29. Juni 2008 Obwohl er unlängst - wenn auch in kleinem Kreis - schon seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist Faruk Sen aktiv und quirlig wie eh und je. Er gehört zu jener Generation von Türken, die so gar nichts mehr vom abgehobenen, der Kontemplation und dem keyif, der türkischen Form der Siesta, hingegebenen Menschen des Orients an sich haben, wie ihn sich die westlichen Klischeebauer immer vorstellten.
Der Mann ist selbstbewusst und fix mit dem Wort. Insofern spiegelt seine Person jene Führungsschicht, die der Türkei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu enormen Fortschritten verholfen hat, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet. Nur die frömmelnd-islamische Komponente fehlt dem mit einer Psychologin verheirateten Sen. Er ist durch und durch säkular.
Hansdampf in allen Gassen
Sen, der jetzt wegen eines umstrittenen Zeitungsartikels in die Schusslinie der Kritik geraten ist, kann durchaus als so etwas wie ein Hansdampf in allen Gassen gelten; über mangelnde Arbeit und Tätigkeitsfelder konnte er sich jedenfalls noch nie beklagen. Häufig auf Reisen, um Symposien und andere Tagungen abzuhalten, organisierte er zusammen mit seinen Mitarbeitern als Direktor des Zentrums für Türkeistudien (Türkiye Arastirmalar Merkezi) in Essen zahlreiche Studien über die Befindlichkeit der Türken in Deutschland und Europa, aber auch über Entwicklungen in der Türkei selbst und über türkische Völker, die anderswo leben, etwa in Zentralasien, im Irak oder im Kaukasus.
Das verschaffte ihm im Laufe der Jahre einen gewissen Namen in diesem Land. Wahrscheinlich dürften nur der Grünen-Politiker Cem Özdemir und der Filmregisseur Fatih Akin, der Rapper Muhabbet oder die Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan in Deutschland bekannter sein als er. Sen fungierte als Berater vieler Organisationen, und er ist immer wieder auch publizistisch tätig gewesen. Einige Jahre war er Kolumnist der Tageszeitung Milliyet. Sie gehört der einflussreichen Dogan-Gruppe und vertritt national-kemalistische, damit säkulare Positionen. Sen selbst ist Sozialdemokrat.
Türken sind die neuen Juden Europas
Nun droht Faruk Sen der Hinauswurf aus seinem Institut. Diesen jedenfalls hat der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien auf einer Sondersitzung am Donnerstag beschlossen und beim Kuratorium einen entsprechenden Antrag gestellt. Mit sofortiger Wirkung solle er seiner Aufgaben entbunden werden. Endgültig entschieden darüber wird wohl erst in vierzehn Tagen. Sen hat protestiert und will nötigenfalls rechtliche Schritte unternehmen.
Anlass für die Sondersitzung war ein Vergleich gewesen, den Sen in einem Kommentar der türkischen Wirtschaftszeitung Referans am 19. Mai vorgenommen hatte. Darin hatte er die Lage der gegenwärtig in Europa lebenden Türken mit derjenigen der Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verglichen. Der Artikel trug denn auch die Überschrift Europas neue Juden. Sen schrieb wörtlich: Fünf Millionen zweihunderttausend Türken leben in Europa, das durch große Grausamkeiten diesen Kontinent judenfrei zu bekommen versuchte. Sie (die Türken) wurden die neuen Juden Europas. Obwohl unsere Menschen, die seit 47 Jahren in Mittel- und Westeuropa beheimatet sind, 125 000 Unternehmer mit einem Gesamtumsatz von 45 Milliarden Euro hervorgebracht haben, werden sie - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Erscheinungsformen - wie die Juden diskriminiert und ausgeschlossen.
Erst im zweiten Teil dieser Suada kommt Sen auf den eigentlichen Anlass zurück, dessentwegen er den Kommentar überhaupt verfasst haben will: Der bekannte türkische Unternehmer jüdischen Glaubens Ishak Alaton - er gehört zu den vermögendsten Männern des Landes - ist immer wieder Ziel antisemitischer Attacken nationalistischer Kreise in der Türkei; ihn habe er seiner Solidarität versichern und diesen Antisemitismus im Namen der Türken kritisieren wollen, sagte Sen auf Befragen.
Vergleich unverantwortlich
Gleichwohl nahm der Vorstand den Artikel zum Anlass, Sens Entlassung zu fordern. Der Vergleich sei unverantwortlich. Nicht nur die aktuellen Äußerungen des Direktors widersprächen dem Stiftungszweck nachhaltig, sie schädigten darüber hinaus auch die Reputation des Zentrums. Der Direktor vermittele durch sie vor allem auch in den türkischen Medien ein verzerrtes Bild über das Zusammenleben von Deutschen und Türken und polarisiere damit, statt die Integration zu fördern.
Der Eklat um Sen ereignete sich tatsächlich just zu einem Zeitpunkt, da aus Anlass des Halbfinales der Fußball-Europameisterschaft Türken und Deutsche ein geradezu überschäumendes multikulturelles Fußballfest feierten und selbst die oft martialisch daherkommenden Zeitungen der Türkei brüderlich-freundschaftliche Töne anschlugen. Da wirkte der Vergleich, den Sen in seinem Artikel angestellt hatte, doppelt abwegig.
Endet nun eine türkische Bilderbuchkarriere in Deutschland auf eine abrupte Weise, ein Aufstieg, der schon im Jahre 1971 begonnen hat, als Faruk Sen aus der Türkei nach Deutschland kam? Geboren wurde er 1948 in dem unter Kemal Atatürk zur frischgebackenen Hauptstadt avancierten Ankara, das mit der heutigen Metropole mit ihren vier Millionen Einwohnern nicht zu vergleichen ist. Es war eine durch den Bau eines modernen Regierungsviertels etwas aufgeputzte Provinzstadt, nicht mehr.
Die deutsche Sprache erlernte Faruk Sen, wie so viele Türken, die führende Positionen einnehmen, an der Deutschen Schule in Istanbul. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft in Münster und der Promotion wurde er wissenschaftliche Hilfskraft in Bamberg, danach in Essen. Am 1. Oktober 1985 übernahm er die Leitung des Zentrums für Türkeistudien, zu dessen Begründern er gehörte.
Sen gesteht einen großen Fehler ein
Schon bald erwarb er den Ruf eines wichtigen Migrationsforschers. Der Beitritt seines Landes zur Europäischen Union ist ihm ein Herzensanliegen. Gegenargumente lässt er - womit er freilich alles andere als allein dasteht - kaum gelten. Das mag manchen harten Ton erklären, den er in der Türkei an den Tag legte, wenn er sich über die deutsch-türkischen oder europäisch-türkischen Beziehungen äußerte. Gelegentlich fiel auf, dass Sen sich in der Bundesrepublik zu bestimmten Fragen weitaus konzilianter äußerte als in der Heimat, wo ein starker Nationalismus die politische Kultur grundiert. Mit dem Vorstand der Stiftung soll er schon einige Male aneinandergeraten sein. Zuletzt gab es auch Berichte über finanzielle Ungereimtheiten, die allerdings aus der Welt geschafft werden konnten.
Sen hat sich für den Vergleich der Situation der Türken heute mit den Juden damals entschuldigt. Auch suchte er das Gespräch mit dem Zentralrat der Juden und dessen Vorsitzender Charlotte Knobloch. Er hat eingeräumt, einen großen Fehler gemacht zu haben, sagte Frau Knobloch jetzt gegenüber Journalisten. Ich höre solche Vergleiche immer und kann sie nicht akzeptieren, fügte sie hinzu. Die Reaktionen in Deutschland versteht Sen nicht so recht: Man solidarisiert sich mit Juden in der Türkei und wird in Deutschland dafür von Juden geprügelt, soll er nach einem Zeitungsbericht gesagt haben.
Auch Ishak Alaton, den er in seinem Kommentar gegen antisemitische Tendenzen innerhalb des türkischen Staates in Schutz nehmen wollte, hat Faruk Sen verteidigt: Er sei in Deutschland wohl missverstanden worden. Sen selbst hielt sich derweil noch in der Türkei auf. Wer die Diskussion der vergangenen Tage verfolgt hat, kann zu dem Schluss gelangen, dass der anstößige Zeitungskommentar mit seiner maßlosen Übertreibung wohl nur der letzte Tropfen gewesen ist, der das Fass zum Überlaufen brachte. Yazik oldu Faruk efendiye! - Schade um Faruk Effendi, wie der türkische Dichter Orhan Veli gesagt hätte.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp