25. November 2004 Schon die Vorbereitungen der Demonstration überwiegend türkischer Muslime am Sonntag in Köln wurden von Rivalitäten unter den verschiedenen muslimischen Verbänden in Deutschland begleitet.
Vertreter anderer muslimischer Organisationen und Fachleute äußern die Vermutung, daß die Demonstration vom türkischen Religionsministerium bei der Türkisch-Islamischen Union Ditib quasi bestellt, zumindest aber erwünscht gewesen sei, um im Hinblick auf den von der Regierung in Ankara angestrebten Beitritt zur Europäischen Union zu zeigen, daß sich türkische Muslime vom islamistischen Terror distanzieren.
Demonstration war aus Ankara angeordnet
Hinter dieser Vermutung verbirgt sich die Konkurrenz der muslimischen Organisationen untereinander. Sie ringen seit Jahren um den Vertretungsanspruch für die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland. Jede für sich möchte der Hauptansprechpartner für Bund und Länder in Fragen des islamischen Religionsunterrichts und der Ausbildung von Religionslehrern sein. Jede möchte an Einfluß gewinnen, zum Beispiel durch das Entsenden von Mitgliedern in die Rundfunkräte und andere Gremien - und sie möchten diesen Einfluß nicht mit anderen Organisationen teilen.
Meiner Ansicht nach war die Demonstration aus Ankara angeordnet, sagt Selim Abdullah, der Leiter des Islam-Archivs in Soest. Aus dem Islam-Archiv bezieht unter anderen das Bundesinnenministerium Statistiken zum muslimischen Leben in Deutschland. Denn die Ditib kann nichts machen, was Ankara nicht zumindest gutheißt.
Mustafa Yeneroglu, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), sagt dazu: Natürlich hat die türkische Regierung ein Interesse daran, daß sich die Türken in Deutschland ihrem Selbstverständnis entsprechend als demokratisch gesinnt zeigen und sich öffentlich vom Terror distanzieren. Die IGMG ist ebenfalls eine türkische Organisation, sozusagen die direkte Konkurrenz der Ditib, die die Demonstration unter dem Titel Gemeinsam für Frieden und gegen Terror ohne Beteiligung der anderen Verbände organisiert hatte.
Das ist eine große Lüge
Die Ditib hielt in der vergangenen Woche, als Kritik an ihrem Vorgehen laut wurde, daran fest, die Veranstaltung ohne Mitwirkung der anderen Verbände abzuhalten. Das hat, so wird von den konkurrierenden Organisationen vermutet, entweder mit dem Auftrag aus Ankara zu tun oder damit, daß sich die Ditib durch diese Demonstration als herausragender Ansprechpartner für die deutsche Politik profilieren wollte.
Mehmet Yildirim, Generalsekretär von Ditib, bestreitet sowohl eine Weisung aus Ankara als auch eine Rücksprache mit der türkischen Regierung in dieser Frage: Das ist nicht der Fall, das ist eine große Lüge, sagte er dieser Zeitung. Wir sind eine demokratische Organisation nach deutschem Vereinsrecht, wir gehören nicht zum Religionsministerium und haben das alles hier alleine entschieden.
Zweitgrößte muslimische Organisation
Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V., so der übersetzte volle Name der Ditib (Diyanet Isleri Türk-Islam Birligi) mit Sitz in Köln-Ehrenfeld gilt als die zweitgrößte muslimische Organisation in Deutschland, stellt sich selbst aber als die größte dar. Yildirim sagt, seine Organisation vertrete achtzig Prozent aller (organisierten) Muslime in Deutschland und habe 220.000 Mitglieder. Nach Angaben des Islam-Archivs hat die Ditib etwa 100.000 Mitglieder weniger.
Diese Differenz erklärt sich offenbar aus einer Neigung zur Übertreibung: Auch die Teilnehmer der Demonstration gibt Yildirim mit 40.000 bis 50.000 Personen an - die Polizei kam auf 25.000. Die Zahlen kranken aber auch daran, daß nur etwa zehn Prozent der Muslime in Deutschland organisiert sind; die nichtorganisierten Muslime werden als Familienmitglieder den Mitgliederzahlen zugeschlagen.
Teilnehmerzahl hätte doppelt bis dreimal so hoch sein können
Nach Angaben des Islam-Archivs ist der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, eine Dachorganisation mehrerer Vereine mit zusammen etwa 136.000 Mitgliedern, der größte Verband. Der Islamrat wird von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs dominiert, die seit längerem vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Die engen Beziehungen zwischen Islamrat und Milli Görüs, die sich auch in personellen Verflechtungen zeigen, werden von den Beteiligten nicht abgestritten. Der Zentralrat der Muslime, der im Gegensatz zum Islamrat und zur Ditib überwiegend nicht-türkische Muslime vertritt und von Saudi-Arabern dominiert wird, ist, migrationsgeschichtlich bedingt, der kleinste Verband. Ihm gehören vermutlich nur etwa 12.000 Gläubige an. Nadeem Elyas, sein langjähriger Vorsitzender, spricht zwar von 400 Moscheegemeinden mit jeweils 200 bis 2000 Gläubigen, also mindestens 80.000 Muslimen - doch auch hier scheint der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein.
Elyas, der am Sonntag auch auf dem Podium stand, aber nicht sprach, hält die Demonstration zwar für eine gute Sache, doch wir hätten das anders gemacht. Wenn alle muslimischen Organisationen eingebunden gewesen wären, hätte die Teilnehmerzahl doppelt bis dreimal so hoch sein können, sagt er. Für den Charakter einer bestellten Demonstration sprach am Sonntag die geradezu perfekte Organisation: die vorgefertigten, gedruckten Transparente, die große Zahl türkischer Fahnen (Flaggen anderer Nationen waren nicht zu sehen), die vielen Ordner.
Politischen Islamismus bekämpfen - verfassungstreue Muslime unterstützen
Anders als Milli Görüs, die der Partei des früheren türkischen Ministerpräsidenten Erbakan nahesteht, ist die Ditib eng mit dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi) der Türkei verbunden. Sie soll die Seelsorge für die Türken im Ausland sicherstellen; ihre Imame werden vom türkischen Staat bezahlt. Ähnlich wie Botschaftsangehörige wechseln sie in kurzen Abständen das Einsatzland, so daß sie zumeist nur wenig Deutsch lernen. Sie predigen auf türkisch und vertreten den türkischen Staatsislam, also das Prinzip der staatlichen Aufsicht über religiöse Belange. Ihr Vorsitzender in Deutschland ist der jeweilige Sozialattache der türkischen Botschaft.
Bei den anderen muslimischen Organisationen ist der Eindruck entstanden, daß die Ditib von der Bundesregierung, insbesondere von der SPD, als Hauptansprechpartner für islamische Belange gefördert und aufgebaut werde. Schon lange äußern Politiker aller Parteien den Wunsch, daß sich die Muslime in Deutschland eine klarere Organisationsstruktur auf Landes- und Bundesebene geben und auf eine gemeinsame Vertretung einigen. Zuletzt hatte das die Union in ihrem Antrag Politischen Islamismus bekämpfen - verfassungstreue Muslime unterstützen gefordert.
Lernt Deutsch!
Der Islam kennt allerdings keine kirchenähnlichen Strukturen. Durch die unterschiedliche Nationalitäten sowie die unterschiedlichen politischen Ausrichtungen innerhalb der einzelnen nationalen Gruppen, insbesondere unter den Türken, erscheint eine solche Einigung auf eine gemeinsame Struktur als utopisch. Auch wenn die Ditib, die durch ihre Staatsnähe eine gewisse Steuerbarkeit und Zivilität verheißt und gegenüber Milli Görüs den Vorteil hat, noch nie den Verdacht der Verfassungsschützer erregt zu haben, zum wichtigsten Vertreter der Muslime in Deutschland avancierte, änderte sich daran nur wenig: Sie würde von den Muslimen anderer Nationalitäten nicht anerkannt.
Sie vertritt die Auffassung, daß der islamische Religionsunterricht in Deutschland auf türkisch erteilt werden sollte. Und sie sieht in den Türken in Deutschland nach wie vor Türken - keine Deutschen türkischer Abstammung, auch wenn sie einen deutschen (Zweit-)Paß haben. So hielt auch ihr Vorsitzender Cakir seine Rede auf der Kundgebung in Köln auf türkisch - er spricht kein Deutsch. Auf derselben Veranstaltung richtete der bayerische Innenminister Beckstein (CSU) an die Muslime die dringende Bitte: Lernt Deutsch!
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276
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