29. Juli 2003 Ein Bullenmarkt für Biowaffen gegen Israel? Ein Bärenmarkt für einen nordkoreanischen Atomwaffenschlag? Das Pentagon will Wetten auf die Wahrscheinlichkeit von Terrorattacken annehmen - auf der Webseite www.policyanalysismarket.org, die Politikanalyse mit Marktgesetzen zu verbinden vorgibt.
Bisher sollten Amerikaner nach Vorstellungen der Sicherheitsfanatiker in Washington elektronisch ausspioniert und überwacht werden, um potentielle Terroristen zu enttarnen. Und nun: Online handeln mit Futures auf Terror und Tod statt auf Schweinehälften oder fallende Aktienkurse - das ist das neueste Experiment der Agentur, die vom früheren Sicherheitsberater Ronald Reagans, Admiral John Poindexter, geleitet wird. Das Pentagon nennt den Plan die größtmögliche Sammlung neuester Möglichkeiten, um terroristische Anschläge zu verhindern. Verwerflich und grotesk, kontern zwei Senatoren der demokratischen Partei.
"Absurd"
Einer der beiden Senatoren, Byron Dorgan aus Nord-Dakota, hält die Idee für so absurd, daß er die Menschen nur schwer davon überzeugen könne, daß es sich nicht nur um einen Streich handelt und es die Pläne tatsächlich gibt. Können Sie sich vorstellen, fragt Dorgan in der New York Times, daß ein anderes Land ein Wettbüro einrichtet, gesponsert von der Regierung, in dem auf die Ermordung eines amerikanischen Politikers gewettet wird?
Nach der Kritik der beiden Demokraten versuchte das Pentagon das Programm herunterzuspielen, für das die Bush-Administration immerhin acht Millionen Dollar bis 2005 beantragt haben soll. Das Weiße Haus, so heißt es in der New York Times weiter, beeilte sich auch, die Webseite zu ändern, so daß die potentiellen Terrorschläge, die vom Markt und seinen Mechanismen beurteilt werden sollten, nicht länger zu sehen waren. Gleichwohl - so das Ministerium - habe sich der Handel mit Futures als effektiv erwiesen in der Vorhersage anderer Ereignisse, wie Ölpreisen oder Wahlergebnissen. Der Markt sei extrem effektiv in der Ansammlung verschiedenster Daten und Faktoren auch unbekannter Art und verläßlicher als Expertenmeinungen, verteidigt sich das Pentagon. Doch selbst Republikaner im Senat schüttelten über soviel Zynismus den Kopf, heißt es.
Nach Beschreibungen gegenüber dem Kongreß, die auch auf der Webseite nachlesbar sind, könnten Investoren sich registrieren lassen und Geld hinterlegen, ähnlich wie an der Börse - und Geld gewinnen oder verlieren, je nach Vorhersage eines Ereignisses.
Und wenn die Terroristen mitbieten?
Zum Beispiel könnte man annehmen, daß Premierminister X ermordet wird. Man kauft Futures zum Preis von 5 Cent. Wenn immer mehr Teilnehmer an den Tod des Premiers glauben, steigen die Preise für die Futures. Wenn für den Tod des Mannes ein Dollar pro Future winkt, verdient derjenige 95 Cent, der für fünf gekauft hat. Wer erst bei 50 Cent eingestiegen ist, verdient auch nur 50 Cent.
Und was, wenn sich die Terroristen an dem Handel beteiligen, die Preise treiben und dann davon profitieren, so wie es schon nach dem 11. September 2001 vermutet wurde? Oder was, wenn die Terroristen gegen einen Anschlag wetten, nur um die Sicherheitsbehörden in die Irre zu führen? Und überlebt der Markt, wenn die Behörden seine Vorhersagen nutzt? Das ist alles ungeklärt.
Der Politik-Analyse-Markt soll am Freitag mit der Registrierung von bis zu 1.000 Teilnehmern beginnen, berichtet die New York Times. Details verrät das Pentagon nicht, etwa darüber, wieviel Geld in die Depots fließen soll. Am 1. Oktober soll der Handel beginnen, und die Webseite verspricht: Die Teilnahme am Prozeß der Gruppenvorhersage könnte sich als profitabel erweisen.
Text: @tor