09. Juni 2006 Als Angela Merkel im Bundestag zur Kanzlerin gewählt wurde, saß auf der Tribüne neben anderen prominenten Damen Sabine Christiansen. Und zwar nicht als neutrale Berichterstatterin, sondern als Gast, dem es gar nicht einfiel, seine Freude über die Wahl Merkels zu verhehlen.
Und auch wenn Christiansen mittlerweile darüber klagt, daß die großkoalitionäre Harmonie ihr die Quoten in den Keller zieht, steht doch außer Frage, daß sich diese beiden Frauen noch näherstehen, als sie sich im Christiansen-Studio regelmäßig gegenübersitzen.
Die Bewunderung, so scheint es, ist gegenseitig. Mit dem Vorspann ihrer an diesem Donnerstag erstmals per Video-Podcast veröffentlichten Botschaft an die Nation nämlich hat Merkel nichts weniger abgeliefert als eine Hommage an die ARD-Talkmasterin. Deren Sendung prahlt im Vorspann mit den Bildern der Hochkaräter, die Frau Christiansen im Laufe der Jahre beehrt haben - von Bill Gates bis, natürlich, Angela Merkel.
Bono, Condi und Chirac
Der Angela-Merkel-Podcast namens Die Kanzlerin - direkt nun, der erstmals heute und künftig immer samstags frisch von der Seite www.bundeskanzlerin.de heruntergeladen werden kann, präsentiert uns seine Titelheldin auf Christiansens Spuren, eins mit den Großen dieser Welt. Nach einem Luftbildschwenk übers Kanzlerinnenamt sehen wir Merkel im Schattenriß mit Condoleezza Rice, mit ausgestreckter Hand neben einem schmatzenden Jacques Chirac und auch mit dem notorischen Weltverbesserer Bono: Diese Frau, so sollen wir wissen, kann mit allen. Selbst mit den Sozis, da auch Franz Müntefering im Vorspann auftauchen darf - auf daß der Koalitionsfriede gewahrt bleibe.
Wie ein Regierungschef die eigenen Bürger anspricht, ist eine Generationenfrage. Ein Fidel Castro nutzt seit eh und je die gute alte Massenansprache, die das Volk verfolgen muß, und wenn sie auch zwölf Stunden dauert. Helmut Kohl ließ sich Mitte der Neunziger vom devoten Heinz Klaus Mertes in der Sat.1-Sendung Zur Sache, Kanzler die Stichworte liefern, und Gerhard Schröder glaubte, die Deutschen sogar am Samstag abend bei Wetten, dass... behelligen zu dürfen. George W. Bush läßt sein Wort im Lande der Radioprediger gern durch den Äther verbreiten. Und dann ist da noch der venezolanische Präsident Hugo Chávez, der in seiner eigenen Fernsehshow Aló, Presidente bei angeblich gar nicht so schlechten Quoten bis zu sechsstündige Monologe hält und ab und an auch mal singt.
Distanziert und unaufdringlich
Obgleich derselben Generation wie Bush und Chávez angehörig, setzt Angela Merkel auf ein wesentlich jüngeres Medium. Der Video-Podcast entspricht vermutlich ihrem Naturell: Man kann sich die Botschaft auf den PC oder den mp3-Player laden, man muß es aber auch nicht. Die Kanzlerin bleibt distanziert und unaufdringlich, solange nicht jemand auf die Idee kommt, ihren Podcast als Spam zu verschicken. Zumindest im Fall der Premierenfolge ist das unwahrscheinlich.
Wer nämlich angesichts des laut auftrumpfenden Vorspanns glaubt, es werde nun gleich die große bunte Angie-Podcasting-Show beginnen, den holt die Kanzlerin im folgenden rasch wieder in die Realität zurück. Vor einem Standfoto von Reichstag und Brandenburger Tor sitzt Merkel mit ihrer schon bei der Neujahrsansprache erprobten schlichten Brille und spricht im bekannt nüchternen Merkelduktus ein Grußwort zur Fußball-WM: Vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica bin ich noch einmal mit Jürgen Klinsmann und unserer Nationalmannschaft zusammengetroffen. Jeder einzelne Spieler ist hochmotiviert und wird - davon bin ich fest überzeugt - sein Bestes geben, versichert die Kanzlerin und kündigt ein großes Fest an: Friedlich und fröhlich.
Ein Lächeln ist kaum auszumachen
Ihre eigene Feierlaune hält Merkel noch gut im Zaum, selbst ein Lächeln ist kaum auszumachen. Ein tonloseres Jetzt geht es los als das Merkelsche hat man selten gehört. Lautsprecher freilich gibt es in der Politik bekanntlich genug.
Und doch muß man sich fragen, ob sich die Kanzlerin mit ihren leisen, kühlen, knapp zwei Minuten kurzen Statements in der Podcast-Welt wird behaupten können, in der das Laute, Grelle, Anarchische dominiert. Zumal es uns an unserem Rechner mangels adäquater Software-Ausstattung erst nach mehreren Versuchen gelang, ihren Premieren-Podcast überhaupt zu öffnen. Damit verstößt die Kanzlerin gegen eine alte Politschulweisheit: Ein Volksvertreter, der deutlich moderner wirkt als das Volk selbst, hat hierzulande schlechte Karten.
Text: @jöt
Bildmaterial: www.bundeskanzlerin.de