Kosovo

Wagnis der Unabhängigkeit

Von Michael Martens

Auch Albaner waren im Kosovo nicht immer nur Opfer

Auch Albaner waren im Kosovo nicht immer nur Opfer

03. September 2007 Einen bei Serben populären Ausspruch eines Belgrader Schriftstellers, wonach Serbien stets im Frieden verliert, was es im Krieg gewonnen habe, hat der Berliner Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen unlängst treffend paraphrasiert: Für das 20. Jahrhundert gelte, dass Serbien durch Kriege verloren habe, was es im Frieden hätte gewinnen können. Genauso ist es im Fall des Kosovos.

Zoran Djindjic, Serbiens im Jahr 2004 ermordeter Ministerpräsident, nannte das alte Jugoslawien eine Kühltruhe, in welcher der große Gefriermeister Tito die gefährlichsten Konflikte des Balkans auf Eis gelegt habe. Als dann nach 1989 in den Diktaturen Europas der Strom ausfiel, wurde es unappetitlich in Jugoslawien. Inzwischen ist der jugoslawische Verwesungsprozess weitgehend beendet - bis auf die Ausnahme des Kosovos, wo es noch die Spätfolgen eines historischen Betriebsunfalls von 1912/13 zu beseitigen gilt.

Vertreibung und Ausgrenzung

Am Anfang der serbisch-albanischen Mesalliance standen die beiden Balkankriege vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als deren Folge das Kosovo, in dem Albaner schon damals die Mehrheit der Bevölkerung stellten, unter die Herrschaft Belgrads geriet. Es mag sein, dass Serbien vom ersten Tag an nie eine Chance hatte, die Kosovo-Albaner zu integrieren. Nur lässt sich das nicht beweisen, denn, von kurzen Ausnahmeperioden abgesehen, hat Belgrad nie auch nur den Versuch dazu gemacht. Serbische Politiker haben im Umgang mit „ihren“ Albanern meist auf eine Politik der Gewalt, der Vertreibung und der Ausgrenzung, bestenfalls der Nichtbeachtung gesetzt.

Damit ist allerdings über Gut und Böse in diesem Dauerkonflikt weniger gesagt als über Macht und Ohnmacht. Auch Albaner sind mit Serben im Kosovo übel verfahren, sobald die Umstände es ihnen erlaubten - so während der deutsch-italienischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, zuletzt bei den Unruhen im März 2004.

Das ändert aber nichts am Grundsätzlichen. Kaum mehr als ein Menschenalter, nachdem Serbien das Kosovo gewaltsam von der Türkenherrschaft „befreit“ hatte, war es das Kriegsbündnis zwischen Nato und Kosovo-Albanern, das ihm seinen Raub wieder abnahm. Milosevics Gewaltpolitik, die zum Angriff der Nato gegen Jugoslawien führte, wirkte nur beschleunigend auf eine zu diesem Zeitpunkt schon unvermeidliche Entwicklung.

Nicht in einem Staat „Serbien“

Die eigentliche Zäsur hatte der Ausfall der jugoslawischen Kühltruhe bereits markiert: Die Albaner mögen zwar bereit dazu gewesen sein, mit den Serben in einem Staat „Jugoslawien“ zu leben. Sie waren aber nicht bereit dazu, in einem Staat „Serbien“ zu leben. Das beruht auf Gegenseitigkeit, denn Serbien ist politisch und wirtschaftlich weder fähig noch willens, sich die Souveränität über das Kosovo zu erhalten. Eigentlich wäre die Lösung also einfach: Die Kosovo-Albaner wollen dem serbischen Staat nicht angehören, und der will sie nicht haben.

Bis zum Jahresende will die Staatengemeinschaft nun einen - hoffentlich wirklich letzten - Vermittlungsversuch unternehmen. Am 10. Dezember soll die aus den Vereinigten Staaten, der EU und Russland bestehende Troika dem UN-Generalsekretär einen Bericht darüber vorlegen. Bei diesen „Verhandlungen“ wird es nicht um die Unabhängigkeit des Kosovos von Serbien gehen, denn faktisch gibt es die längst.

Zur Not auch gegen Moskaus Veto

Auch in Belgrad und Moskau weiß man schließlich, dass Serbien seit 1999 nur noch in dem von Serben besiedelten Nordteil der Provinz Einfluss hat. Zu klären sind aber Fragen der internationalen Anerkennung der Unabhängigkeit und der Ausgestaltung der künftigen staatlichen Souveränität des Kosovos. Welchen internationalen Organisationen kann der kosovarische Staat beitreten? Fragen stellen sich vor allem da, wo Mitglieder Neubeitritte mit einem Veto verhindern können.

Außerdem, und das ist ein weiterer wichtiger Aspekt während der Vermittlungstage der Troika, muss sich die EU auf das (womöglich) Unvermeidliche vorbereiten: Wenn Moskau und Washington sich über den künftigen Status des Amselfelds nicht einigen können, wird die EU zur Not auch gegen das völkerrechtliche Veto Russlands die Verwaltung des Kosovos übernehmen müssen. Das ist der eigentliche, sozusagen der unsichtbare Zweck dieser vier Monate. Es geht für Washington, Moskau und vor allem für die EU darum, sich auf die Zeit nach dem absehbaren Scheitern der Gespräche vorzubereiten.

Bis zum Jahresende muss die EU - oder wenigstens die Gruppe der für die Verwaltung des Kosovos maßgeblichen Mitglieder - mit einer Stimme sprechen. Es wird dann darum gehen, den für die serbische Minderheit der Provinz überaus günstigen Plan des früheren UN-Vermittlers Ahtisaari auszuführen, um das Kosovo bis zum nächsten Frühjahr in den Status einer politisch von der EU, militärisch von der Nato überwachten staatlichen Eigenständigkeit zu führen.

Management eines „gefrorenen Konflikts“

An Schwierigkeiten wird es auch nach der Statuslösung nicht mangeln, da das Kosovo als geteilter Staat in die nächste Phase seiner Geschichte treten wird. Zwar sind Serben und Kosovo-Albaner sich zumindest in dieser Frage offiziell einig: Eine Teilung des Gebietes komme nicht in Frage. Doch wird niemand die Serben im Norden des Kosovos davon abhalten können, sich ihre ohnehin bestehende faktische Unabhängigkeit vor der kosovarischen Unabhängigkeit zu bewahren.

Die EU wird an ihrer südöstlichen Peripherie also womöglich auf Jahrzehnte mit dem Management eines „gefrorenen Konflikts“ beschäftigt sein. Aber gefroren ist der Kosovo-Konflikt allemal besser als heiß, und trotz gewisser Wagnisse muss die Unabhängigkeit der Provinz nun zum Wohle der Region ohne Zaudern vorangetrieben werden. Schwimmen hat auch noch niemand durch Räsonieren über die Gefahren des Ertrinkens gelernt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS

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