Gordon Brown muss zurückstehen

Für Obama nicht der erste Gesprächspartner

Von Johannes Leithäuser, London

25. Juli 2008 Als vor fünf Wochen der scheidende amerikanische Präsident Bush erst am Ende seiner Europareise in Großbritannien Station machte, wurde das in britischen Regierungskreisen nicht als Kränkung empfunden, sondern eher mit Erleichterung quittiert.

Zwar hat Premierminister Brown, dessen Vorgänger im Amt einst von Bush mit dem jovial-abschätzigen „Yo Blair“ angeredet wurde, inzwischen eine einigermaßen kollegiale Gesprächsbasis etabliert, doch im Bewusstsein der Briten ruft die Erinnerung an die Ergebenheit, mit der Blair einst Bush in den Irak-Krieg folgte, noch immer Stiche hervor.

„Besonderes Verhältnis“

Die Teilnahme am Einmarsch in den Irak galt als fehlgeleitetes Beispiel für das „besondere Verhältnis“ zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten, das nicht erst Blair beschwor, sondern das eine Mehrheit der Briten durchaus für eine Gegebenheit hält.

Jetzt hätte es Downing Street daher gerne gesehen, zu einem früheren Zeitpunkt in Obamas Reiseplänen vermerkt zu werden. Zunächst hieß es in London, Obama werde den europäischen Teil seiner Reise in London beginnen und dort seine transatlantische Botschaft verkünden.

Stattdessen hat er nun seine außenpolitische Grundsatzrede in Berlin gehalten, die ausführliche Erläuterung folgt an diesem Freitag auf einer Pressekonferenz in Paris. (Siehe auch: Obama wirbt für transatlantischen Neuanfang)

In London hingegen wird Obama erst am Samstag sein, ebenso wie Bush auf seinem letzten Zwischenstopp vor dem Rückflug. Überdies sieht sich Brown in Obamas Terminplanung eingerahmt zwischen Treffen des Amerikaners mit dem Vorgänger im Amt, Blair, und dem möglichen Nachfolger, Oppositionsführer Cameron.

Waffe im internen Streit

Dadurch wird Obamas Besuch zu einer Waffe im internen Streit der Labour-Lager um Personen und Richtung der Partei. Obama wolle ebenjene wichtigen Personen treffen, mit denen er die nächsten sieben oder acht Jahre zusammenzuarbeiten habe, heißt es gehässig aus den Reihen der Anhänger des einstigen Premierministers Blair, die teils freiwillig, teils gezwungenermaßen dem demoskopischen Niedergang seines Nachfolgers Brown tatenlos zusehen.

Sie vermerken mit Genugtuung, dass ihr früherer Chef Blair in seiner Nahost-Mission weiterhin als Gesprächspartner ernst genommen wird.

Überdies ist Brown aus Gründen des Protokolls gezwungen, mit dem Besuch Obamas allenfalls zurückhaltend Reklame für sich selbst zu machen: Es wird, von einem Händeschütteln vor der Tür von Downing Street 10 abgesehen, keinen gemeinsamen Auftritt vor den Kameras geben.

Brown ist das womöglich ganz recht: Er hat mit Obama wie auch mit dem republikanischen Bewerber McCain während seines vorigen Besuches in Amerika Gespräche geführt. Zumindest in Wirtschaftsfragen, jenem Politikfeld, dem angesichts der drohenden Rezession Browns Hauptaugenmerk gilt, sieht er seinen Standpunkt näher an dem des Kandidaten der Republikaner als an dem des Demokraten.

Leserforum: Ihre Meinung zu Obamas Berlin-Rede



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

 

Reaktionen auf Obamas Auftritt

Die Rede eines Weltbürgers - perfekt inszeniert

Hat da der neue Präsident der Vereinigten Staaten vor der Siegessäule geredet? Barack Obama will dieses Amt erst noch erreichen. Daher kritisierte auch dessen Widersacher John McCain den Auftritt in Berlin. Die Reaktionen aus Deutschland sind zumeist begeistert. Bequem wird der künftige Präsident für Europa aber auf keinen Fall sein - gleichgültig, aus welchem Lager er kommt.

Berlin-Besuch

Gegenbild Obama

Spezial Seine Weltreise ist eine perfekt kalkulierte Inszenierung für den heimischen Wählermarkt. Offenbar sind die Erneuerungssehnsüchte und Heilserwartungen, die sich in Amerika an Obama geheftet haben, nach Europa herübergeschwappt. Vielleicht gelingt es ihm, Härte in der Sache mit versöhnlichen Worten und Gesten zu kaschieren. Von Günther Nonnenmacher

Rede in Berlin vor mehr als 200.000 Zuhörern

Obama wirbt für transatlantischen Neuanfang

Bei seiner Rede an der Berliner Siegessäule benutzte der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama die Luftbrücke zur Rettung der Stadt 1948 und die Berliner Mauer als Leitmotiv. Anders als die Präsidenten John F. Kennedy, Ronald Reagan und Bill Clinton verzichtete er darauf, einen Satz auf Deutsch zu sagen.

Kritik an Obamas Personenkult

„Geschmacklos, überheblich und dumm“

Während Barack Obama sich auf seiner Nahost- und Europareise um präsidiale Attitüden bemüht, schüttet in Amerika sein republikanischer Gegenkandidat John McCain Spott über ihn aus. Besonders Obamas „Kandidatensiegel“ gilt einigen als Ausdruck der Arroganz. Von Matthias Rüb, Washington

Dokumentation

„Wir müssen neue Brücken aufbauen“

FAZ.NET dokumentiert entscheidende Passagen der Rede Barack Obamas.

Vor dem Obama-Besuch

Merkel: Kontinuität in Beziehungen zu Amerika

Kanzlerin Merkel erwartet nach der amerikanischen Präsidentenwahl keine grundsätzlichen Änderungen im transatlantischen Verhältnis. Sie freue sich auf die Begegnung mit dem demokratischen Kandidaten Obama. Von Günter Bannas, Berlin

Obama in Berlin

Unsere Erlöser

Ganz Berlin liegt Barack Obama zu Füßen. Leuchtend nimmt er die Rolle des Erlösers ein. Da ist er aber nicht der Einzige. FAZ.NET präsentiert vier Erlöser-Alternativen: Superstars von denen wir uns entrücken und entzücken lassen.

Berlin-Besuch

„Obama in town“

Gut gefüllt ist der Terminplan Barack Obamas bei seinem Besuch in Berlin. Bevor er am Abend vor der Siegessäule seine mit Spannung erwartete Rede halten wird, hat der Bewerber der Demokraten für das Amt des amerikanischen Präsidenten einige Termine wahrzunehmen. Bereits getroffen hat er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem etwa einstündigen Meinungsaustausch.

Obamas weltweiter Wahlkampf

Die Verwegenheit des Egos

Barack Obama ist am Morgen im Irak eingetroffen, am Donnerstag spricht er vor der Berliner Siegessäule. Während er im Ausland ist, wächst in Amerika die Kritik an ihm. Ärger über Obamas messianisches Auftreten wird mehr und mehr von Anhängern der Demokraten geäußert. Von Matthias Rüb, Washington

Obama in Israel

„Eine bleibende Verpflichtung“

Während Barack Obama Israel besucht, geht der Streit über seinen für Donnerstag geplanten Auftritt in Berlin weiter. Angela Merkels Weigerung, ihn vor dem Brandenburger Tor sprechen zu lassen, nennt Außenminister Steinmeier schlicht „kleinlich“.

In Afghanistan

Obama auf Truppenbesuch

Der designierte Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Demokraten, Barack Obama, ist am Samstag in Afghanistan eingetroffen. Das Land ist Zwischenstation einer umfangreichen Auslandsreise, die Obama unter anderem am Donnerstag nach Berlin führen soll.

Obama im Irak

„Beabsichtige, diesen Krieg zu beenden“

Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat hat in Bagdad mit der irakischen Führung über einen möglichen amerikanischen Truppenabzug beraten. In der Heimat warnen führende Militärs: Ein konkreter Zeitplan wäre „gefährlich“.

Vor der Siegessäule

Obamas Berliner Rede

Barack Obama hat in Berlin vor mehr als 200.000 Zuhörern für einen Neuanfang der transatlantischen Beziehungen geworben.