FAZ.NET-Spezial Papst-Besuch

Dialektik der Aufklärung

Von Daniel Deckers

15. September 2006 Sechs Tage lang hat Papst Benedikt XVI. seine bayerische Heimat besucht. In Kirchen und unter freiem Himmel hat er gebetet, vor Hunderttausenden gepredigt und sogar eine Vorlesung gehalten. Die farbenfrohen Bilder aus München, Altötting und Regensburg werden vielen noch lange im Gedächtnis bleiben. Mit seinen Worten aber hat Benedikt XVI. Geschichte geschrieben. Denn nicht Heimattümelei war das Thema seiner Reise, sondern die Verteidigung des christlichen Abendlands - auch gegen sich selbst.

Im April 2005 wurde der Deutsche Joseph Ratzinger von Kardinälen aus allen Teilen der Welt zum Papst gewählt: ein Mann aus dem Land, in dem die Reformation, die Aufklärung und der Zweite Weltkrieg ihren Ausgang genommen hatten. Die deutsche Geschichte hat seinen Blick für die Abgründe des Menschen und die Irrwege der Völker geschärft.

Grundfragen des Lebens

So hatte der langjährige Präfekt der Glaubenskongregation im Beharren auf den christlichen Wurzeln Europas, im Konflikt mit der Kirche in Deutschland über ihr Verhältnis zum Staat oder auch im Disput mit Philosophen über Macht und Recht während des Pontifikats Johannes Pauls II. ein theologisch-politisches Profil entwickelt, das ihn als dessen natürlichen Nachfolger erschienen ließ.

Wie sein Vorgänger wandte sich Benedikt XVI. nicht allein an die Katholiken. Seine Reden kreisten um die Grundfragen des Lebens, um Glaube und Vernunft. Die Texte des Alten und des Neuen Testaments, über die er predigte, weil sie von der Liturgie der Kirche für die einzelnen Tage vorgegeben waren, deutete er als Spiegel menschlicher Hoffnung, daß die eigene Geschichte wie die der Welt einen Sinn und ein Ziel hat.

Die Philosophen von Platon bis Kant, auf die er sich in seiner Vorlesung bezog, nahm er als Zeugen, daß sich alle Menschen als „vernünftige“ Wesen über die Grenzen von Kulturen und Religionen hinaus verständigen können. Daß es dafür den Maßstab von Gut und Böse gibt und daß die Würde des Menschen darin besteht, nach dieser „Vernunftnatur“ zu leben, ist keine katholische Sonderlehre oder gar die Privatmoral einer bayerisch-barocken Papstgestalt.

Universaler Anspruch christlich-aufgeklärten Denkens

Benedikt XVI. verteidigte nicht weniger als das Erbe der europäischen Aufklärung, das durch eine manichäische Scheidung der Welt in Gläubige und Ungläubige, in „für uns“ und „gegen uns“ bedroht ist. Nicht die malerische Kulisse der bayerischen Alpen bildet den Hintergrund, vor dem seine Ansprachen zu lesen sind, sondern die Reden und Briefe der Mächtigen der Welt, von Ahmadineschad bis Bush.

Freilich sieht Benedikt den universalen Anspruch christlich-aufgeklärten Denkens nicht nur von außen gefährdet, sondern auch von innen. Kants Aussage, er habe das Wissen beiseite schaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen, kennzeichnet in Benedikts Augen ein Dilemma. Eine „reine“ Vernunft, die um ihrer Selbstbestimmung und Freiheit willen Gott aus ihrem Blickfeld ausgrenzt, beschränkt ihre Reichweite tendenziell auf das, was man objektiv wissen kann. Sie läuft Gefahr, zu einer „instrumentellen“ Vernunft zu werden. Die aber reicht nicht aus, um gut leben zu können.

„Schwerhörigkeit gegenüber Gott“

Für die Selbstbeschränkung der Vernunft fand der Papst in den vergangenen Tagen viele einprägsame Ausdrücke. Er sprach von „Schwerhörigkeit gegenüber Gott“ und der „Verkürzung des Radius der Vernunft“ und verdeutlichte so in mal einfacher, mal hoher Sprache, was er in den zurückliegenden Jahren immer mit dem Wort von der „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet hatte. Die Grundlagen der Zivilisation stehen auf dem Spiel, wenn das Streben nach wissenschaftlich-technischem Fortschritt und nach individueller Freiheit auch die Sphäre jener Güter und Werte erfaßt, die der Verfügung des Menschen über sich selbst entzogen sein muß, sei es am Beginn des menschlichen Lebens oder an seinem Ende.

Doch diese Gefahr ist nur die eine Seite der Dialektik der Aufklärung. Als wären der Papstbesuch und der fünfte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September nicht von ungefähr zusammengetroffen, sprach der Papst von einer „Pathologie“, die sich längst auch in den Beziehungen zwischen dem modernistischen Westen und der übrigen Welt zeige. Die zunehmende Ablehnung der sogenannten westlichen Werte in Asien und Afrika führte er nicht auf ein Verharren in der Vormoderne zurück. In der antiwestlichen Stimmung, die sich rund um den Globus breitmacht, sieht Benedikt vielmehr einen Reflex jenes Verständnisses von Vernunft und Freiheit, das Religion und Glauben als irrational und vorwissenschaftlich ansieht und so dem „Zynismus“ Tür und Tor öffnet.

Mit diesem Gedanken hat der Papst seiner Diagnose der Krise des Westens eine neue Richtung gegeben und sie nochmals verschärft. Was als Kluft zwischen westlichen Werten und politischer Wirklichkeit erscheint, ist nicht Ergebnis einer westlichen Doppelmoral, die mittlerweile auf ihre Urheber zurückfiele. Das wäre zu einfach. Vielmehr sieht der Papst hier wie dort, im vermeintlich christlichen Westen wie in der Welt des Islam, Bewegungen am Werk, die nichts wissen wollen von den vernünftigen Maßstäben des guten und wahren Lebens, zu denen auch gehöre, das Heilige zu achten.

Sechs denkwürdige Tage hat Papst Benedikt seine bayerische Heimat besucht, in deren Frömmigkeit er tief verwurzelt ist. Vor diesem persönlichen, ob seines fortgeschrittenen Alters mitunter melancholisch gefärbten Hintergrund hat Benedikt seinem Pontifikat ein theologisches und politisches Profil gegeben, das in die Zukunft weist.



Text: F.A.Z., 15.09.2006
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, REUTERS

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