Von Jochen Buchsteiner, Seminyak
30. Dezember 2004 Es wirkte wie ein vereistes Standbild: Tagelang filmte ein indonesischer Kameramann die Baitarraman-Moschee im Zentrum von Banda Aceh, umringt von den immer gleichen Bergen aus Schutt und Leichen. Jetzt ist Bewegung in das Bild geraten. Seit Donnerstag packen Soldaten an, tragen das Geröll ab und verladen die Toten auf Lastwagen. General Ryamizard Ryacudu, der Chef der indonesischen Armee, leitet den Einsatz persönlich.
Vier lange Tage hat es gedauert, bis die Rettungs- und Aufräumarbeiten in der verwüsteten Provinz Aceh sichtbare Spuren zeigen. Der General teilte mit, daß die Soldaten damit begonnen hätten, öffentliche Stationen zu errichten, an denen Lebensmittel und Benzin verteilt würden. Auch mehrere Straßen seien mittlerweile für die Hilfslieferungen aus Medan freigeräumt. Ein Reporter der Jakarta Post berichtet, daß sogar erste Geschäfte in der Provinzhauptstadt wieder geöffnet hätten.
Brüchige Luftbrücke
Von derartigen Normalitätsanzeichen ist die Westküste der Provinz noch weit entfernt. Etwa 75 Prozent des Küstenstreifens sind vom Landesinneren her unzugänglich, vielen im Gebiet stationierten Soldaten ist es nicht besser ergangen als den Fischern, Verkäufern und Passanten: Sie wurden von den Fluten verschluckt.
Bis sich die Soldaten aus anderen Teilen Indonesiens auf dem Landweg bis zur Küste durchgeschlagen haben, versucht die Armee die Bevölkerung mit einer Luftbrücke zu unterstützen. Aber die Verbindung ist brüchig. Es fehlt an Hubschraubern und Piloten. Auch die indonesische Kriegsmarine hat die Westküste offenbar noch nicht erreicht.
80 000 Tote
Überhaupt steht die Zahl der Helfer, Transportmittel und Güter in keinem Verhältnis zu den Aufgaben: 50 Räumungsfahrzeuge und 20 Müllaster seien auf dem Weg nach Banda Aceh und Meulaboh, der am schlimmsten betroffenen Stadt an der Westküste, listete ein Regierungssprecher aus Jakarta auf.
Unterwegs ins Katastrophengebiet seien überdies 136 Mobiltoiletten, 50 Hydranten, 20 Wasserpumpen und 10 Küchenzelte. Falls nötig könne Jakarta weitere 25 Wassertankwagen, 250 Hydranten sowie 400 Toiletten in zwei Wochen bereitstellen. Das Büro der Vereinten Nationen in Jakarta schätzt derweil allein die Zahl der Toten in Nordsumatra auf 80 000.
Zehntausende Helfer benötigt
Auch wenn heimische Militärangehörige und Rettungsdienste - in Indonesien wie in den anderen betroffenen Ländern Asiens - die Hauptarbeit leisten, sind die Katastrophengebiete auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Humanitär tätige Organisationen in Jakarta schätzen, daß allein in Sumatra zehntausende Helfer gebraucht werden.
In Banda Aceh sind erste Mannschaften der Vereinten Nationen mit Hilfsgütern eingetroffen. Auch australische Flugzeuge haben eine Landeerlaubnis erhalten. Der australische Premierminister John Howard sagte in einem Interview, daß vier Hercules-Maschinen mit Hilfsgütern und medizinischen Teams in Sumatra gelandet seien, auch Neuseeland habe ein Transportflugzeug geschickt. Bereits zwei Tage nach der Flutwelle hätten sich die Militärführungen in Jakarta und Canberra auf eine Zusammenarbeit verständigt. In Canberra wird geschätzt, daß etwa 5000 Australier vermißt werden.
Washington schickt Flottenverband
Unklar sind die Hintergründe eines Hilfsangebots der Vereinigten Staaten. In der indonesischen Hauptstadt wurde nach einem Bericht der Jakarta Post bestätigt, daß der amerikanische Flugzeugträger USS Abraham Lincoln mit fünf Begleitbooten seinen Standort bei Hongkong verlassen hat. Er soll durchs Südchinesische Meer, über die Straße von Malakka Kurs auf die Nordwestküste Sumatras nehmen.
In Washington sagte General James T. Conway, daß die Flotte insgesamt 12 Hubschrauber transportiere, die für diese Art von Szenarien extrem hilfreich sein dürften. Etwa 1000 Seeleute befinden sich auf den Schiffen, die unter anderem große Mengen von Frischwasser produzieren können.
Am Donnerstag abend wurde ein Voraustrupp der Vereinigten Staaten in Sumatra erwartet, der die Lage einschätzen soll. Die Vereinigten Staaten hatten ihre traditionelle Militärzusammenarbeit mit Indonesien nach den Massakern auf Ost-Timor im Jahr 1999 eingestellt.
Unwillkommene Hilfe
Auch in Thailand und in Südasien sollen in den nächsten Tagen amerikanische Gesandschaften zur Einschätzung der Lage eintreffen. Ein weiterer amerikanischer Flottenverband hat sich auf den Weg von Guam in den Golf von Bengalen gemacht. Noch ist unklar, wie willkommen die Hilfe in Sri Lanka und Indien ist.
Die Regierung in Colombo hatte am Mittwoch sein Mißfallen über die geplante Entsendung einer 150 Mann starken Rettungsmission aus Israel kundgetan, obwohl sie seit vier Jahren wieder diplomatische Beziehungen mit dem Land unterhält. Daraufhin wurde das Team verkleinert.
Haben die Ressourcen, um die Situation zu bewältigen
Noch deutlicher soll sich die Regierung in Delhi geäußert haben. Agenturen zitieren Regierungskreise, die sich sämtliche militärische Hilfe aus dem Ausland verbitten. Alle freundlichen Nationen haben uns Hilfe angeboten, aber wir glauben, daß wir die Ressourcen haben, um die Situation zu bewältigen, wurde ein Regierungsbeamter zitiert. Sollten wir später zu dem Ergebnis kommen, daß wir Hilfe benötigen, werden wir nicht zögern zu fragen.
Indien, das neben Sri Lanka und Indonesien am schlimmsten von den Flutwellen heimgesucht wurde, hat Kriegsschiffe, Hubschrauber und Flugzeuge mit Hilfsgütern nach Sri Lanka und auf die benachbarten Malediven geschickt.
Schuldenstundung angedacht
Auf ungeteilte Sympathie stoßen hingegen Pläne, den betroffenen Ländern als Wiederaufbauhilfe Schulden zu stunden oder zu erlassen. Der indonesische Finanzminister Jusuf Anwar nannte einen Vorschlag aus Deutschland sehr positiv, nach dem beim nächsten Treffen des Pariser Clubs am 20. Januar ein Schuldenmoratorium für Indonesien und Somalia beschlossen werden soll.
Auch der Internationale Währungsfond in Washington überlegt offenbar, vorübergehend auf Rückzahlungen aus Jakarta zu verzichten. Indonesien ist mit fast 70 Milliarden Euro im Ausland verschuldet. Nach Schätzungen aus Jakarta wird der Wiederaufbau in Sumatra in den kommenden vier Jahren mehrere Milliarden Euro verschlingen.
Deutschland gehört mit zugesagten 20 Millionen Euro Hilfsgeldern zu den sechs großzügigsten Spendern, nach Spanien, den Vereinigten Staaten, Japan, Großbritannien und Australien. Der amerikanische Präsident George W. Bush nannte den Beitrag seines Landes am Mittwoch abend nur einen Anfang. Amerika wolle die internationalen Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit Indien, Japan und Australien anführen, sagte er.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Dezember 2004
Bildmaterial: AP
Hessen-SPD: Walter verweigert sich "Moskauer ![]()
Iranisches Nuklearprogramm: Spekulationen
Die Stimme der Uiguren: Rebiya Kadeer - Die Himmelsstürmerin