Vereinigte Staaten

Jahrhunderttat für die Grüne Meeresschildkröte

Von Matthias Rüb, Washington

Viele Meeresschildkröten verenden qualvoll in den Thunfisch-Netzen

Viele Meeresschildkröten verenden qualvoll in den Thunfisch-Netzen

17. Juni 2006 Das muß ein sonderbares Erlebnis für den Präsidenten und das gesamte Personal im Weißen Haus sein: uneingeschränktes Lob von allen Seiten - und am enthusiastischsten von jenen, die sonst wenig Freude mit dieser Regierung haben.

Mit einem simplen Federstrich hat Präsident Bush das größte Meeresschutzgebiet der Welt geschaffen, größer als das Naturschutzgebiet um das „Great Barrier Reef“ in Australien, größer als 46 der 50 amerikanischen Bundesstaaten, sieben Mal so groß wie alle bestehenden Meeresschutzgebiete der Vereinigten Staaten zusammen, hundertmal so groß wie der Yosemite Nationalpark in Kalifornien. „This is a big deal“, dies sei etwas wirklich Großes, sagte Bush bei der Unterzeichnungszeremonie im Weißen Haus über das neue Naturschutzgebiet - und alle stimmen zu.

Galapagos-Haie „pflücken“ Albatrosse aus der Luft

Die Gruppe von zehn unbewohnten, schroffen Inseln und acht Atollen im Nordwesten von Hawaii, inmitten der hier oft besonders rauhen Wasser des Pazifiks gelegen, erstreckt sich über eine Länge von mehr als 2200 Kilometern. Die Fläche des Meeresschutzgebietes entspricht etwa jener Deutschlands.

Zum Gebiet gehört auch ein etwa 11.700 Quadratkilometer großes Geflecht von Korallenriffen, das größte zusammenhängende System der Welt. Der Artenreichtum an Fischen ist nach den entzückten Berichten von Meeresforschern sagenhaft - man könne dort riesige graue Galapagos-Haie an den Riffen patrouillieren oder auch aus dem Wasser schießen und einen soeben flügge gewordenen jungen Albatros aus der Luft „pflücken“ sehen.

Die letzten Hawaii-Mönchsrobben

Neun von zehn Weibchen der gefährdeten Grünen Meeresschildkröten von Hawaii legen auf den Inseln und Atollen ihre Eier. In der Region, die Bush per Dekret und ohne die sonst üblichen langwierigen Verhandlungen im Kongreß zum „Nationalen Denkmal“ erklärte, nisten mehr als 14 Millionen Seevögel. Mehr als 7000 Tierarten, ein Viertel von ihnen vom Aussterben bedroht, haben dort ihr natürliches Habitat - unter ihnen die letzten Hawaii-Mönchsrobben und eben auch die Grünen Meeresschildkröten.

Auf der einzigen Insel, auf der es so etwas wie Infrastruktur gibt - Midway war während des Zweiten Weltkrieges ein strategisch wichtiger Stützpunkt für die amerikanischen Marineflieger und verfügt über einige asphaltierte Straßen, einen Flughafen und ein paar Gebäude -, haben Albatrosse und andere Großvögel die Luft- und Bodenhoheit.

Fischfang sofort verboten

Die wenigen Forscher, die sich auf der Insel aufhalten, müssen mit ihren Fahrrädern die überall brütenden Vögel umkurven, und auch künftig soll es dort allenfalls Ökotourismus in sehr beschränktem Umfang geben. Gegen den Widerstand der regionalen Fischereiindustrie werden der kommerzielle Fischfang und auch die Hobby-Hochseefischerei in dem Gebiet mit sofortiger Wirkung verboten.

Hätte Bush das ebenfalls mögliche Gesetzgebungsverfahren zum Naturschutz gewählt und sich nicht auf sein Recht zum Dekret auf der Grundlage des Gesetzes zur Schaffung von Nationaldenkmälern aus dem Jahre 1906 berufen, hätte der Kongreß die übliche fünfjährige Übergangsperiode zur Durchsetzung des Fischereiverbots in das Gesetz einfügen können.

Cousteau-Film im Weißen Haus

Bisher hat in diesem besonderen Fall niemand Anstoß daran genommen, daß Bush die exekutiven Befugnisse der Präsidentschaft sehr weit auszulegen pflegt. Wesentlich beeinflußt wurde Bushs Entscheidung zu diesem exekutiven Kampfakt für den Umwelt übrigens durch einen Dokumentarfilm über Fauna und Flora an Korallenriffen, den der Meeresforscher und Filmemacher Jean-Michel Cousteau - der Sohn des legendären Umweltschützers Jacques Cousteau - im April im Weißen Haus Bush und seinen umweltpolitischen Beratern gezeigt hatte.

Die Präsidenten Theodore Roosevelt, der vor einem Jahrhundert die meisten Inseln der Gruppe zu Naturschutzgebieten erklärt hatte, sowie Bill Clinton, der im Jahre 2000 die Küstengewässer vor den Inseln hatte schützen lassen, können als Paten für die allseits als historisch gepriesene Leistung Bushs gelten, mit einem großen Wurf nun das ganze Gebiet unter Naturschutz zu stellen, in dem auch Fremdenverkehr nur unter strengster Auflagen erlaubt sein wird.

Bewahrung der göttlichen Schöpfung

Elliot Norse, Präsident des Instituts für den Schutz der Meeresfauna sprach von der wichtigsten umweltpolitischen Entscheidung in der gesamten Amtszeit Bushs: „Ich glaube, das wird in die Geschichtsbücher eingehen.“ In Kommentaren amerikanischer Medien wird freilich vermerkt, daß der Umweltschutz bisher nicht das Markenzeichen der Regierung Bush war.

Das Weiße Haus unterstützt weiter energisch die vom Repräsentantenhaus schon mehrfach unterstützte Gesetzesinitiative, wonach in einem beschränkten Gebiet des Arktischen Naturschutzgebiets in Alaska nach Öl gebohrt werden soll. Bisher sind alle Versuche, die dortigen Ölvorkommen auszubeuten, jedoch am Widerstand des Senats gescheitert, sodaß sich Bush noch nicht mittels Unterzeichnung eines entsprechendes Gesetzes als „oberster Umweltsünder“ hätte hervortun können, obwohl er das im nationalen Interesse der Verringerung der Abhängigkeit von Öleinfuhren gerne getan hätte.

Auch die Erderwärmung durch menschliche Einflüsse sah man im Weißen Haus bisher vor allem als Horrorszenario extremistischer Umweltschützer an. Doch auch diese bisher harte Haltung scheint sich aufzuweichen, was vor allem auf den Einfluß der christlich-konservativen Basis der Republikanischen Partei zurückzuführen ist, die den Glaubensauftrag zur Bewahrung der göttlichen Schöpfung in eine verschärfte Umweltschutzpolitik übersetzt sehen will.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP

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