Familienbündnis

Renate Schmidts Verbündete

Von Uta Rasche

Einen “Mentalitätswandel“ zugunsten von Familien will sie erreichen

Einen "Mentalitätswandel" zugunsten von Familien will sie erreichen

21. November 2004 Renate Schmidt (SPD) hat sich viel vorgenommen: Einen „Mentalitätswandel“ zugunsten von Familien will sie erreichen, und zwar noch in dieser Legislaturperiode. Die Bundesfamilienministerin möchte, daß in die Städte ein familienfreundlicheres Klima einzieht und Unternehmen mehr Rücksicht auf die Wünsche von Eltern nehmen. „Eine Sisyphosarbeit - und viel schwieriger, als ein Gesetz zu machen.“

Doch Zeit und Geld sind knapp: Also hat Renate Schmidt sich Partner gesucht. Anfang 2004 hob sie die Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ aus der Taufe. Auf kommunaler Ebene sollen sich Stadtverwaltungen, Betriebe, Handwerks- und Handelskammern, Kirchen und Sozialverbände zusammenschließen, um gemeinsam die Situation von Familien zu verbessern.

Das Ministerium hat eine auf soziale Einrichtungen spezialisierte Unternehmensberatung engagiert, die die Kommunen berät; eine PR-Agentur vermarktet die Erfolge. Schmidts Haus entstehen dafür bis Ende 2006 Kosten von etwa vier Millionen Euro; noch einmal soviel kommt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Kosten in den Kommunen müssen von den lokalen Trägern beglichen werden.

Familienpolitik ist Wirtschaftspolitik

Für diesen Montag hat Schmidt im Berliner Ludwig-Erhard-Haus, dem Sitz der Industrie- und Handelskammer, die Beteiligten zu einer Feier eingeladen, auf der das hundertste „Lokale Bündnis“ vorgestellt werden soll. In den Wochen zuvor reisten Schmidt und ihr Staatssekretär Peter Ruhenstroth-Bauer durch Deutschland, um bei Bündnisgründungen anwesend zu sein.

Bei diesen Gründungsfeiern wiederholt Schmidt stets ihre zentrale Botschaft: Familienpolitik sei eigentlich Wirtschaftspolitik. Denn die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, steige mit der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und das von der Regierung herbeigesehnte Wirtschaftswachstum ist mit einer schrumpfenden Bevölkerung schwer zu erreichen: Bleibe es bei der niedrigen Geburtenrate, werde nach Schätzungen der OECD vom Jahr 2015 an die jährliche Wachstumsrate um etwa 0,5 Prozent reduziert sein und im Jahr 2025 überhaupt nur noch ein halbes Prozent Wachstum möglich sein. Auch sei wegen des Geburtenrückgangs ein Fachkräftemangel zu erwarten. Eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen sei nötig, um diese Lücke zu schließen.

Einiges bewegt sich

Seit Anfang 2004 ist durch die Gründung solcher Familienbündnisse einiges in Bewegung gekommen. In Weil am Rhein etwa sollen Pendler künftig die Wahl haben, ob sie ihre Kinder am Wohnort oder am Arbeitsort in den Kindergarten bringen. Üblicherweise werden kommunale Zuschüsse nur für Kinder gezahlt, die den Kindergarten am Wohnort besuchen. Wer aber eine Wegzeit von 45 Minuten hat, braucht dann eine Betreuung, die täglich eineinhalb Stunden länger dauert als die eigene Arbeitszeit.

In Trier hatte eine Befragung von 190 Unternehmen ergeben, daß es vor allem an Betreuung für Kinder unter drei Jahren fehlt. Im Herbst 2005 wird dort auf Initiative des „Lokalen Bündnisses“ eine überbetriebliche Kleinkindertagesstätte eröffnet. Andernorts werden neue Spielplätze errichtet oder vorhandene Spielplätze mit Kindertoiletten ausgestattet, Jugendzentren renoviert oder überdachte Kinderwagenparkplätze gebaut.

Vorzeige Initiativen

Zwei „Vorzeigebündnisse“ sind in Hanau und Eschborn im Rhein-Main-Gebiet entstanden; dort gab es jedoch schon vor der Initiative des Familienministeriums entsprechende Aktivitäten. In Hanau wurden unter dem Stichwort „zeitbewußte Stadt“ Fahrtzeiten und Takte von Bussen und Bahnen besser auf die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten und auf die Arbeitszeiten der Eltern abgestimmt. Eschborn und drei benachbarte Städte im Taunus haben sich mit Unternehmen zusammengeschlossen und eine internetgestützte Tageseltern-Vermittlung gegründet. Zugleich werden Familien ermuntert, Tageskinder aufzunehmen, und für diese Aufgabe fortgebildet.

In Leer in Ostfriesland vermittelt der „Familienservice Weser-Ems“ neben Kinderfrauen auch Altenpflegerinnen, Haushaltshilfen und Betreuer für behinderte Kinder. Eine Mutter, die davon profitiert, ist Birgit Heine-Lange. Der acht Monate alte Sohn der 37 Jahre alten Verwaltungs- und Betriebswirtin, die im Amt für Wirtschaftsförderung des Landkreises Leer arbeitet, wird seit zwei Monaten für sechs Stunden am Tag von einer Tagesmutter betreut. „Ich hatte gerade nebenberuflich mein Studium absolviert und wollte jetzt auf jeden Fall das neu erworbene Wissen nutzen.“ Nach einer Eingewöhnungszeit von drei Wochen ist sie „rundherum zufrieden“. Bei der Tagesmutter sind noch zwei andere Kinder - „so kann sich Simon keine Einzelkindallüren angewöhnen“.

Der Personalleiter des Kreiskrankenhauses Leer, Erich Stamm, greift regelmäßig auf die Dienste des „Familienservice“ zurück, wenn junge Ärztinnen schwanger werden. „Das ist für uns jedes Mal eine kleine Katastrophe. Denn auf dem Land ist es schwer, diese Stellen neu zu besetzen.“ Wegen der hohen Mobilität dieser Berufsgruppe „wohnen die Omas meistens nicht in der Nähe“. Deshalb ist das Krankenhaus bei der Suche nach einer passenden Kinderbetreuung behilflich und zahlt auch die Vermittlungsgebühr.

„Allianz für die Familie“

Die Idee zu den „Lokalen Bündnissen“ kam aus Nürnberg, der Heimatstadt der Ministerin. Dort gab es so einen Zusammenschluß bereits. „Was gut funktioniert, das kann man ruhig aufgreifen“, sagt sie und verwertete die Anregung gleich doppelt. Schon Mitte 2003 gründete sie mit der Bertelsmann-Stiftung und den Wirtschaftsverbänden die „Allianz für die Familie“.

Mit von der Partie sind unter anderem der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, sowie die Gewerkschaften. Diese Verbündeten sollen Schmidt helfen, die Botschaft zu verbreiten, die in mehreren Studien, die ihr Haus oder Partner der „Allianz“ in Auftrag gegeben haben, belegt wird: Familienfreundlichkeit rechnet sich. Unternehmen haben Kostenvorteile, wenn sie Mitarbeiter aus der Elternzeit zurückholen, deren Wissen nutzen und Teilzeitmodelle anbieten.

Erfolge schwer meßbar

Renate Schmidt weiß, was es heißt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ihr erstes Kind bekam sie kurz vor dem Abitur. Es wurde von der Uroma betreut, während Schmidt ihre Ausbildung zur Programmiererin bei Quelle machte. „Ich hatte keine andere Wahl, mein Mann studierte noch.“ Nach der Geburt ihres zweiten Kindes war sie selbständig. Nachdem ihr jüngster Sohn geboren war, kehrte sie als leitende Systemanalytikerin zu Quelle zurück. Dort gab es einen Ganztags-Betriebskindergarten. „Mein Modell war, daß die Karriere erst richtig losging, als die Kinder schon größer waren.“ Als der Jüngste zehn Jahre alt war, kandidierte sie erstmals für den Bundestag.

13.500 Kommunen gibt es in Deutschland, 100 Bündnisse sind gegründet, in 120 weiteren Orten wird in diese Richtung beraten. 15 Millionen Einwohner, rechnet Schmidt vor, erreiche sie - theoretisch - mit den bestehenden Bündnissen. Die praktischen Erfolge sind schwer quantifizierbar, doch es setze ein „Umdenken“ ein, meint Schmidt. Wenn das Ministerium auch wenig Geld in die Aktion steckt, Schmidts persönlicher Einsatz ist hoch: „Sie glauben gar nicht, wie ich mir dafür die Hacken ablaufe!“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2004, Nr. 273 / Seite 4
Bildmaterial: dpa

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