Die Türkeireise des Papstes

Empfang zweiter Klasse

Von Rainer Hermann, Istanbul

Keine Nationalhymne beim Empfang im Präsidentenpalast

Keine Nationalhymne beim Empfang im Präsidentenpalast

28. November 2006 Leicht macht es sich die Türkei und ihrem Gast nicht. Die Türkei bereite Papst Benedikt XVI. lediglich einen „Empfang zweiter Klasse“, stellt irritiert das Massenblatt „Hürriyet“ fest. Weder begrüße Staatspräsident Sezer den Papst am Flughafen, noch lasse er beim Empfang im Präsidentenpalast die beiden Nationalhymnen spielen. Kanonenböller wird es nicht geben, auch kein Abendessen. Und das alles, weil der Papst darauf bestehe, in Istanbul ausschließlich die Wagen des Ökumenischen Patriarchen zu benutzen.

Als Papst Johannes Paul II. 1979 die Türkei besuchte, begrüßte ihn Staatspräsident Korutürk am Flughafen. Der Papst küßte nach seiner Ankunft den Boden, und Korutürk wertete den Besuch als „geschichtliches Ereignis“. Mit Dank nehme er entgegen, daß der Papst beim Betreten der türkischen Erde für das Wohl und Gedeihen des türkischen Volks gebetet habe. „Wir werden die dabei gemachte Geste nicht vergessen“, sagte das Staatsoberhaupt. Selbst die linksnationale Zeitung „Cumhuriyet“, heute an der Spitze der türkischen Isolationisten, kommentierte damals froh, Papst Johannes Paul II. habe die Wichtigkeit der Türkei erkannt, und geißelte die „rechte Presse“, die mit ihrer „engstirnigen Einstellung“ in dem Besuch nur „einen neuen Kreuzzug“ sehen wolle.

Die Türken mögen den Papst nicht

Diesmal legt sich mit dem abweisenden Verhalten des Staatspräsidenten Sezer ein Schatten auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. Auch das Gezerre um einen Termin mit Ministerpräsident Erdogan trug nicht zu einer Atmosphäre der Gastfreundschaft bei. Gewiß reist Erdogan am Tag von Benedikts Ankunft zum Nato-Gipfel nach Riga, gewiß hat sein Amt versucht, den Heiligen Stuhl zu einer Änderung des Reiseplans umzustimmen. Der Papst aber will am 30. November mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel das Fest des Begründers des Bischofssitzes von Konstantinopel, des Apostels Andreas, feiern. Zunächst machte Erdogan mit seiner zur Schau gestellten Indifferenz innenpolitisch Punkte.

Die Türken mögen Papst Benedikt XVI. nicht. Noch immer wird ihm seine frühere Leugnung der Europatauglichkeit der Türkei nachgetragen, und seit Tagen verknüpfen die türkischen Medien ihre Schlagzeilen über den bevorstehenden Besuch mit dessen Regensburger Rede. Der Vatikan aber reagierte gelassen auf Erdogans Indifferenz und die Proteste in der Türkei, die weit schwächer blieben als erwartet. Dann lenkte Erdogan doch ein - weniger aus innen- als aus außenpolitischem Kalkül.

In Ankara wird Papst Benedikt XVI. an diesem Dienstag auch mit dem Leiter der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, Bardakoglu, konferieren. Bei seinem ersten Besuch in einem Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung stoße der Papst damit einen theologischen Dialog unter offiziellen Institutionen an, der über die bisherige Qualität hinausgehe, sagt Felix Körner, ein in Ankara lebender deutscher Jesuit. Mit seinem Besuch bei Bardakoglu würdige der Papst ferner, daß sich die Religionsbehörde zunehmend an der theologischen Diskussion beteilige und in dem früheren Kontrollorgan des Staats der Spiritualität eine wachsende Bedeutung zukomme. Mit diesem Treffen und dem Besuch in der Blauen Moschee, dem zweiten eines Papstes in einem muslimischen Gotteshaus, stünden die Zeichen gut, daß die Formulierungen des Papstes in seiner Regensburger Rede nun richtig verstanden würden, sagt Körner.

„Papstreise zum Ökumenischen Patriarchen“

Mit großen Hoffnungen sieht der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. dem Besuch des Papstes entgegen. Im Mittelpunkt der Reise steht das Treffen mit dem Kirchenführer der Orthodoxie. Da Benedikt Staatsoberhaupt des Vatikans ist, wird seinem privaten Besuch aber das Korsett eines Staatsbesuchs übergestülpt. Von dem Besuch erwarte man einen neuen Anstoß für den Dialog zwischen der römischen Kirche und der Orthodoxie, sagte der Sprecher des Patriarchen, Dositheos Anagnostopoulos. Für den Patriarchen sei es wichtig, daß der Papst ausdrücklich den Ökumenischen Patriarchen besuche. Denn die Türkei erkenne diesen historischen Titels des Patriarchen weiter nicht an. Türkische Nationalisten behaupten an den Tatsachen vorbei, der Patriarch wolle einen Kirchenstaat wie den Vatikan gründen.

Zu einer Verstimmung kam es am Montag, als die türkische Regierung vorübergehend das in einem Hotel eingerichtete Pressezentrum des Ökumenischen Patriarchats schließen ließ. Da die türkische Regierung die Reise des Papsts nach Istanbul als private Visite bewertet, verzichtete sie in Istanbul auf ein eigenes Pressezentrum. Darauf richtete das Patriarchat mit seinen Mitteln eines ein, in dem aus aller Welt angereiste freiwillige Mitarbeiter des Patriarchen die Journalisten registrierten. Ein Polizist in Zivil, begleitet von zwei Mitarbeitern des staatlichen Presseamts, ließ die Registrierungsstelle vorübergehend mit dem Argument schließen, eine zweite Akkreditierung sei nicht erforderlich. Zudem besuche der Papst die Türkei und nicht den Patriarchen. Anstoß des Ärgernisses waren die ausgestellten Registrierungskarten, auf denen es „Papstreise zum Ökumenischen Patriarchen“ hieß.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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