04. Juli 2009 Der Juni nahm in der Hannelore-Kohl-Stiftung ein unerwartetes Ende. Am Monatsletzten ging bei Vorstand und Kuratorium in Bonn ein drei Seiten langer Brief des Altkanzlers ein, der es in sich hatte. Helmut Kohl legte mit sofortiger Wirkung“ alle Ämter bei der Stiftung nieder und verband diesen Schritt mit der ausdrücklichen Bitte, den Namen meiner verstorbenen Frau Hannelore als Stiftungsnamen nicht fortzuführen“.
Kohl, seit dem Tod seiner Frau im Jahr 2001 Ehrenvorsitzender des Kuratoriums, protestiert in seinem Schreiben gegen eine unfreundliche Übernahme der Stiftung durch Personen, die mir zum Teil nicht einmal bekannt sind und in keiner Beziehung zu meiner verstorbenen Frau standen“. Während seiner schweren Krankheit im vergangenen Jahr sei unabgestimmt das Kuratorium um Mediziner erweitert worden, von ihm vorgeschlagene Spender und Wegbegleiter der Familie seien jedoch ebenso abgelehnt worden wie seine neue Satzung. Hinzu kämen ein deutliches Unbehagen“ über die Entwicklung der Stiftung seit dem Tod Hannelore Kohls sowie zunehmend interne Konflikte“, die ihr Lebenswerk bedrohten.

Der Ärger darüber scheint bei Kohl so groß zu sein, dass er sich wie einst zu einem Machtwort entschloss. Er werde die Stiftung künftig nicht mehr unterstützen und darauf hinweisen, dass sie in ihrer derzeitigen Verfassung nicht mehr die Interessen meiner verstorbenen Frau Hannelore repräsentiert“. Eine Kopie des Schreibens ging an die Bild“-Zeitung, die tags darauf bereits das Ende der 1983 von der Kanzlergattin gegründeten Institution einläutete: ZNS-Hannelore Kohl Stiftung: Der Name war ein Markenzeichen für eine äußerst erfolgreiche private Organisation, die sich um Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Verletzungen kümmert.“
Damit ist die Stiftung nun tatsächlich in Gefahr. Einen Tag später ließ sich, ebenfalls in Bild“, die CDU-Bundestagsabgeordnete Michaela Noll als Präsidentin des ZNS-Förderkreises Langenfeld (Nordrhein-Westfalen) mit dem für eine Spendenorganisation tödlichen Satz zitieren: Für uns war nicht immer nachvollziehbar, wohin das Geld ging.“ In der ZNS-Zentrale war man zunächst fassungslos. Die operative Arbeit der Stiftung, ihre Mittelverwendung und das Engagement ihrer Mitarbeiter sind über jede Kritik erhaben“, erklärte schließlich Stiftungspräsidentin Ute-Henriette Ohoven. Die renommiertesten Mediziner halten unsere Arbeit für unverzichtbar.“ Zudem attestierten unabhängige Wirtschaftsprüfer der Organisation regelmäßig eine vorbildliche, tadellose Buchführung und Mittelverwendung“.
Für Professor Klaus Mayer kommt der Rückzug Helmut Kohls indes nicht überraschend. Ich habe einen solchen Schritt erwartet“, sagt der zweiundachtzigjährige Neurologe, der ein Vertrauter der Kanzlergattin war und Gründungs- sowie Kuratoriumsmitglied ihrer Organisation ist. Auf der Kuratoriumssitzung am 2. April hatte eine von Kohl vorgeschlagene neue Stiftungssatzung keine Mehrheit gefunden. Kohl, der sich aufgrund seiner schweren Krankheit vertreten ließ, begründete den Vorstoß mit einer zukunftsorientierten Verschlankung der Strukturen und einer Neuverteilung der Verantwortlichkeiten“. Laut Mayer wäre es dadurch jedoch zu einer Abschaffung des Kuratoriums und der Präsidentin sowie zu einer Entmachtung des Vorstandes gekommen.
Übriggeblieben wäre eine Art Familienstiftung“, in der ein Familienmitglied allein den Vorstand der Stiftung berufen und abberufen sowie seine Nachfolger bestimmen kann. Das ist nicht nachvollziehbar und nicht akzeptabel“, schrieb Mayer im Frühjahr in der Begründung der Ablehnung. Die ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung ist keine Familienstiftung!“ Sie sei zu Recht nach der Initiatorin benannt, die unermüdlich Zustifter motiviert und so das Stiftungskapital vermehrt“ habe. 1983 habe sie mit 200.000 Mark angefangen, heute beträgt das Stiftungsvermögen 15 Millionen Euro. Das ist nicht vergessen und wird nicht vergessen werden“, sagt Mayer. Die Stiftung werde deshalb keinesfalls auf den Namen verzichten. Er schätze Helmut Kohl sehr, aber dessen Forderungen seien dazu geeignet, genau das zu schaffen, was er der Stiftung heute vorwerfe: das Vermächtnis seiner verstorbenen Ehefrau zu beschädigen.
Mit der Abschaffung des Kuratoriums würde der gesamte ärztliche und psychologische Sachverstand wegfallen, der jedoch enorm wichtig sei, um Projekte als förderungswürdig beurteilen zu können. Darüber hinaus sei das Kuratorium als Kontrollorgan für das öffentliche Vertrauen einer gemeinnützigen Spendenorganisation unabdingbar. Es gab in der Stiftung immer eine familiennahe Mehrheit“, sagt dagegen Helmut Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner. Jetzt hingegen sei das Verhältnis zugunsten der Ärzte verschoben worden; enge Weggefährten Kohls hätten damit keine Chance mehr, überhaupt aufgenommen zu werden.
So wurden im Frühjahr Kohl-Vertraute wie die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU), der Mannheimer CDU-Stadtrat Peter Hofmann, der Geschäftsführer von Radio Regenbogen“, Klaus Schunk, und der ehemalige Büroleiter Kohls, Michael Roik, verhindert, die, wie Holthoff-Pförtner zugibt, in das Kuratorium einziehen sollten, um eine Mehrheit für die neue Satzung zu sichern. Für die Satzungsänderung stimmten dann, wenn auch vergeblich, lediglich drei Weggefährten Kohls: Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer und die ehemaligen Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Wolfgang Munde und Franz Schoser.
Munde, bei Hannelore Kohl Vizepräsident der Stiftung, war als Einziger bereit, über seine Gründe zu sprechen – und die sagen viel aus über die Glorifizierung alter Zeiten und die Verbitterung über die heutigen Zustände. Unter Hannelore Kohl war die Atmosphäre sagenhaft“, erzählt der Achtzigjährige. Sie sei der Inbegriff einer hervorragenden Präsidentin gewesen, die mit Hilfe des Einflusses ihres Ehemanns viel Geld gesammelt habe. Die Zusammenarbeit war immer sehr harmonisch.“ Heute dagegen gehe es oft kühl und sehr formal zu. Über die Mittelverwendung könne er allerdings nichts sagen. Ich bin weder Buchhalter noch Neurowissenschaftler, sondern war vor allem fürs Geldsammeln zuständig gewesen.“
Auch Michaela Noll, die in Bild“ die Spendenverwendung kritisiert hatte, gibt auf Nachfrage zu, selbst gar keinen Einblick gehabt zu haben. Helmut Kohls Brief entsprach allerdings dem, was unser Förderkreis-Geschäftsführer mir erzählt hatte.“ Da sei es um geringe Transparenz, zu wenig Spenden, zu große Personalkosten, Mobbing gegen Mitarbeiter der ersten Stunde sowie Unzufriedenheit mit Ute Ohovens Glamour-Auftritten gegangen. Das sind in der Tat Vorwürfe, die auch in Kohls Umfeld, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, genannt werden.
Was Spendenaufkommen, Transparenz und Mittelverwendung betrifft, genügt jedoch ein Blick in die öffentlich zugänglichen Geschäftsberichte. Die Spendensumme liegt, nach einem Einbruch in den Jahren 2001 und 2002, längst wieder auf und manchmal sogar über dem einstigen Niveau von rund einer Million Euro im Jahr. Zusammen mit Zinsen, Erbschaften und Bußgeldern erzielt die Stiftung jährlich zwischen 2,5 und drei Millionen Euro Einnahmen. Die Spenden werden komplett für Projekte verwendet, die auf den Euro genau im Geschäftsbericht aufgelistet sind. 2007 etwa förderte die Stiftung 27 Hilfsprojekte, darunter das Evangelische Krankenhaus Oldenburg mit 30 000 Euro für ein Therapie- und Trainingslaufband, das Neurologische Reha-Zentrum Vallendar mit 120 000 Euro für einen Erweiterungsbau und das Aphasie-Regionalzentrum Köln mit 6460 Euro für Seminare zur Krankheitsverarbeitung.
Rund eine halbe Million Euro kosteten Spendenakquise und Öffentlichkeitsarbeit, genauso viel wurde für Personal ausgegeben. Die Personalkosten sind für eine so kleine Stiftung ziemlich hoch“, sagt auch Wolfgang Munde. Das aber sei keine Entwicklung der jüngsten Zeit. Das war auch bei Hannelore Kohl schon so.“ Neun Mitarbeiter sind derzeit bei der Stiftung angestellt. Ihre Zahl ist gleich geblieben“, versichert ZNS-Geschäftsführer Stefan Zimmer. Die Stimmung sei gut, keiner habe die Stiftung verlassen.
Bleibt das Unbehagen mit der Präsidentin. Ute-Henriette Ohoven bekleidet das Amt seit Juni 2002. Die Suche nach einer Nachfolgerin für die 2001 verstorbene Hannelore Kohl gestaltete sich außerordentlich schwierig. Helmut Kohl sprach mit zahlreichen Kandidatinnen, doch keine traute sich zu, das große Erbe anzutreten. Dann kam Frau Ohoven, Gattin des schillernden Investmentbankers Mario Ohoven, Unesco-Botschafterin des Guten Willens und Generalkonsulin der Republik Senegal in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie Veranstalterin aufwendiger Spenden-Galas, die ihr im Boulevard Bezeichnungen wie Charity-Lady“ und Mutter Teresa in Chanel“ einbrachten.
Dass Glamour ihre Sache ist, muss Kohl damals bekannt und dürfte ohnehin kein Grund für eine Ablehnung gewesen sein – schließlich öffnen sich Spender-Brieftaschen hierzulande bevorzugt bei Champagner und Lachshäppchen. Selbst Bild“ sekundierte damals: Übrigens: Ohoven ist auf ausdrücklichen Wunsch von Altkanzler Helmut Kohl Präsidentin der ZNS-Stiftung.“ Frau Ohoven selbst äußert sich heute zurückhaltend: Es wäre unverantwortlich, würden die schädelhirnverletzten Menschen nun zu ‚Kollateralschäden einer Meinungsverschiedenheit‘.“
Als bloße Meinungsverschiedenheit sieht der Altkanzler den verlorenen Machtkampf freilich nicht. Am 13. Juli soll es eine außerordentliche Kuratoriums- und Vorstandssitzung geben, um die gegenseitigen Vorwürfe auszuräumen. Die Stiftung, so viel scheint klar, wird es wohl auch danach noch geben. Ob die Spender ihr nach diesem Tohuwabohu in dem hart umkämpften Markt der Wohltäter weiterhin vertrauen, wird man sehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP