Unruhen in Tibet

Truppenverstärkung in den Krisengebieten Chinas

Von Petra Kolonko, Katja Gelinsky und Werner Mussler

21. März 2008 Die chinesische Regierung verstärkt ihre Bemühungen, Nachrichten über die Proteste in Tibet und anderen von Tibetern bewohnte Regionen Chinas zu unterdrücken. Während ausländische Berichterstatter an Reisen in die betroffenen Regionen gehindert werden, sind in China Websites geschlossen worden, die Videomaterial über die Unruhen zeigten. Medien dürfen nur die offizielle Version der Ereignisse verbreiten.

Der Dalai Lama bot Peking Gespräche an. Er sei bereit, sich mit dem chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao zu treffen, sagte er im indischen Exil. Er bat die internationale Gemeinschaft um Unterstützung. Die Tibeter seien unbewaffnet und hilflos. Die Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, sagte nach einem Treffen mit dem Dalai Lama in Dharamsala, alle freiheitsliebenden Menschen der Welt müssten sich zu Tibet äußern. Tibet sei eine Herausforderung für das Gewissen der Welt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte von China ein Ende der Informationssperre. „Wir wollen genau wissen, was in Tibet passiert ist“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Wer heute Olympische Spiele veranstalte, müsse tausende Journalisten ins Land lassen. „Da kann dann nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden!“

Durch private Kontakte zur Mäßigung bewegen

Unterdessen verstärkt die chinesische Regierung offenbar ihre Truppenpräsenz in den Krisengebieten. Nach letzten Berichten ist es auch in der Region Zhongdian der Provinz Yunnan zu kleineren Protesten gegen die chinesische Herrschaft gekommen. Touristen wurden angewiesen, die betroffenen Gebiete zu meiden. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Pöttering, bezeichnete in einem Gespräch mit der F.A.Z. einen Boykott der Olympischen Spiele als möglich. Er warnte aber vor einer zu frühen Festlegung auf ein bestimmtes Vorgehen.

Die amerikanische Regierung sieht trotz der Verstärkung der chinesischen Militärpräsenz keinen Grund, von ihrer öffentlichen Zurückhaltung bei der Bewertung des chinesischen Vorgehens abzurücken. Präsident Bush setze darauf, Peking durch private Kontakte zur Mäßigung zu bewegen, zitiert die Zeitung „Washington Post“ ein ranghohes Regierungsmitglied. Bush pflege eine „außerordentliche Beziehung“ zu Präsident Hu Jintao. In persönlichen Gesprächen lasse sich derzeit mehr erreichen als durch öffentliche Bekundungen.

Außenamtssprecher Sean McCormack teilte mit, Außenministerin Condoleezza Rice habe in der Nacht zum Donnerstag auf Veranlassung von Bush mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi telefoniert.

Die Ministerin habe „energisch darauf gedrungen“, Peking solle sich beim Vorgehen gegen Demonstranten zurückhalten und einen Dialog mit dem Dalai Lama beginnen. Ferner verlangt die amerikanische Regierung - bislang vergeblich - Zugang zu dem Konfliktgebiet, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen.

Exil-Tibeter vermuten bis zu 1000 Festnahmen

Am Donnerstag hatte Peking erstmals zugegeben, dass auf Demonstranten geschossen wurde. Vier Demonstranten seien verletzt worden, als die Polizei in der Region Aba der Provinz Sichuan „in Notwehr“ das Feuer eröffnet habe. Exil-Tibeter berichteten dagegen, es habe in Aba mehrere Tote gegeben. Bislang hatte Peking immer beteuert, bei dem Einsatz der Sicherheitskräfte seien keine Schusswaffen eingesetzt worden. Nach Angaben der Exil-Tibeter sind bei der Niederschlagung der Unruhen insgesamt 99 Personen getötet worden. Die Regierung in Peking spricht von 18 Todesopfern. Alle seien Chinesen, die von Tibetern angegriffen worden seien.

Über Internet ließ die chinesische Regierung die Bilder von Tibetern verbreiten, die an den Ausschreitungen beteiligt gewesen sein sollen und jetzt gesucht werden. Xinhua berichtete, es seien bereits 24 Tibeter festgenommen worden, 170 hätten sich nach den Ausschreitungen in Lhasa selbst gestellt. In Lhasa wurden Häuser durchkämmt. Exil-Tibeter glauben, dass bis zu 1000 Tibeter bereits festgenommen wurden. Man fürchte, die Festgenommenen würden gefoltert.

China macht weiterhin „Dalai-Lama-Clique“ verantwortlich

Die chinesische Regierung wies internationale Kritik zurück. Sie blieb bei ihrer Darstellung, die Unruhen seien von der „Dalai-Lama-Clique“ geplant und organisiert worden. Es sei zu Mord und Plünderungen gekommen. Das könne man nicht als friedliche Demonstrationen bezeichnen, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Der Dalai Lama hat die chinesischen Vorwürfe zurückgewiesen.

Die Proteste hatten in der vergangenen Woche mit Protestmärschen von Mönchen in Lhasa begonnen, die am 49. Jahrestag eines gescheiterten Aufstandes gegen die chinesische Besetzung Tibets die Freilassung ihrer Glaubensbrüder aus chinesischen Gefängnissen forderten. Am vergangenen Freitag war es zu antichinesischen Ausschreitungen in Lhasa gekommen. In den folgenden Tagen wurden Protestaktionen von Tibetern aus den Provinzen Gansu, Sichuan und Qinghai gemeldet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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