Von Klaus-Dieter Frankenberger, Berlin

Mit dem emotionalen Blick auf Deutschland geschaut: Kissinger-Preisträger George Herbert Walker Bush
04. Juli 2008 Es war ein bewegender, anrührender Moment deutsch-amerikanischer Geschichte, zu dem die Ehrung für den früheren Präsidenten George Herbert Walker Bush den Anlass bot. Henry Kissinger, der frühere amerikanische Außenminister, Richard Holbrooke, ein ehemaliger Botschafter Washingtons, und Bush selbst blickten zurück auf die Zeit der deutschen Einigung, riefen die damaligen Umstände in Erinnerung und das von tiefem Vertrauen geprägte Zusammenwirken mit dem damaligen Bundskanzler Kohl und seinen Mitarbeitern.
Sie sprachen von der unerschütterlichen Vitalität des deutsch-amerikanischen Verhältnisses auf eine Weise, dass man nicht glauben konnte, vor wenigen Jahren noch Zeuge einer tiefen Zerrüttung gewesen zu sein. Am Abend vor der Einweihung der neuen amerikanischen Botschaft im Herzen von Berlin schöpften sie aus der Geschichte, um doch, in die Zukunft gewandt, das eine Motiv zu bekräftigen: Wenn die deutsch-amerikanischen Bande stark sind, können die großen Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft leichter gemeistert werden. Sie sind essentiell hierfür.
Gewaltige weltpolitische Aufgaben

Die Intensität der persönlichen Beziehungen - Henry Kissinger gewährte in Berlin einen Einblick in die Rolle des Persönlichen in der Politik
Henry Kissinger, nach dem der zu vergebene Preis der American Academy in Berlin benannt ist und der die Laudatio auf den 41. Präsidenten der Vereinigen Staaten hielt, gab einen Eindruck von der Staatskunst, die damals notwendig war, damit sich die Elemente in die richtige Richtung bewegten. Die Veränderungen in der Sowjetunion, die bis zu ihrem Zerfall gingen, die Entwicklung in Deutschland, die Desintegration des Staatensystems im Mittleren Osten, das mit Saddam Husseins Invasion in Kuweit begann und an dessen Stelle noch immer nichts abschießend getreten ist - es waren gewaltige weltpolitische Aufgaben, die zu erledigen George Herbert Walker Bush zufielen.
Wie er, was Deutschland anbetraf, zusammen mit dem Bundeskanzler die Gelegenheit beim Schopfe packte, wie er die Welt aus dem Kalten Krieg zu führen half, dafür wird er zu Recht gerühmt. Dass dabei die Intensität der persönlichen Beziehungen eine Rolle spielte, zu Gorbatschow in Moskau und zu Kohl in Bonn, erwähnten Kissinger und Bush gleichermaßen. Sie erwähnten es mehrfach.
Emotionalität beim Einigungsprozess
Und Bush sprach offen von seiner eigenen Emotionalität mit Blick auf dieses Deutschland, würdigend von der gemeinsamen deutsch-amerikanischen Anstrengung, es gegen Moskaus Besorgnis und auch gegen Widerstände unter den Partnern zu schaffen. Für ihn sei es darauf angekommen, Kohl darin zu unterstützen, den Einigungsprozess rasch voranzutreiben; dabei wollte er es den Deutschen überlassen, in welcher Bündniskonstellation sie künftig leben wollten.
Dass sie sich für die des Westens entscheiden würde, daran zweifelte er freilich nicht. Wir hatten großes Vertrauen in Deutschland, sagte er vor Hunderten Gästen. Und dieses Verrauen hat sich ausgezahlt, auch als europäische Dividende: in einem Europa, das sich in Freiheit eint.
Deutschland ist ein Beispiel in Freiheit und Demokratie
Bedauerlich war nur an diesem Abend, dass nicht ein einziges Mitglied des Bundeskabinetts und nur ganz wenige Abgeordnete des Bundestages den Weg hinaus zum Wannsee fanden, dorthin, wo die American Academy ihren Sitz gefunden hat. So konnten sie auch nicht hören, mit welcher Selbstverständlichkeit Bush von deutsch-amerikanische Führung (wieder) sprach, wie selbstverständlich ihm eine zentrale Rolle Deutschlands in Europa vorkommt und wie groß sein Vertrauen in die deutsche Demokratie ist: Deutschland ist ein Beispiel in Freiheit und Demokratie.
Kissinger, in Franken geboren, kann schon autobiographisch ermessen, wie unwahrscheinlich eigentlich diese deutsche Geschichte ist. Sie ist auch ein Erfolg amerikanischer Politik. Mit diesem Erfolg, das gehört dazu, verbinden sich freilich aus amerikanischer Sicht auch große Erwartungen an Deutschland. Der nächste Präsident wird Berlin darüber schon nicht im Unklaren lassen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa