Stichwahl in Frankreich

Freunde zur Linken und zur Rechten

Von Michaela Wiegel, Paris

23. April 2007 In dem Flugzeug, das François Bayrou am Wahlabend von seinem Heimatort im Pyrenäenvorland in die Hauptstadt Paris zurückbringt, sitzt er neben Henri Emmanuelli, dem früheren sozialistischen Parteichef. Über dieses Foto wird in Paris am Montag viel diskutiert: Bereitet der Zentrist eine neue Allianz mit den Sozialisten vor, wird er am Mittwoch gar seine Wähler aufrufen, für Ségolène Royal zu stimmen, und sich von den Sozialisten dafür einige Wahlkreise für die Parlamentswahlen im Juni versprechen lassen?

„Wir stehen nicht zum Verkauf“, sagt Marielle de Sarnez. Die Europaabgeordnete, die den Wahlkampf des Zentristen François Bayrou als Kampagnendirektorin leitete, freut sich, „dass wir seit Sonntagabend nur noch Freunde haben“. Kein anderer erfolgloser Kandidat um das höchste Staatsamt wird derzeit so hofiert wie Bayrou, der mit mehr als 18 Prozent der Stimmen oder, in absoluten Zahlen, mehr als sieben Millionen Wählern über die größte „Wahlreserve“ für die Stichwahl am 6. Mai verfügt.

Rückkehr in UMP-Obhut nicht zuzumuten

Bayrou ließ sich die Siegeslaune nicht nehmen, hat er doch sein Ergebnis von 2002 mit der Strategie, gegen das „Zwei-Parteien-System“ zu wettern, verdreifacht. Doch sein Versprechen, die vielfach sterile Opposition zwischen links und rechts zu überwinden und eine Art Pakt der Vernünftigen zu schließen, macht Bayrou jetzt die Wahlempfehlung schwer. Denn das unter ungewöhnlich hoher Wahlbeteiligung zustande gekommene Stichwahl-Duell stellt eine Rehabilitierung der politischen Debatte dar, die bürgerliche Rechte gegen die Linke antreten lässt.

Bayrou weiß, dass er seinen Wählern keine Rückkehr unter die Obhut der mächtigen UMP zumuten kann, denn er hatte ihnen ja gerade versprochen, eine Alternative zu der von Sarkozy gewollten Bipolarisierung darzustellen. Doch einfach zur Kandidatin der Sozialisten überlaufen kann er auch nicht, denn seine Wählerbasis ist soziologisch wohl am besten als liberales Bürgertum charakterisiert.

Beteiligung an „offener Mehrheit“ angeboten

Bislang hat sich Bayrou deshalb damit zufriedengegeben, die „Autonomie des Zentrums“ zu feiern. „Ich habe eine gute Nachricht zu verkünden. Die französische Politik hat sich geändert und wird nie wieder sein wie zuvor. Trotz unzähliger Manöver, trotz der objektiven Allianz zwischen Sozialistischer Partei und UMP, trotz der manipulierten Umfragen konnten wir mehr als sieben Millionen Franzosen für die wunderbare Idee des Wandels gewinnen“, sagte Bayrou. „Ich bleibe in den kommenden Tagen und Wochen der Hoffnung verpflichtet, die wir gestiftet haben. Ich werde alle meine Kraft daransetzen, die französische Politik zu erneuern“, sagte er.

Bayrous Wunsch, die UDF zu einer starken autonomen Kraft in der Nationalversammlung werden zu lassen, stößt sich dabei an der Realität des französischen Mehrheitswahlrechts, das kleinere Parteien zu Wahlbündnissen zwingt. In der Vergangenheit haben UDF und UMP immer zusammengefunden. Bayrou weiß, dass die meisten der 29 UDF-Abgeordneten ihren Sitz einem Wahlpakt mit der UMP verdanken. Viele von diesen Abgeordneten werden Bayrou darum bitten, die ausgestreckte Hand der UMP nicht auszuschlagen.

Nicolas Sarkozy hat Bayrou am Montag angerufen, um ihm zu seinem Wahlergebnis zu gratulieren. Er hat seine Emissäre, den früheren Premierminister Raffarin, einen ehemaligen Zentristen, und das einzige UDF-Mitglied im Regierungskabinett, Erziehungsminister de Robien, zu Bayrou geschickt. Die Botschaft ist klar: Die Wähler Bayrous sind bei Sarkozy „willkommen“, sie seien „freie Bürger“, denen eine Beteiligung an einer „offenen Mehrheit“ angeboten wird. Das Umfrageinstitut Sofres hat vor der Wahl ermittelt, dass 35 Prozent der Wähler Bayrous im zweiten Wahlgang für Sarkozy stimmen, 47 Prozent für die Sozialistin. Bayrou hat am Montag nur wissen lassen, dass er noch nichts entschieden hat. Vor Mittwoch will er sich nicht öffentlich festlegen.



Text: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 / Seite 3
Bildmaterial: AP

 
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