16. Januar 2004 Wenn in diesen Tagen der Begriff der Eliteuniversität fällt, denkt nicht nur Bundeswirtschaftsminister Clement an die Berliner Humboldt-Universität. Ihr Präsident, der Physiker Jürgen Mlynek, gehörte zu den Gästen des Bundeskanzlers, die über seine Idee eines "Innovationsrats" für Deutschland reden. Die Humboldt-Universität eignet sich hervorragend für die Rolle einer Reformuniversität. So hat sie schließlich angefangen, als Preußen nach den Siegen Napoleons darniederlag und sie 1810 auf Betreiben Wilhelm von Humboldts gegenüber der Staatsoper Unter den Linden ihre Arbeit aufnahm: als Hochschule neuer Art, in der Forschung und Lehre ein Einheit bildeten, in der "Bildung durch Wissenschaft" erlangt wurde.
Als Reformuniversität gelangte die Berliner Universität im 19. Jahrhundert zu Ruhm. Glanz erwarb sie sich rasch, große wissenschaftliche Namen und herausragende Leistungen zogen viele und gute Studenten an. Die medizinische Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität, wie sie bis 1949 hieß, galt um 1900 als die beste in Deutschland. Noch bevor die Berliner Universität ihren hundertsten Geburtstag feierte, hatten ihre Wissenschaftler etliche Nobelpreise erworben: 1901 ging der Nobelpreis für Chemie an Jacobus van't Hoff, 1902 an Erich Fischer, 1905 an Adolf von Baeyer, 1907 an Eduard Buchner. Theodor Mommsen erhielt 1902 den Nobelpreis für Literatur, den für Medizin erhielten 1905 Robert Koch, 1908 Paul Ehrlich und 1910 Albrecht Kossel. Auf persönlichen Wunsch Wilhelms II. vereinbarte die Berliner Universität einen Professorenaustausch mit der Universität Harvard, 1906 folgte eine entsprechende Vereinbarung mit Columbia.
Erstklassige Wissenschaftler
Nach der Revolution von 1989 knüpfte der damalige Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt ausdrücklich an dieses erfolgreiche erste Jahrhundert der Berliner Universität an. Er machte den Neuaufbau der im Dritten Reich und in der DDR materiell, geistig und intellektuell ausgezehrten alten Berliner Universität zur Herzensangelegenheit; es gelang ihm, dafür vom damaligen Finanzsenator Elmar Pieroth und dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen die erforderliche Unterstützung - viele Millionen Mark - zu bekommen. Die Humboldt-Universität wurde, von Gutachterkommissionen begleitet, zu einer ersten Adresse ausgebaut, in den Rechtswissenschaften und den Geschichtswissenschaften fast ausschließlich durch Neuberufungen, in der Mathematik jedoch mit dem vorhandenen, für ausgezeichnet befundenen Personal. In den Jahren 1991 bis 1996 wurde die HU zu einem begehrten Ort für erstklassige, ehrgeizige, renommierte und junge Wissenschaftler.
Daß sie in den Jahren darauf den Sparanstrengungen unterworfen wurden, die in Berlin viel zu spät als politische Voraussetzung für ein künftiges Gedeihen der Stadt und ihrer Institutionen erkannt wurden, hat sie widerwillig hingenommen. Trotz aller Einschränkungen konnte jedoch im vergangenen Herbst ein neuer naturwissenschaftlicher Campus in Adlershof eingeweiht werden, dessen Einrichtung der Wissenschaftsrat Anfang der neunziger Jahre empfohlen hatte. Auf absehbare Zeit wird jedoch das Geld für eine Mensa fehlen.
Wettbewerb der Besten
Die Konkurrenz, die der Freien Universität in West-Berlin ausgerechnet durch die Universität erwuchs, aus der viele ihrer Gründer in den ersten Nachkriegsjahren fliehen mußten und gegen deren Regime der Unfreiheit sie gegründet worden war, lähmte sie einige Jahre lang. In den neunziger Jahren aber lernten die FU und die HU, miteinander zu wetteifern. Fächer wanderten von der einen zu der anderen Universität, Studienleistungen werden gegenseitig anerkannt, die Präsidenten Mlynek und Lenzen pflegen ein gutes Einvernehmen. Der Wettstreit darum, wer die "Hauptstadtuniversität" sein werde, tut beiden gut. Die Technische Universität hat sich in der letzten Zeit offenbar außer Konkurrenz gesetzt, die FU aber hat der unerwartetem Konkurrenz und den Sparzwängen eine beachtliche - und öffentlich beachtete - Festigung ihrer Leistungsfähigkeit abgewonnen.
"Ich finde den Vorschlag, die Humboldt-Universität auch mit Mitteln des Bundes zu fördern und gewissermaßen vor aller Welt zu zeigen, was eine deutsche Spitzenuniversität ist, sehr spannend. Ich bin überzeugt, das würde jedenfalls die größeren Bundesländer herausfordern, ähnliches zu tun. Wir brauchen einen solchen Wettbewerb der Besten", sagte Wirtschaftsminister Clement der "Berliner Zeitung". Die drei Berliner Universitäten, denen der Senat der überschuldeten Stadt auferlegt hat, bis zum Jahr 2009 mit zusammen 75 Millionen Euro jährlich weniger Staatszuschuß auszukommen, werden die politischen Gedankenspiele über die Herstellung von Exzellenz genießen - sie wissen, daß sie alle davon profitieren können, wenn neben äußerster Sparsamkeit etwas Geld für Gebäudesanierungen, Geräteanschaffungen, Leistungsanreize und Belohnungen nach Berlin käme. Zuletzt erlebten die West-Universitäten das unter dem Bundesbildungsminister Möllemann, dessen Hochschul-Sonderprogramme in den achtziger Jahren den Reformeifer belebten.
Öffentlicher Widerstand
Eine Rangliste der Freien Universität Berlin zeigte dieser Tage, daß die Berliner Universitäten FU und HU ohnehin zu den besten im Lande gehören. "Eliteuniversität" ist daher in vielerlei Hinsicht schon längst im armen Berlin angekommen. Nach insgesamt elf Kriterien - etwa die Summe der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligten Forschungszuschüsse, der Zahl der Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und Leibnitz-Preise - wurden die deutschen Hochschulen im "Meta-Ranking" der FU geprüft. An der Spitze dieser Rangliste steht die Ludwig-Maximilians-Universität in München, gefolgt von der Universität Heidelberg, der Freien Universität Berlin, der TU München - und der HU Berlin.
Die Zumutungen von Rot-Rot - die Hochschulmedizin muß in den nächsten Jahren auf 98 Millionen und die drei Universitäten müssen auf 75 Millionen Euro Staatszuschuß pro Jahr verzichten - sind hart für die Hochschulen, und zum ersten Mal seit Jahren regte sich öffentlich Widerstand dagegen. Zwar haben die streikenden Studenten darauf verzichtet, sich an Gesprächen über Fächerzuschnitt, Aufgabenverteilung und Neuorganisation zu beteiligen, doch hat ihr Protest die Sympathien für die Wissenschaft zur politischen Kraft gemacht. Daß es für Berlin gut wäre, ausgerechnet jetzt seine reiche Ausstattung mit wissenschaftlichen - zum Teil fachlich auch jetzt schon erstklassigen - Einrichtungen auf ein Niveau zurückzunehmen, das eine arme Stadt sich leisten kann, glaubt selbst der SPD/PDS-Senat nicht, der die Universitäten in die harte Sparpolitik getrieben hat.
Wenn nun Bundespolitiker und Unternehmensberater empfehlen, eine Berliner Universität zur deutschen Reformuniversität auszubauen, könnte das die schwere Niedergeschlagenheit vieler Wissenschaftler heilen. Schließlich haben sie in Berlin in den vergangenen fünfzehn Jahren unendlich viele Widrigkeiten klaglos überdauert, weil sie wußten, daß die Stadt nur als Wissenschaftsmetropole an alten Glanz anknüpfen kann. Die Humboldt-Universität fühle sich "geehrt", sagte ihre Sprecherin; daß sie zu den besseren Universitäten des Landes gehöre, sei ihr allerdings bewußt. Lakonisch kommentierte die mögliche Nutznießerin der Elitesehnsucht die neuen Chancen. Still blieben Berlins Politiker. Es wäre das erste Mal, daß Berlin nicht als Bittsteller vom Bund Geld für Einrichtungen fordert, zu deren Gründung die Stadt niemand aufgefordert hat. Eine vom Bund unterstützte Berliner Eliteuniversität wäre ein großartiger Effekt der fast fünfjährigen Koexistenz von Hauptstadt und Bundespolitik.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2004, Nr. 14 / Seite 3