„Mahnmal“ in Berlin

Das Kreuz mit der Mauer

Von Sascha Lehnartz, Berlin

08. November 2004 Alexandra Hildebrandt muß derzeit einiges einstecken. Eine „fragwürdige Krawallschachtel“ wurde sie in der „Süddeutschen Zeitung“ genannt. Sie betreibe „geschäftstüchtige Geschichtsklitterung“, schimpfte die „Berliner Zeitung“, ihre Maueraktion sei eine „echte Zumutung“, sagte der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS).

Maria Nooke, Sprecherin der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße, nörgelte, die Erinnerungskonkurrenz veranstalte „ein Spektakel im Stil von Disneyland“. Und Martin Sonneborn, Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ und Vorsitzender der „Partei“, die den Wiederaufbau der gesamten Mauer plant und damit am 9.November bei Philippsthal beginnen will, freute sich über „die Irre“, die seiner „Partei“ schon mal „entgegenbaue“.

Chuzpe am Checkpoint Charlie

Die Lobpreisungen erntete Alexandra Hildebrandt für ihre Chuzpe, vor der Tür des von ihr geleiteten Museums am ehemaligen alliierten Grenzübergang Checkpoint Charlie ein „Mahnmal“ für jene 1065 Flüchtlinge zu errichten, die beim Versuch umgebracht wurden, die innerdeutsche Grenze zu überwinden.

Nun stehen auf zwei Grundstücken rechts und links der Friedrichstraße 1065 Holzkreuze mit den Namen der Opfer, teilweise auch mit ihren Bildern. Flankiert wird die Installation von 130 Metern generalüberholtem „Antifaschistischem Schutzwall“, den Frau Hildebrandt allerdings sechs Meter nördlich des ursprünglichen Platzes errichten lassen mußte, sonst hätte die Mauer den Verkehr gestört. Nun strahlt sie dort, weißgetüncht und illuminiert. Sie wirkt wie aus Styropor. Das Grundstück hat die 45Jahre alte gebürtige Ukrainerin von der Berliner Volksbank bis Ende des Jahres gepachtet. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat den Wiederaufbau der Mauer als „Kunstaktion“ genehmigt. Nur von den Kreuzen will niemand etwas gewußt haben.

Vermächtnis eines Kämpfers für Menschenrechte

Alexandra Hildebrandt hat damit ein Vermächtnis ihres Ehemannes eingelöst, der im Januar im Alter von 89 Jahren gestorben war. Noch im vergangenen Jahr hatte er den Kreuzwald entworfen. Klaus Hildebrandt hatte sich den Kampf für die Menschenrechte zur Lebensaufgabe gemacht. Er war mit Widerständlern aus dem Umfeld des 20.Juli 1944 befreundet und verbrachte selbst 17Monate in nationalsozialistischen Gefängnissen. 1948 gründete er die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“; 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, zeigte er in Berlin die erste Mauer-Ausstellung „Es geschah am 13.August“, Grundlage für das 1963 eröffnete Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, dessen Seele und Patron Hildebrandt zeitlebens war.

Hier dokumentierte er die Geschichte der Mauer sowie unzählige Einzelschicksale von Flüchtlingen und Gegnern der SED-Diktatur. Ein zweiter Ausstellungsteil schildert den Kampf für die Menschenrechte. Das Design der Ausstellung ist unübersichtlich, Museumsdidaktikern treibt es Tränen in die Augen. Doch lange Jahre war das Museum der einzige Ort, an dem man in Berlin etwas über die Mauer erfuhr. Darin liegt Hildebrandts unbestreitbare Lebensleistung.

Konflikte um die Finanzen des Trägervereins verhinderten die Nachfolgeregelung für den Patriarchen.1996 wurde Wolfgang Templin gekündigt, dem vorgesehenen Nachfolger Hildebrandts. Der Verein kaufte dem Museumsgründer Hildebrandt 1999 für vier Millionen Mark die Rechte an dessen Veröffentlichungen ab. Nun liegen im Museums-Shop fast ausschließlich Hildebrandt-Bücher über die Mauer. Kritiker monierten, das Haus am Checkpoint Charlie verbreite eine „Privatsicht“ auf die Geschichte. 2001 endete die Gemeinnützigkeit des Vereins.

„Tiefe Dankbarkeit für die Freiheit“

Den Erfolg des Museums minderte das nicht. 3500 Besucher kommen täglich - so viele hat sonst in Berlin nur das Pergamonmuseum. Zu seiner Nachfolgerin formte Hildebrandt seine 45 Jahre jüngere Frau. Alexandra Hildebrandt studierte in Kiew zunächst Raketentechnik, dann Malerei. Erst nach dem Mauerfall kam sie nach Berlin. Ihren Mann lernte sie kennen, als sie ihm auf der Suche nach Ausstellungsflächen ihre Bilder zeigte. Klaus Hildebrandt mochte die Arbeiten nicht sehr, aber die Malerin. 1995 heiratete das Paar.

„Mein Mann war ein guter Lehrer“, sagt Alexandra Hildebrandt mit einer Stimme, die für eine Krawallschachtel sehr sanft klingt. „Ich habe alles von ihm gelernt.“ Sie hat müde Augen. Seine Lebensaufgabe hat sie zu ihrer gemacht. „Ich bin auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs aufgewachsen und empfinde tiefe Dankbarkeit für die Freiheit. Und wenn der liebe Gott nun diesen Witz zustande bringt, daß ich dieses Museum leiten soll, muß ich auch alles tun, um die Anforderungen zu erfüllen.“ Sie ist eine kraftvolle Mischung aus Überzeugungstäterin und PR-Talent.

„Bedeutendster Platz der freien Welt“

Vor drei Jahren stellte sie vor dem Museum den Nachbau eines alliierten Kontrollhäuschens auf. Gegen Studenten, die in Soldatenuniform vor der Bude posierten, zog sie jedoch ebenso zu Felde wie gegen Currywurstbuden und DDR-Souvenirhändler. Die beschädigten die Würde des Ortes, den Frau Hildebrandt „für den bedeutendsten Platz der freien Welt“ hält. Daß sie Geschichtsbewußtsein mit Geschäftstüchtigkeit paart, nehmen ihr Kritiker besonders übel. Doch auch wohlgesinntere Beobachter durchfuhr ein Schauder, als sie durchblicken ließ, sie sehe in dem „Mahnmal“ ein „Pendant“ zur Holocaust-Gedenkstätte.

Inzwischen sagt sie, dieser Vergleich stamme nicht von ihr, die Medien hätten ihn aufgebracht. Doch das Skandal-Wort war in der Welt, das Medieninteresse schwoll nochmals an, und die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) tadelte, die „an das Holocaust-Mahnmal angelehnte Anmutung des Mahnmals überschreitet die Grenzen des guten Geschmacks“.

Triviale Mittel erfüllen den Zweck

Allerdings muß man sich anstrengen, um in das Kreuzwäldchen Ähnlichkeit mit Peter Eisenmans Stelenfeld am Brandenburger Tor hineinzulesen. Statt betoniertem Symbolismus dominiert am Checkpoint Charlie Konkretes: Man steht vor den Lebensdaten von 1065 Maueropfern. Und fragt sich, was etwa Dr.Johannes Muschol am 16.März 1981 veranlaßte, sein Leben zu wagen, um der DDR zu entfliehen.

Die Mittel mögen trivial sein, doch Hildebrandts Installation erfüllt ihren Zweck: Sie erinnert an jedes einzelne Opfer. Authentizitäts-Fetischisten werden trotzdem weiter fordern: Wenn schon Mauerwiederaufbau, dann nur mit Todesstreifen. Die Frage, ob Gedenken banal und kommerziell sein darf, wird Akademiker beunruhigen. Hildebrandt wird sich verteidigen: „Das ist kein Disneyland. Die Mauertoten sind Realität.“

Am Checkpoint Charlie, an dem laut „Bild“ täglich 600 Currywürste und 400 Döner vertilgt werden, gedenken derweil die Touristen der Toten. Zumindest bis zum 31.Dezember. Dann endet der Pachtvertrag. Alexandra Hildebrandt hofft auf Verlängerung, will das Grundstück gemeinsam mit Sergej Chruschtschow, dem Sohn des Sowjet-Führers, kaufen und wünscht sich „konstruktive Gespräche mit dem Senat“.

„Gesamtkonzeption“ für die Berliner Gedenkstätten

Danach sieht es nicht aus. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer sagte, sie erwarte, daß die Aktion zum Jahreswechsel beendet sei, sonst „werden wir mit dem zuständigen Bezirksamt Gespräche führen, wie sie beendet werden kann“. Sollte es so kommen, hat Alexandra Hildebrandt zumindest eines erreicht: Sie hat die Diskussion belebt, wie mit der Mauergeschichte umzugehen sei. „Das zeigt, wie notwendig das ist, was wir machen“, sagt sie. Vielleicht bringt sie so ja auch die träge Arbeitsgruppe im Berliner Senat auf Trab, die seit Jahren eine „Gesamtkonzeption“ für die Berliner Gedenkstätten verspricht.

Der Bundestag wird sich womöglich noch in diesem Jahr mit dem Thema Mauergedenken befassen. Die Abgeordneten Carl Ludwig Thiele (FDP), Stephan Hilsberg (SPD), Franziska Eichstädt-Bohlig (Bündnis 90/Die Grünen) und Werner Kuhn (CDU) haben einen Antrag vorgestellt, mit dem auf dem Gelände um das Brandenburger Tor ein „zentraler Ort der Erinnerung an die Berliner Mauer“ geschaffen werden soll. An diesem Ort deutscher Geschichte, so Thiele, gebe es ein „Vakuum, das gefüllt werden soll“. Alexandra Hildebrandts Museum bekäme dann womöglich Konkurrenz. Aber die belebt ja bekanntlich das Geschäft.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche