Mit der Kanzlerin in Lateinamerika, Tag 5

Pickelhauben in Bogota

18. Mai 2008 Sieben Tage in Lateinamerika. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich aufgemacht zu einer ungewöhnlich langen Reise, die sie von Brasilien über Peru nach Kolumbien und schließlich nach Mexiko führt. In der peruanischen Hauptstadt Lima hat die deutsche Regierungschefin am Gipfeltreffen der EU und der Staaten Lateinamerikas teilgenommen. Wer eine Reise nach Lateinamerika plane, treffe allein wegen der Entfernungen auf einen „herausfordernden Kontinent“ hatte die Kanzlerin vor Ihrer Abreise gesagt. F.A.S.-Redakteur Eckart Lohse begleitet sie und schildert in einem Tagebuch seine Eindrücke.

Tagebuch - Teil 5: Bogota

Reisen deutsche Spitzenpolitiker ins ferne Ausland, so verbreiten sie gerne, wie außerordentlich warmherzig sie aufgenommen würden, weil die Deutschen doch einen so guten Ruf im Gastland hätten. Auch Bundeskanzlerin Merkel hat auf ihrer Reise durch Lateinamerika bislang den Eindruck gewonnen, über den deutschen Besuch freue man sich sehr. In Brasilien wollte es Präsident Lula gar nicht wahrhaben, als der Gast aus Berlin irgendwann auf die Uhr schaute, weil der Zeitplan schon so weit überzogen war. In Peru wurde die Kanzlerin gar mit einem Orden ausgezeichnet, kaum dass sie gelandet war.

Kommen hochrangige politische Gäste ins Land, wird natürlich immer das Tafelsilber auf den Tisch gestellt. Der Gast darf sich geschmeichelt fühlen. Genau erfahren, ob er wirklich so wichtig und beliebt ist, wie er meint, kann er meistens nicht. Aber ein paar Anhaltspunkte zum Deutschlandbild in Lateinamerika bietet eine so lange Reise schon.

Bundesliga live in Lima

Es ist Samstagvormittag, wir Journalisten müssen auf dem militärischen Teil des Flughafens von Lima auf den Weiterflug nach Kolumbien warten. Die Kanzlerin ist noch nicht da. Doch die Zeit wird nicht lang, denn im Warteraum hängt ein Flachbildschirm an der Wand und auf dem wird übertragen - man fasst es nicht - das Bundesligaspiel Bayern gegen Berlin, live aus München, wo die Uhr schon sieben Stunden weiter ist.

Der spanischsprachige Reporter kann den Namen Bastian Schweinsteiger akzentfrei aussprechen, Bayern führt vier zu null und wir können eben noch sehen, wie Oliver Kahn in seinem letzten Bundesligaspiel ein Tor kassiert, bevor wir ins Flugzeug gescheucht werden. Punkt für Deutschland.

In Bogota gelandet, empfängt der kolumbianische Präsident Uribe die Kanzlerin mit den so genannten militärischen Ehren, einem riesigen Dschingderassabum einiger hundert Soldaten in bunten Uniformen. Auf dem Kopf wirken sie reichlich wilhelminisch. Aber die Nachfrage ergibt, dass das mit deutschen Pickelhauben nichts zu tun habe. Nur ein halber Punkt für Deutschland.

Beifall für die Kanzlerin

Bei der anschließenden Pressekonferenz der Kanzlerin und des Präsidenten findet Uribe allerlei Lob für den Gast aus Berlin und für Deutschland. Als Angela Merkel ein paar Sätze gesagt hat, klatscht Uribe gar Beifall, was für Heiterkeitsausbrüche in der deutschen Delegation sorgt. Doch anschließend reißt er sich fast alle Redezeit für seine Monologe unter den Nagel, gerade so, wie es Lula in Brasilia getan hatte. Nicht sehr höflich der Kanzlerin gegenüber. Auch höchstens ein halber Punkt für Deutschland.

Ein Pünktchen, eh es vergessen ist, gab es in einem der Armenviertel von Lima am Freitagnachmittag. Die Menschen leben in schäbigen Häusern, oft sind es nur Baracken. Vor einer Tür steht aber ein hochpoliertes und frisiertes Auto: ein VW-Käfer.

Richtig auf's Punktekonto hatte es zuvor in Lima gegeben. Am Tag der Ankunft der Kanzlerin hatte Präsident Garcia angekündigt, sein Land wolle ein Umweltministerium aufbauen. Kaum hatte er das gesagt, lud er die Kanzlerin, die selbst einst Umweltministerin war, am Freitag schon ein, bei der Amtseinführung des neuen Ministers dabei zu sein. Der musste vor einem Tisch mit zwei Kerzen und einem Kruzifix niederknien, wie vor einem Altar. Der Kanzlerin hat die Zeremonie gefallen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP

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