09. April 2006 Am Gründonnerstag wird das Urteil gesprochen. Dann wird man wissen, wie Juristen beurteilen, was im Ehrenmord-Prozeß seit mehr als einem halben Jahr vor dem Berliner Landgericht verhandelt wurde.
Umgangssprachlich ist das Verfahren längst zur Chiffre für all das geworden, wogegen man endlich härter auftreten, wovon man endlich den Blick nicht mehr wenden, was man endlich zur Kenntnis nehmen sollte, statt weiter vom harmlosen Straßenfest-Döner-Multikulti zu träumen.
Einer der Rechtsanwälte klagte, selbst seine Strafverteidiger-Vereinigung habe so getan, als sei schon alles erwiesen, als habe es einen - förmlich oder informell getroffenen - Beschluß der Berliner Familie Sürücü gegeben, daß die damals 23 Jahre alte Tochter und Schwester Hatun ermordet werden solle.
Postume Kronzeugin
Seit die attraktive Hatun tot auf der Straße lag, dient sie als Leitfigur des Kampfes gegen das islamische Patriarchat. Sie ist postum Kronzeugin für alles, was in Migrantenfamilien unmenschlich und undemokratisch ist.
Das Menschenopfer Hatun symbolisiert das schlimme Ende eines Zusammenlebens, das auf der gedankenlosen Toleranz des Inakzeptablen beruht. Als Tote bezeugt die arme Hatun, was im Zusammenleben zwischen Deutschen und Einwanderern außer Rütli-Schule und dem Johlen im Tal der Wölfe noch alles schiefgegangen ist.
Am 7. Februar 2005 wurde Hatun Sürücü, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, auf offener Straße von ihrem Bruder Ayhan mit drei Schüssen in den Kopf umgebracht. Er habe ihren freizügigen Lebensstil und ihre Nähe zu kriminellen Typen nicht gebilligt, sagte der heute zwanzig Jahre alte Ayhan vor Gericht. Er sagte auch, er habe die Tat allein begangen, ohne Familienbeschluß und fremde Hilfe.
Nur eine Aussage
Wenn ihn damals jemand davon abgehalten hätte, hätte er den Mord eben an einem anderen Tag begangen; heute wünschte er, er hätte es nicht getan. In seiner Vorstellungswelt, so sein Anwalt, habe er geglaubt, etwas Richtiges zu tun. Vater Sürücü, der 66 Jahre alt ist, zeigte sich als verzweifelter, gebrochener Mann. Seine acht Kinder sind in Kreuzberg aufgewachsen, er lebt inzwischen meistens in der Türkei.
Ayhan Sürücü steht nicht allein vor Gericht. Mitangeklagt, wegen gemeinschaftlichen Mordes an ihrer Schwester, sind seine älteren Brüder Mutlu und Alpaslan. Sie sollen die Waffe besorgt und Schmiere gestanden haben, was sie bestreiten. Die Waffe wurde nie gefunden. Kein Zeuge hat Alpaslan am Tatort gesehen.
Alles beruht auf den Aussagen von Melek A., einem jungen Mädchen. Melek war Schulkameradin und die beste Freundin von Arzu Sürürcü. Arzu, die ihrer ermordeten Schwester verblüffend ähnlich sieht, tritt als Nebenklägerin auf, sagte aber nicht aus. Sie überzeugte Melek davon, das Kopftuch anzulegen und sich für den Islam zu interessieren.
Keine Intervention, kein Widerspruch
Gegen den Widerstand ihrer Mutter begann Melek dann auch, Kopftuch zu tragen. Und sie freundete sich Tage vor der Tat mit Ayhan an, Arzus Bruder - Zeugen beschrieben ihn als unreif und aufschneiderisch, als fehlgeleitet, verblendet, verknallt. Ihn liebte Melek heiß und innig, hörte sich brav an, was er ihr alles erzählte. Sie widersprach nicht ein einziges Mal.
Sie intervenierte auch dann nicht, als er ihr von seinem Plan berichtete, seine Schwester ihres Lebensstils wegen umzubringen, und ihr vorschlug, den so zum Waisenknaben gemachten Neffen gemeinsam aufzuziehen.
Selbst als Ayhan ihr Spuren seiner Schießübungen mit einer Waffe an einem Mülleimer im Park zeigte, sagte sie nichts. Das verzeiht ihr die ehemalige Freundin Arzu nicht; die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Melek.
Verteidiger: Fiktion der verletzten Ehre
Nach allen Regeln der Kunst wurde Melek von der Verteidigung als unglaubwürdige Zeugin behandelt und dargestellt. Das Gericht lehnte es allerdings mehrfach ab, die mitangeklagten Brüder freizulassen, weil der Gang des Verfahrens den dringenden Tatverdacht gegen sie nicht ausgeräumt habe. Melek hatte sich nach der Tat ihrer Mutter anvertraut; diese sorgte dafür, daß sie der Polizei umfassend berichtete.
Mutter und Tochter leben im Zeugenschutzprogramm der Polizei. Du redest von Eindrücken und für mich geht's um ,lebenslänglich'! schrie Alpaslan die Zeugin Melek an, als sie immer und immer wieder beschreiben sollte, wie sein Satz zu Ayhan, dem Schützen, wohl gemeint gewesen sei: Du bist ja jetzt 'n richtiger Killer!
Die Brüder stünden, sagte ein Verteidiger, stellvertretend für die rechtlich nicht faßbare Schuld, diese Tat nicht verhindert zu haben. Doch die Anklage gegen Mutlu und Alpaslan beruhe auf der Fiktion der verletzten Familienehre, auf der ungeheuerlichen Vermutung, der Vater sei eingeweiht gewesen.
Nicht interessiert an ihrer Lebensweise
Der Prozeß werde als Illustration eines Kampfes der Kulturen benutzt, als Beweis für die Existenz gefährlicher Parallelgesellschaften, sagte ein anderer Verteidiger und entwickelte eine ganz andere Sicht:
Die Familie Sürücü sei längst kaputt gewesen, ein Bruder studiere weit weg Jura, ein anderer habe zur Tatzeit wegen Drogendelikten im Gefängnis gesessen, noch ein anderer habe Frau und Kind verlassen und sei erst kurz vor der Tat wieder heimgekehrt. Hatuns gescheiterte erste - arrangierte - Ehe und ihr Lebensstil ohne Kopftuch fern der Großfamilie seien daher keineswegs auffällig gewesen.
Es gebe keinen Anspruch darauf, daß Geschwister zusammenhängen, die Brüder hätten sich für die Lebensweise von Hatun wirklich nicht interessiert. Nur der irregeleitete junge Ayhan habe unbedingt den Rächer der Enterbten geben wollen und die vermeintliche Ehre wiederherstellen wollen.
Selbstironie eines Islamisten
Sie war mir egal, sagte Alpaslan, der Schmiere gestanden haben soll. Warum, fragte er in seinem Schlußwort vor Gericht, sollte seine Frau ihn mit einem Alibi schützen wollen, wenn sie sich doch auch vor ihm fürchten müßte, falls er eines Alibis bedürfte? Einen IQ von 124 bescheinigte ihm der Gutachter. Mutlu höhnte sarkastisch über die netten, lieben Journalisten: was über uns schon alles berichtet wurde.
Er berichtete von sich. Man staunte. Deutscher Staatsbürger, war bei der Bundeswehr, hat Betriebswirtschaft studiert, eine Ausbildung als Bürokaufmann begonnen. Seinen Lebenslauf faßte er so zusammen: Bei mir geht alles nach einem Jahr in die Brüche. Kann ein finsterer Islamist selbstironisch sein?
Er sei sauer auf Journalisten, sagte Mutlu. Die Sürücüs würden unablässig als gemeine Familie dargestellt. Er sagt, in seiner großen Familie hätte man jeden nach dem Leben Hatuns fragen können und hätte alle denkbaren Antworten bekommen, von toleranten bis zu mißbilligenden. Schade, daß kein Familienmitglied vor Gericht reden mochte. Sie fühlten sich schon verurteilt.
Nichts sei übriggeblieben
Die Soziologin Necla Kelek sagte kürzlich über den Fall Sürücü: Ich denke, der Vater hat - vielleicht direkt, vielleicht unausgesprochen - seinen Söhnen bedeutet: Seht, was mir durch Hatun für eine Schande bereitet wird. Ich muß leiden, tut was. Die Söhne haben dies wohl als Auftrag verstanden.
Diese Sicht des Falles und ihrer Familie lehnen die Sürücüs ab, nicht nur die des Mordes angeklagten Brüder. Mutlu Sürücü sagte, im Prozeß sei alles gesagt worden, nichts sei übriggeblieben. Das ist eine rätselhafte Bemerkung.
Denn bisher halten diejenigen, die die Sürücüs so sehen wie Kelek, und diejenigen, die eine Mittäterschaft der Brüder für keineswegs bewiesen halten, sich gegenseitig für heillos naiv. Das Urteil hilft vielleicht zu verstehen, was alles in diesem Prozeß gesagt worden ist und was es bedeutet.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006
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