07. März 2005 In der Diskussion über die demographische Katastrophe spielen die statistischen Feinheiten meistens eine untergeordnete Rolle. Das Thema ist en vogue, fast jeden Monat werden neue Expertengruppen eingesetzt, kürzlich berief der sächsische Ministerpräsident Milbradt (CDU) eine Kommission ein, die Robert-Bosch-Stiftung ebenfalls.
In der Tradition des deutschen Alarmismus wird auch bei der Demographie manchmal übertrieben. Immer wieder behaupten Politiker, bis zu sechzig Prozent der akademisch gebildeten Frauen blieben kinderlos. Zumindest diese Aussage ist unter Wissenschaftlern umstritten. Sicher, Übertreibung macht anschaulich, gleichwohl mahnen Wissenschaftler, demographische Zukunftsanalysen künftig auf einer verläßlicheren Datenbasis zu treffen.
Ohne biographisches Element
Aussagen über die zukünftige demographische Entwicklung sind problematisch, weil es sich in erster Linie um Trend-Explorationen der momentanten Situation handelt. Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt aber, daß sich die Geburtenrate keineswegs so geradlinig entwickelt, wie dies in vielen der Vorhersagen für die Zukunft angenommen wird, sagt Christian Schmitt, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Vermutlich liegt die Zahl der Akademikerinnen, die kinderlos bleiben, deutlich unter vierzig Prozent. Denn die derzeit häufig genannten hohen Zahlen zur Kinderlosigkeit von Akademikerinnen basieren auf dem vom Statistischen Bundesamt erhobenen Mikrozensus. Sie sind aufgrund methodischer Schwierigkeiten unzuverlässig.
Der Mikrozensus ist eine Querschnittserhebung, jedes Jahr werden andere Personen befragt, sagt Schmitt. Betrachtet wird der Haushaltsvorstand; die Kinder werden automatisch der Frau zugerechnet. Kinder einer sechzig Jahre alten Frau, die nicht mehr im Haushalt leben, werden beim Mikrozensus nicht mitgezählt. Auch wird nicht berücksichtigt, daß eine im Alter von 25 Jahren befragte Frau noch mehr als zehn Jahre Zeit hat, Kinder zu bekommen. Kinder, die für längere Zeit auf Auslandsaufenthalt oder im Krankenhaus sind, werden vom Mikrozensus nicht erfaßt, sagt der Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung . Es fehle das biographische Element, denn der Lebensverlauf werde beim Mikrozensus nicht berücksichtigt.
Nicht ganz so dramatisch
Diese Schwächen hat das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) nicht, denn bei dieser repräsentativen Wiederholungsbefragung privater Haushalte werden die Lebensverläufe berücksichtigt - seit 1984 werden dieselben Personen befragt. Das SOEP, ein früher von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), heute von Bund und Ländern finanziertes Forschungsprojekt, kommt bei der Frage, wie groß die Zahl kinderloser Akademikerinnen ist, zu einem differenzierteren Ergebnis: Danach sind weniger als dreißig Prozent der Akademikerinnen kinderlos. Allerdings beruht dieses Ergebnis auf einer wesentlich geringeren Fallzahl als beim Mikrozensus.
Die Unterschiede zwischen Akademikerinnen und Frauen mit Hauptschulabschluß sind wesentlich undramatischer, sagt Schmitt. Die These, wonach der Anteil der sogenannten Unterschichtenkinder denjenigen der Kinder der akademischen Elite demnächst um ein Vielfaches übersteigen werde, läßt sich in der bekannten Dramatik nicht belegen.
Fragen per Gesetz
Im Mikrozensus werden die Absolventinnen der Fachhochschule nicht zu den Akademikern gezählt, dabei haben sie eine höhere Geburtenrate als Frauen mit Universitätsabschluß. Es ist auch zu kurz gegriffen, immer nur auf die Frauen zu schauen, fünfzig Prozent der Realität werden ausgeblendet, sagt Schmitt. Zudem wird die Rolle der Männer bei der Entscheidung für Kinder stark unterbewertet, und die Frage, inwiefern Frauen Mutterrolle und Beruf vereinbaren können, wird dagegen zumeist überbewertet.
Wissenschaftler und auch das Familienministerium hatten versucht, auf die Zusammenstellung der Fragen zur Demographie im neuen Mikrozensus für das Jahr 2005 Einfluß zu nehmen, allerdings ohne Erfolg. Die Mikrozensus-Fragen müssen in einem Gesetz formuliert werden. Welche Fragen letztlich erhoben werden, entscheiden der Bund, die Länder und das hierfür formal zuständige Bundesinnenministerium. Politische Interessen und Proporzgesichtspunkte sind dabei jedoch oftmals entscheidender als die Wünsche der Wissenschaftler - die Bundesländer haben zudem an einer genauen Ermittlung der Geburtenrate ein geringes Interesse, weil sie finanzielle Folgen beim Länderfinanzausgleich fürchten.
Platzmangel
Freilich gibt es auch innerhalb der Wissenschaft unterschiedliche Interessen: die Migrationsforscher freuen sich, daß der neue Mikrozensus für sie aussagekräftiger geworden ist, den Familienforschern fehlen Daten. Insgesamt ist der Platz im Fragebogen begrenzt und nicht jedes berechtigte Interesse an Fragen kann zum Zuge kommen.
Nach Auffassung von Gert Wagner, Professor für Volkswirtschaft an der Technischen Universität Berlin, ist für die aussagekräftige Ermittlung des Geburtenverhaltens bei Akademikerinnen zusätzlich eine Spezialuntersuchung nötig. Man muß nicht nur erheben, wie viele Kinder eine Frau geboren hat und wann sie das getan hat, sondern vor allem auch, unter welchen Umständen, sagt Wagner. Deshalb sei es grundsätzlich besser, die Verantwortung für die amtliche Statistik dem Forschungsministerium zu geben und nicht weiterhin dem Innenministerium. Beim neuen Mikrozensus konnten die Demographie-Wissenschaftler auch nicht durchsetzen, die Nachfrage nach Einrichtungen zur Kinderbetreuung zu erfassen. Es gibt zwar die Kinder- und Jugendhilfestatistik, aber diese informiert nur über das vorhandene Angebot, nicht über die Wünsche der Bürger.
Keine genaueren Daten
Im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden gibt man gern zu, daß die Daten aus dem Mikrozensus für eine demographische Analyse nicht ausreichen: Der Mikrozensus kann die Zahl der geborenen Kinder nicht feststellen, erhoben werden nur die Kinder, die in den befragten Haushalten leben, sagt Stefan Gruber, Referatsleiter beim Statistischen Bundesamt. Mit dem Mikrozensus werden etwa 800.000 Personen befragt, es handelt sich also um eine Einprozentstichprobe. Die Bürger sind verpflichtet, die Fragen zu beantworten. Doch weil das Gesetz im Bundesrat zunächst keine Zustimmung erhielt, gab es ein Vermittlungsverfahren, in dem - wie so oft - inhaltliche Erwägungen keine Rolle spielten.
Die Frage nach den geborenen Kindern, die zunächst im Gesetzentwurf vorgesehen war, wurde wieder gestrichen. Das neue Mikrozensusgesetz gilt bis zum Jahr 2012, bis dahin wird es aus dem Mikrozensus also keine genaueren Daten über die Geburtenrate geben. Das heißt, die Frage nach den Geburten wird bis zum Jahr 2012 nicht gestellt, sofern es keine Änderungsverordnung gibt, die aber beim Mikrozensus sehr selten ist, sagt Gruber. Allerdings gibt es im neuen Mikrozensus ein sogenanntes Ad-hoc-Modul zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
FRANKFURT, im März. In der Diskussion über die "demographische Katastrophe" spielen die statistischen Feinheiten meistens eine untergeordnete Rolle. Das Thema ist en vogue, fast jeden Monat werden neue Expertengruppen eingesetzt, kürzlich berief der sächsische Ministerpräsident Milbradt (CDU) eine Kommission ein, die Robert-Bosch-Stiftung ebenfalls. In der Tradition des "deutschen Alarmismus" wird auch bei der Demographie manchmal übertrieben. Immer wieder behaupten Politiker, bis zu sechzig Prozent der akademisch gebildeten Frauen blieben kinderlos. Zumindest diese Aussage ist unter Wissenschaftlern umstritten. Sicher, Übertreibung macht anschaulich, gleichwohl mahnen Wissenschaftler, demographische Zukunftsanalysen künftig auf einer verläßlicheren Datenbasis zu treffen.
"Aussagen über die zukünftige demographische Entwicklung sind problematisch, weil es sich in erster Linie um Trend-Explorationen der momentanen Situation handelt. Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt aber, daß sich die Geburtenrate keineswegs so geradlinig entwickelt, wie dies in vielen der Vorhersagen für die Zukunft angenommen wird", sagt Christian Schmitt, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Vermutlich liegt die Zahl der Akademikerinnen, die kinderlos bleiben, deutlich unter vierzig Prozent. Denn die derzeit häufig genannten hohen Zahlen zur Kinderlosigkeit von Akademikerinnen basieren auf dem vom Statistischen Bundesamt erhobenen Mikrozensus. Sie sind aufgrund methodischer Schwierigkeiten unzuverlässig.
"Der Mikrozensus ist eine Querschnittserhebung, jedes Jahr werden andere Personen befragt", sagt Schmitt. Betrachtet wird der Haushaltsvorstand; die Kinder werden automatisch der Frau zugerechnet. Kinder einer sechzig Jahre alten Frau, die nicht mehr im Haushalt leben, werden beim Mikrozensus nicht mitgezählt. Auch wird nicht berücksichtigt, daß eine im Alter von 25 Jahren befragte Frau noch mehr als zehn Jahre Zeit hat, Kinder zu bekommen. "Kinder, die für längere Zeit auf Auslandsaufenthalt oder im Krankenhaus sind, werden vom Mikrozensus nicht erfaßt", sagt der Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Es fehle das biographische Element, denn der Lebensverlauf werde beim Mikrozensus nicht berücksichtigt. (Fortsetzung Seite 2.)
Text: F.A.Z., 08.03.2005, Nr. 56 / Seite 1
Bildmaterial: F.A.Z.
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