch vorgetragen, weil er nicht ausreichend Englisch spreche. Oft rufe Şen unter Wissenschaftlern mit seinen populistischen Äußerungen Kopfschütteln hervor.

„Professor der 1001 Projekte“

An Kritik hat es deshalb nicht gefehlt. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir bezeichnete Şen einst spöttisch als „Professor der 1001 Projekte“. Der frühere deutsche Botschafter in Ankara Vergau schrieb 1998 kritische Briefe an das Auswärtige Amt, um - ohne Erfolg - zu verhindern, dass Şen das Landesverdienstkreuz verliehen wird. Şen nähre unter den in Deutschland lebenden Türken die Vorstellung, sie seien eine unterdrückte Minderheit im Exil, schrieb Vergau. Im ZfT hieß es derweil, „Fürst Faruk“ verhalte sich bisweilen wie ein Feudalherr.

Dennoch bescheinigen auch einige seiner Kritiker Şen eine einnehmende Art und würdigen seine Leistungen. In der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet (CDU) über ihn: „Er hat den Türken eine Stimme gegeben, als die Politik das alles noch verschlafen hat. Er war einer der erfolgreichen Türken, einer, der die Integrationspolitik angestoßen hat, als sich darum noch keiner kümmerte.“

Als Autorität inszeniert

Lange Jahre war das 1985 unter maßgeblicher Beteiligung Şens gegründete ZfT einer der wenigen wissenschaftlichen Referenzpunkte in einer Integrationsdebatte, die seitdem eher meinungs- als faktengesättigt geführt wurde. Şen verstand es stets, sich als Autorität zu inszenieren. Şen habe sich über Gebühr als Sprachrohr aufgespielt, kritisieren dagegen türkischstämmige Politiker und Wissenschaftler.

Im ZfT wird vermutet, Şens Partei, die SPD, habe ihn lange gestützt, weil sie sich erhofft habe, er könne ein Türöffner zu türkischstämmigen Wählermilieus sein. Aber auch um das Verhältnis Şens zur SPD stand es wohl nicht zum allerbesten, seit er sich 2004 bei der Oberbürgermeisterwahl in Gelsenkirchen für einen CDU-Kandidaten eingesetzt hatte. Die stellvertretende nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Britta Altenkamp, die Kuratoriumsmitglied des ZfT ist, hatte der Zeitschrift „Spiegel“ zu Şens Entlassung gesagt: „Wir sind die wiederholten Alleingänge des Herrn Şen satt.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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