BKA-Chef Jörg Ziercke

Aufklärer im eigenen Haus

Von Peter Carstens

Ziercke will die dunkle Geschichte seiner Behörde durchleuchten

Ziercke will die dunkle Geschichte seiner Behörde durchleuchten

22. September 2007 Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) steht derzeit im Lichte vieler Kameras und erläutert Erfolge der Sicherheitsbehörden im Kampf gegen den Terrorismus. Dabei hat Jörg Ziercke den Ruf eines zielstrebigen und entscheidungsfreudigen Chefermittlers gewonnen. Überschwengliche Verehrer sagen, seit dem legendären BKA-Präsidenten Horst Herold aus den siebziger Jahren, habe es keinen besseren mehr gegeben.

Das ist viel Ehre, und Ziercke wird sie gerne teilen mit Polizeibeamten aus Bund und Ländern, die beispielsweise gegen die Sauerland-Zelle einen großen Zwischenerfolg errungen haben. Doch Ziercke hat sich auch vorgenommen, in den dunklen Keller des eigenen Amtes hinein zu leuchten.

56 Jahre lag die Aufklärung brach

Dort stehen die Fundamente des Bundeskriminalamtes seit fast sechzig Jahren in braunem Schlamm: SS-Sturmbannführer, Kriminalbiologen aus dem Reichssicherheitshauptamt, Kommandeure von Genozid-Kommandos, Polizisten mit Spitznamen wie „Der Henker von Mailand“ oder „Pistolen Ede“ vom Einsatzkommando 5/II gehörten zum Gründungs- und langjährigen Führungspersonal des Bundeskriminalamts.

Gedeckt und gefördert von Generationen von BKA-Präsidenten und Innenministern lag über mindestens zwei Jahrzehnte die Führung und die fachpolizeiliche Arbeit bei Männern, die selbst in Verbrechen verstrickt waren. Nie in sechsundfünfzig Jahren BKA wurde dieses Thema behandelt. Angeblich habe Horst Herold begonnen, sich ein Bild über Vorgänger und Vorgänge zu machen, doch die bleiernen Zeiten des RAF-Terrorismus hätten ihn schließlich davon abgebracht. Nun also Ziercke.

Die „zweite Schuld“ abtragen

Der Präsident hat selbst das Polizistenhandwerk von Grund auf gelernt, sich vom Kripo-Beamten im Mittleren Dienst emporgearbeitet bis an die Spitze der großen, künftig noch wesentlich eingriffsmächtigeren Bundeskriminalpolizei. Wer ihm und auch den Referenten bei der Tagung des Amtes zur eigenen Geschichte aufmerksam zugehört hatte, konnte in seinen Worten die Bedenken, Widersprüche und Ansehensbesorgnisse des Amtes und auch seiner Pensionäre wiedererkennen. Die hat der gebürtige Lübecker Ziercke gehört, sie haben ihn aber nicht von seinem Vorhaben abgebracht.

Mit dem BKA stellt sich zum ersten Mal eine deutsche Sicherheitsbehörde ihrer NS-Vergangenheit. Die drängenden Fragen an Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst oder an das Innenministerium werden nicht mehr verstummen. Denn dort wird, ähnlich wie im Auswärtigen Amt, aus Feigheit, Mitwissertum und Korpsgeist ebenfalls bis heute darüber geschwiegen, woher die Männer der ersten Jahre und Jahrzehnte kamen, wie sie den Aufbau der Demokratie prägten und wie es kam, dass, wie Ziercke das mit dem Wort des Publizisten Giordano nannte, eine „zweite Schuld“ entstand, nicht abgetragen ist.

Ziercke, der im Juli sechzig Jahre alt geworden ist, führt sein Amt seit 2004. Seine fachliche Fähigkeit und sein gutes Verhältnis zu seinem Dienstherrn, Innenminister Schäuble, schützen ihn hoffentlich vor Anfeindungen, die sein Mut zur Verantwortung ihm eintragen wird. (Siehe auch: BKA deckt seine düstere Vergangenheit auf sowie NS-Vergangenheit des BKA: Nach dem Vorbild des Reichskriminalamtes)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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