Gesundheit

Gesundheitskarte wird dreimal so teuer

Von Carsten Germis

18. September 2006 Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hält die brisanten Daten unter Verschluß. 1,4 Milliarden Euro kostet die Einführung der geplanten elektronischen Gesundheitskarte, sagt sie. Die Unternehmensberater von Booz, Allen, Hamilton kommen in einer 290 Seiten dicken Kosten-Nutzen-Analyse jetzt zu ganz anderen Zahlen.

Die Karte wird demnach deutlich teurer, als Schmidt behauptet. Mindestens 3,9 Milliarden Euro errechneten die Berater. Möglicherweise kostet das Lieblingsprojekt der Ministerin sogar sieben Milliarden Euro. Darin sind die 585 Millionen Euro, die allein die Anschaffung der neuen Karte für alle 82 Millionen Versicherten kostet, noch nicht einmal enthalten. Das Gesundheitsministerium bestreitet, daß es Mehrkosten gibt.

Projekt lief von Anfang an schief

Schmidt hat die Brisanz der Zahlen sofort erkannt, als der Bericht in ihrem Ministerium einging. Die Gesundheitskarte ist für die Ministerin eine Prestigesache. 140.000 Arztpraxen, 55.000 Zahnärzte, 22.000 Apotheken und 2.200 Kliniken sollen damit vernetzt werden. Sie benötigen dafür neue Kartenlesegeräte, neue Software, einen sogenannten Konnektor, der die Schnittstelle zum Internet bildet, und einen elektronischen Heilberufsausweis, der ihnen Zugriff auf die neue Gesundheitswelt im Netz bietet. Moderner und effizienter sollte alles werden, wenn die Gesundheitsdaten eines Menschen komplett auf einer Chipkarte gespeichert werden.

Doch das Projekt lief von Anfang an schief. Eigentlich sollten alle gesetzlich und privat Versicherten bereits in diesem Jahr im Besitz der neuen Karte sein. So steht es im Gesetz. Wenn alles gutgeht, beginnt das neue Zeitalter in der Gesundheit Ende des Jahres probeweise gerade mal für 10.000 Bürger in ausgesuchten Testregionen - fast zwei Jahre später als geplant.

Niemand darf die wahren Kosten nennen

Auftraggeber der Kosten-Nutzen-Analyse ist die „Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“, kurz Gematik genannt. Ihre Aufgabe ist es, die elektronische Gesundheitskarte einzuführen. Gesellschafter der Gematik sind die 15 Spitzenorganisationen im deutschen Gesundheitswesen vom Apothekerverband über die Krankenkassen bis zur Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Deren Vertreter sind von Schmidts Staatssekretär zu striktem Schweigen verdonnert worden. Niemand darf die wahren Kosten nennen. „Die bislang gestrickten Kosten von 1,4 Milliarden Euro sind sicherlich politisch motiviert“, heißt es.

Einige der Akteure machen das Ministerium für die Kostenexplosion verantwortlich. Im November 2005 haben Schmidts Beamte faktisch die Leitung der Gematik übernommen, weil sich Ärzte, Kassen und Apotheker auf der Suche nach Konzepten zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte über Jahre gegenseitig blockiert hatten. „Seit diesem Zeitpunkt sind Konzepte und technische Lösungen mehr und mehr überfrachtet worden“, sagen Schmidts Kritiker.

„Teure und umständliche Kompromisse“

Ganz richtig ist das nicht, denn auch die Selbstverwaltung hat die Kosten kräftig in die Höhe getrieben. Jede Lobbygruppe wollte sich die Macht über die Daten sichern. Wer im Gesundheitssystem die Kontrolle über die Daten besitzt, gegen den kann nichts entschieden werden. Weil jeder glaubte, der andere könnte Vorteile gewinnen, wurde gebremst und auf Zeit gespielt. „Am Ende haben wir oft nicht die besten Lösungen gefunden, sondern teure und umständliche Kompromisse“, klagt ein Vertreter der Industrie.

Es gab immer mal wieder Gerüchte, daß das - wie Schmidt schwärmte - „größte IT-Projekt der Welt“ teurer werden könnte. Kein Problem, sagte sie dann. Die neue Telematik bringe bereits nach wenigen Jahren große Einsparungen, die die Kostensteigerungen mehr als wettmachten. Auch das entpuppt sich jetzt angesichts der dramatischen Zahlen der Kosten-Nutzen-Analyse als Wunschvorstellung.

Ärzte sind die großen Verlierer

Sogar fünf Jahre nach Einführung der Gesundheitskarte liegen die Kosten mit 5,2 Milliarden Euro noch um 800 Millionen Euro über den Einsparungen, rechnen die Berater vor. Allein die Kassen werden netto um 2,2 Milliarden Euro entlastet, unter anderem weil Mißbrauch mit der neuen Karte, die auch ein Foto des Versicherten trägt, praktisch ausgeschlossen ist. Die Ärzte sind die großen Verlierer. 2.000 bis 10.000 Euro kostet die Investition in die neue Technik jede Arztpraxis. Die Gutachter kommen auf Gesamtbelastungen von 1,933 Milliarden Euro. Dem steht bei den Ärzten ein Nutzen von 553 Millionen Euro gegenüber.

Nach fünf Jahren kann die neue Karte allerdings noch nicht alles zeigen, was mit ihr möglich ist. Sie enthält dann nur die Stammdaten des Versicherten und medizinische Daten für den Notfall. Auch Rezepte werden nicht mehr in Papier ausgestellt, sondern künftig elektronisch in den Apotheken eingelöst. Schon vom elektronischen Rezept erhofft sich Schmidt spürbare Einsparungen. Die Studie kommt auch hier zu einem anderen Ergebnis. Ärzte brauchen mehr Zeit, ein elektronisches Rezept auszustellen, heißt es da, und „Apotheker brauchen erheblich länger beim Einlösen einer Verordnung“.

Studie: Karte erst in zehn Jahren verlustfrei

Nach zehn Jahren macht der Chip in den Händen des Arztes auch noch Röntgenbilder und Computertomogramme sichtbar. Dann sind alle Daten eines Patienten elektronisch verfügbar. Ist von der letzten Blutuntersuchung bis zum Röntgenbild alles gespeichert, fallen die teuren Doppeluntersuchungen weg, die heute jeder Patient in Kauf nehmen muß, wenn er den Arzt wechselt oder in ein Krankenhaus eingewiesen wird. Spürbare Entlastung kommt dann aber immer noch nicht gleich. Die Studie geht davon aus, daß sich Kosten und Nutzen nach zehn Jahren mit gut 14 Milliarden Euro gerade mal die Waage halten.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006
Bildmaterial: F.A.Z.

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