Weltfinanzgipfel

Tafelrunde ohne Obama

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Gemeinsam gegen die Krise: Bundeskanzlerin Merkel und George Bush

Gemeinsam gegen die Krise: Bundeskanzlerin Merkel und George Bush

15. November 2008 Wie gerne hätten viele Teilnehmer des Weltfinanzgipfels vom künftigen amerikanischen Präsidenten erfahren, wie er sich denn die neue globale Finanzordnung vorstelle. Aber weil es immer nur einen Präsidenten gibt (Originalzitat Obama), mussten die angereisten Krisenmanager auf die charismatische und auch sonst segensreiche Wirkung des Nachfolgers des George W. Bush verzichten. Frau Albright war denn doch kein adäquater Ersatz

Allerdings war das Publikum auf diese Enttäuschung gefasst. So wie vermutlich auch darauf, dass die Reparaturarbeiten an den Finanzmärkten nicht von heute auf morgen zu erledigen sein werden. Das hat mit der Kompliziertheit der Sache zu tun, den divergierenden ordnungspolitischen Vorstellungen der Teilnehmer - wie viel Regulierung und Aufsicht sollen es denn sein? - und ihren auseinanderklaffenden Interessen ganz allgemein. Wenn zwanzig um den Tisch herumsitzen, wird es vielleicht repräsentativer, aber so viel einfacher dann doch nicht.

G20 nimmt geopolitische und geoökonomische Zukunft vorweg

Transatlantisches Bündnis: Saudi-Arabiens König Abdullah und George Bush

Transatlantisches Bündnis: Saudi-Arabiens König Abdullah und George Bush

Freilich war dieser Kreis von „reichen“ und von Schwellenländern, der sich in Washington traf - das Treffen war unbestritten richtig und wichtig, weitere werden folgen -, aus mehr als einem Grund interessant. Denn er ist ein halbwegs valides Abbild der neuen Kräfteverteilung in der Weltwirtschaft, von Ausnahmen wie Argentinien abgesehen, das für die Weltfinanzordnung unbedeutend ist; und auch Südafrika steuert zur Weltwirtschaft nicht annähernd so viel bei wie Spanien, dessen Ministerpräsident es mit der Selbsteinladung übertrieb, aber in der Sache recht hatte.

Viele Zeitgenossen sehen in dieser G 20 sogar eine Vorwegnahme der geopolitischen und geoökonomischen Zukunft. Die westlichen Industrienationen könnten fortan nicht allein die Geschicke der Welt(wirtschaft) bestimmen; vielmehr seien sie auf die Zusammenarbeit und die Beiträge der Aufsteigerstaaten angewiesen: auf China und Indien, Brasilien und Russland, dessen Führung freilich weniger finanzwirtschaftlichen Sachverstand anzubieten hat als Energie und neu-alte Großmachtrhetorik, und die offenbar wieder Gefallen gefunden hat an der klassischen Rolle des Widersachers Amerikas.

Dass Saudi-Arabien mit von der Partie war, entspricht seiner Funktion als wichtigster Erdölexporteur und symbolisiert die wachsende Bedeutung der arabischen Golf-Anrainer für die Stabilisierung des internationalen Banken- und Finanzsystems. Insofern stimmt es: Die hochgradig integrierte Weltwirtschaft gruppiert sich nicht mehr allein um den amerikanischen Pol.

Verflechtung führt zu „Chimerica“

Aber was in diesen Krisentagen vielfach vergessen oder ignoriert wird, ist dieses: Dass sich in Washington Länder von Australien bis zur Türkei getroffen haben, ist ein Beleg für den Erfolg - man getraut es sich kaum noch zu sagen - der Globalisierung. Ohne eine Öffnung nach außen und die wirtschaftspolitische Liberalisierung im Innern wäre beispielsweise China nicht auf dem Sprung, der Star des 21. Jahrhunderts zu werden; seine Bevölkerungszahl macht es nicht allein. China und die Vereinigten Staaten sind heute so eng miteinander verflochten, dass der Historiker Niall Ferguson mit Blick auf die Finanzen schon von „Chimerica“ spricht. Es wird sich zeigen, für wen der beiden Teile die Abhängigkeit strategisch unangenehmer ist und wer welchen Hebel in der Hand hält.

Zeigen wird sich vor allem zweierlei: kurzfristig, ob diese Formation der G 20 zu einem wirklichen, wenn auch informellen multilateralen Steuerungszentrum wird, das auf lange Sicht vielleicht sogar an die Stelle der G 8 tritt und sich dann auch mit politischen Themen befasst. Mittel- und langfristig stellt sich die Frage, ob die weltpolitischen Ambitionen der asiatischen, eurasischen und südamerikanischen Aufsteiger tatsächlich wahr werden und ob die Kollateralschäden der Finanzkrise nicht Träume platzen lassen.

Vereinigte Staaten bleiben Supermacht

Wer kann wirklich vorhersagen, wie gut China aus der uns bevorstehenden Weltrezession herauskommen und wie groß der Rückschlag sein wird? Wie prekär die Lage in Russland ist, wo das Wachstum der vergangenen Jahre sich allein aus den hohen Gas- und Erdölexporten speiste, aber die Diversifizierung der Wirtschaft ein frommer Wunsch potentieller westlicher Investoren geblieben ist, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Vor allem sollte die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, sich zu regenerieren, nicht unterschätzt werden; sie bleiben Supermacht - und skeptisch gegen große internationale Regulierungsversuche.

Dennoch werden sich die real- und finanzwirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt verändern und der relative Einfluss des Westens abnehmen. Was die Wirtschaft anbelangt, so ist das Folge der Globalisierung. Der Mann, der der Washingtoner Tafelrunde fernblieb, sollte sich nicht dafür verkämpfen, rückgängig zu machen, was nicht rückgängig zu machen ist. Auf Barack Obama kommt die Aufgabe zu, die neuen Mächte in die internationale Verantwortung einzubinden und an Entscheidungen zu beteiligen - ohne dabei Interessen und Ordnungsideen des Westens an den Rand zu drücken. Es wäre eine weltpolitische Leistung, wenn ihm das gelänge.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, dpa

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