Dalai Lama

Der Popstar vom Himalaja

Von Matthias Heine

06. Juli 2005 Als die berühmteste Fernsehfamilie der Welt einmal das Chinesenviertel ihrer Heimatstadt Springfield betritt, um dort essen zu gehen, sind die Simpsons begeistert. Nur Tochter Lisa findet wie üblich ein politisches Haar in der Suppe:

„Wenn Chinatown bloß nicht immer so gemein auf Tibettown herumtrampeln würde“, klagt sie, und im selben Augenblick sieht man drei große böse Chinesen, die in einer Seitengasse einen Tibeter zusammenschlagen. Man kann heute als Drehbuchautor für Trickfilmserien offenbar selbstverständlich davon ausgehen, daß solche Witze von Zwölfjährigen in der ganzen Welt verstanden werden.

Das Schicksal der Bewohner des Schneelandes im Himalaja ist wesentlich bekannter, als es das der Kurden oder der mittlerweile befreiten Bewohner Osttimors je war. Bewirkt hat das der Mann, der am 6. Juli siebzig Jahre alt wird: Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, dessen Mönchsname Tenzin Gyatso lautet.

Zu seinen Divisionen gehören viele Prominente

Stalin wird die Frage zugeschrieben, wie viele Divisionen der Papst habe - der Machtbürokrat hatte keine Vorstellung von der Kraft religiösen Charismas. So wie sich die Kommunisten in der Papstfrage getäuscht haben, so waren auch die roten Chinesen im Irrtum, als sie dem jungen Mann, der 1959 heimlich aus dem seit neun Jahren von Maos Volksbefreiungsarmee besetzten Tibet floh, in Gedanken hinterherhöhnten: Wie viele Divisionen hat schon der Dalai Lama?

Das religiöse Oberhaupt des tibetischen Buddhismus hat es sehr wohl verstanden, Truppen zu sammeln. Nicht nur im nordindischen Dharamsala, wo er heute inmitten von etwa 100.000 Exilanten residiert, sondern auch in der ganzen Welt: Zu den Divisionen des Dalai Lama gehören Prominente, Popstars und Filmkünstler wie Richard Gere und David Bowie, die Beastie Boys und Bernardo Bertolucci, Thomas Gottschalk und Martin Scorsese, Brad Pitt und Beck.

Unterstützt haben ihn Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident den Dalai Lama am 4. Oktober 1990 als ersten ausländischen Gast nach der Wiedervereinigung empfing, oder Papst Johannes Paul II., der ihn 1986 zum Gebetstag des Weltfriedens in Assisi einlud und dessen katholische Kirche ebenfalls unter der eingeschränkten Religionsfreiheit in China leidet.

Charisma verbindet

Und zu seinen Divisionen gehört wohl auch immer noch die Mehrheit der zu Hause gebliebenen Tibeter: Als 1979 erstmals eine exiltibetische Delegation das Himalaja-Hochland bereiste, nahm die Begeisterung ekstatische Züge an. Zum Erschrecken der Chinesen, die von ihrer sozialistischen Umgestaltung des ehemaligen Gottesstaats Tibet so überzeugt waren, daß einige glaubten, die Vertreter der alten religiösen Oberschicht würden mit Steinwürfen empfangen.

Mit Johannes Paul verband den Dalai Lama noch manches andere: Beide waren beziehungsweise sind Charismatiker, bei denen sich diese Gabe mit großer Unbefangenheit gegenüber den Medien verbindet. Hier ließ sich gewissermaßen live im Fernsehen jenes staunenerregende Wunder verfolgen, das uns vom Anfang aller Weltreligionen überliefert ist: wie ein Individuum dank seiner überragenden Ausstrahlung Gefolgschaften sammelt.

Kundun nutzt die Neugier auf seine Person

Das war im Falle des Dalai Lama keineswegs selbstverständlich. Denn ähnlich wie seine Vorgänger war auch er bereits als zweijähriger Knabe mit Hilfe von Weissagungen, Orakeln und Prüfungen als Reinkarnation des 1933 gestorbenen 13. Dalai Lama erkannt worden. Nicht alle wiedergeborenen Dalai Lamas in der Geschichte erfüllten als Erwachsene die Hoffnungen, die man als Kind in sie gesetzt hatte.

Einige blieben blaß und unbedeutend. Und der 1683 geborene 6. Dalai Lama weigerte sich sogar, Mönch zu werden. Statt dessen widmete er sich lieber der Poesie, dem Bogenschießen, der Musik und seinen zahlreichen Mätressen in den Kneipen der Hauptstadt Lhasa.

Im Gegensatz dazu fand sich in schwieriger Zeit in dem als Lhamo Thöndup als Kind nordosttibetischer Bergbauern geborenen Kundun (so lautet einer seiner weiteren Ehrentitel) jener große Mann, der so dringend gebraucht wurde. Der Dalai Lama nutzt zugunsten Tibets die Neugier auf seine Person und seine Lehre. Lebensklug nimmt er dabei eine gewisse Doppelgesichtigkeit in Kauf.

Einfache Botschaften auf Glückskeks-Niveau

Bei den Zeremonien für echte Gläubige genügen seine Handlungen den höchsten Anforderungen, die an die theologische Bildung und die rituelle Kompetenz eines Dalai Lama gestellt werden, welcher stets unter der wachsamen Begutachtung konkurrierender Priester aus den verzweigten Schulen des tibetischen Buddhismus steht.

Doch er weiß auch, daß er für die Lifestyle-Buddhisten des Westens, die an dieser Religion vor allem ihre vermeintliche Zwanglosigkeit schätzen, seine Botschaften simplifizieren muß - manchmal bis aufs Glückskeks-Niveau. 2003 gab er sich gar für die „Bild“-Zeitungsserie „Glücklich werden mit dem Dalai Lama“ her.

Doch offenbar glaubt er, nur durch solche manchmal umstrittenen Aktionen die Erinnerung an die Unterdrückung seiner Heimat wachhalten zu können und genug Geld für den Unterhalt der Mönchsklöster im Exil aufzutreiben.

Rücksicht auf China prägt westliche Politik

Das Interesse des Westens an der tibetischen Sache ist von schwankenden politischen, religiösen und ökonomischen Konjunkturen bestimmt: Während des Kalten Krieges unterstützten die Vereinigten Staaten den Widerstand im Schneeland auch militärisch durch Waffenlieferungen. Diese Aktionen wurden nach dem amerikanisch-chinesischen Tauwetter eingestellt.

Dafür fand der Dalai Lama seit seiner ersten Reise ins außerindische Ausland 1973 einen Westen vor, der begierig auf östliche Weisheit war. Als ihm 1989 in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen wurde, appellierte er, „Tibet in dieser schwierigen Phase seiner Geschichte nicht zu vergessen“.

Davon kann bis heute nicht die Rede sein, auch wenn die Begeisterung nach einem Höhepunkt Mitte der neunziger Jahre mit einer Reihe woodstockartiger Popkonzerte für ein freies Tibet nun wieder etwas abgeflaut ist. Bei den Politikern hat das handfeste Gründe: Man will es sich mit der neuen Weltmacht China nicht verscherzen.

Keine Rückkehr zum status quo ante

Um so knapper mag dem bald Siebzigjährigen manchmal die Zeit vorkommen, die ihm angesichts der vielen Aufgaben und Bedrängnisse noch bleibt. Im tibetischen Kerngebiet, das keineswegs nur die heutige sogenannte „Autonome Region Tibet“ der Volksrepublik umfaßt, sind die Tibeter dank der chinesischen Umsiedlungspolitik beinahe schon zur Minderheit im eigenen Land geworden.

Von ihrer Kultur, die mehr mit Indien als mit China zu tun hat, zeugen fast nur noch einige propagandistisch herausgeputzte Klöster und der im 17. Jahrhundert erbaute, gewaltige Potala-Palast in Lhasa.

Und im Exil steht der Dalai Lama - auch darin dem Papst vergleichbar - vor der Herausforderung, seine religiöse Organisation zu reformieren, ohne deren spirituellen Kern zu beschädigen. Denn besser als viele andere Angehörige der einst herrschenden Klasse weiß er, daß es eine Rückkehr zum status quo ante nicht geben kann.

Tibet war nie ein „ShangriLa“

Tibet war früher gewiß nicht der reine feudale Horrorstaat, als den die Chinesen ihn darstellen. Aber es war auch nicht das friedlich abgeschiedene „ShangriLa“, voller anspruchsloser glücklicher Menschen und weiser Priester, zu dem es von Wohlwollenden oft rückwirkend verkitscht wird. Es war ein undemokratisches, zurückgebliebenes Land, in dem eine schmale Oberschicht aus der Religion das Recht ableitete, auf Kosten leibeigener Bauern zu leben.

Mit der typisch buddhistischen Friedfertigkeit, die heute das unumstößliche Dogma des Dalai Lama ist, ging es dort selten zu: Die verschiedenen Klöster und Schulen kämpften jahrhundertelang blutig um Macht und Einfluß. Dafür holten sie oft als Mitstreiter ausländische Truppen ins Land und legten so die Wurzel für den chinesischen Mythos, Tibet sei seit 700 Jahren Bestandteil des „Mutterlandes“.

China hofft auf biologische Lösung

Während er sich mit seinen Reformbemühungen und seinem Beharren auf absoluter Friedfertigkeit Feinde bei Traditionalisten und Radikalen in den eigenen Reihen machte, haben all seine Kompromisse den chinesischen Haß auf den Dalai Lama nicht gemildert. Trotz seines Pazifismus (und obwohl er mittlerweile nur noch auf einer echten kulturellen und religiösen Autonomie Tibets innerhalb der Volksrepublik beharrt) wird er von Peking als rasender „Separatist“ beschimpft.

Man hofft offenbar auf eine biologische Lösung des Problems in der Weise, wie man auch schon mit der Wiedergeburt der zweithöchsten tibetischen Autorität umging: Als der Dalai Lama vor zehn Jahren den in Tibet geborenen Gendun Choekyi Nyima als Reinkarnation des 1989 gestorbenen zehnten Panchen Lama anerkannte, wurde das Kind von den Chinesen verschleppt.

Stattdessen erklärte China mit Hilfe willfähriger Mönche den Sohn zweier tibetischer KP-Mitglieder zum neuen Panchen Lama. Im Vorgriff auf solch ein Verfahren hat Peking schon jetzt bekanntgegeben, daß die nächste Inkarnation des Dalai Lama auf gar keinen Fall im Exil, sondern ganz gewiß in der Volksrepublik geboren werde.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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