Von Thomas Holl
22. Januar 2008 Es ist, als ob der langjährige Bundesliga-Abstiegskandidat Eintracht Frankfurt den sieggewohnten Bayern ihren Titel nach einem 3:1-Rückstand doch noch in den letzten Minuten weggeschnappt hätte. Die Stimmung im Saalbau Gallus beim Neujahrsempfang der Frankfurter SPD gleicht einer Mischung aus Karneval und Meisterschaftsfeier. 400 Genossen und Gäste im Saal jubeln der zierlichen Frau im eleganten schwarzen Hosenanzug zu, die vorne auf der Bühne steht und ihnen zuwinkt.
Wie einst ihr früherer Lieblingsgegner Gerhard Schröder nach schwer erkämpften Wahlsiegen reckt sie mit einem strahlenden Lächeln beide Arme nach oben und formt die Finger zum Victory-Zeichen, das aber auch als Ypsilon durchgehen könnte. In rhythmischen Sprechchören intoniert die Menge immer wieder An-dre-a, An-dre-a, An-dre-a - den Vornamen ihrer Heldin, die der hessischen SPD zum ersten Mal seit fast zehn Jahren eine fast verloren geglaubte Eigenschaft zurückgegeben hat: Siegeszuversicht.
Wir packen das, wir sind ganz nah dran. Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht? ruft eine wie gedopt wirkende Andrea Ypsilanti immer wieder ihren Anhängern zu, die an diesem Mittwochabend schon von den jüngsten Umfragezahlen gehört haben. Wenige Tage vor der Landtagswahl sagen die Demoskopen in Hessen nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD voraus. Und in der SPD sprechen manche schon ehrfürchtig vom Yps-Faktor als neuer Siegesformel.
Roland Koch hat sie womöglich unterschätzt
Auch wenn die SPD-Spitzenkandidatin am 27. Januar trotz dieses auch für Meinungsforscher fast sensationellen Stimmungsumschwungs gegen die allein regierende CDU am Ende dennoch in der Opposition bleibt, hat sie weit mehr erreicht, als ihr viele - vor allem männliche - Konkurrenten in der hessischen SPD vor Jahren zugetraut haben. Auch CDU-Ministerpräsident Roland Koch hat die Frau vom linken SPD-Parteiflügel, die den Namen eines berühmten griechischen Freiheitskämpfers trägt, womöglich unterschätzt. Während seine Herausforderin seit dem Sommer mit vielen Terminen im Land ihren bis dahin geringen Bekanntheitsgrad steigerte, vertraute Koch auf die alte Wahlkampfregel der hessischen CDU, den politischen Gegner in einer kurzen, aber harten Kampagne zu stellen und zu schlagen.
Koch hatte indes auch guten Grund, auf seinen Amtsbonus als effizient regierender Ministerpräsident eines wirtschaftlich starken Landes zu vertrauen, dem seine Herausforderin nur eine für SPD-Verhältnisse exotische Kampagne für Windräder und Sonnenenergie entgegenstellte. Zumal die rhetorischen Fähigkeiten der Spitzenkandidatin den druckreif redenden Koch kaum in Gefahr zu bringen schienen. Bei öffentlichen Auftritten und Landtagsdebatten türmte die frühere Referatsleiterin von Kochs SPD-Vorgänger Hans Eichel gerne komplizierte Sätze im Sozialarbeiterdeutsch auf, die im Nirgendwo endeten. Dazu verhaspelte sich die durch ihre Reden galoppierende SPD-Politikerin oft und verwechselte bisweilen auch Daten und Orte.
Private Patchwork-Biographie
Auch heute ist die 50 Jahre alte Politikerin mit dem Geburtsnamen Dill, die den südhessischen Dialekt ihrer Heimatstadt Rüsselsheim geradezu als Markenzeichen pflegt, keine große Rednerin. Doch in den letzten Monaten hat sich die stets sorgfältig geschminkte Kandidatin trainieren lassen und an ihrer Rhetorik gefeilt. Im Gegensatz zu anderen Politikern ist sie nicht beratungsresistent, berichten Vertraute anerkennend. Keine Wahlkampfrede dauert bei ihr inzwischen länger als 20 Minuten. Ihre Kernbotschaften - Chancengleichheit in der Schule oder mehr soziale Gerechtigkeit in Form von Mindestlohn - formuliert sie ohne linksintellektuellen Überbau, aber dafür in klaren, verständlichen Sätzen, die sie ohne Manuskript vorträgt. Dass sie sich dabei bisweilen wie beim Neujahrsempfang des Mühlheimer SPD-Ortsvereins in der Gaststätte Rothe Warte immer noch verheddert, nehmen ihr die etwa 200 Zuhörer, darunter auch viele neugierige Bürger, nicht übel.
Getragen von guten Umfragewerten, gerade die Beliebtheit betreffend, strahlt sie trotz kleiner Patzer Frische und Selbstsicherheit aus. Auch im Fernsehduell mit Koch am Sonntag blieb sie dieser Strategie treu. Hier redet kein glatt geschliffener, machtbewusster Politiker, sondern jemand, der mit beiden Beinen im Leben steht und sich auch mal Schwächen erlaubt, lautet ihr Kontrastprogramm zum Amtsinhaber, der auf kühle Kompetenz setzt. Auch ihre private Patchwork-Biographie mit vielen Brüchen liest sich wie das Gegenbild zu Kochs geradem Lebensweg. Während der mehr als 20 Jahre verheiratete Ministerpräsident das traditionelle Familienbild verkörpert, ist Andrea Ypsilanti nach der gescheiterten Ehe mit einem Griechen geschieden.
Erst nach Jahren der Berufserfahrung als Stewardess und Sekretärin begann sie ein Soziologiestudium. Mit ihrem jetzigen Lebenspartner zieht sie ihren zwölf Jahre alten Sohn gemeinsam auf und teilt sich in Frankfurt ein Haus mit einer befreundeten Familie. Wenn sie in Mühlheim davon erzählt, dass in der Klasse ihres Sohnes manche Kinder aus Geldnot ausgegrenzt würden, klingt sie eher wie eine besorgte Mutter, die sich in einer Elterninitiative engagiert, als wie eine künftige Ministerpräsidentin. Es kann doch nicht sein, dass Kinder nicht auf die Geburtstage ihrer Freunde gehen können, weil die Eltern kein Geld für ein Geschenk haben! In dem nahe Offenbach gelegenen Mainstädtchen werden solche mitfühlenden Sätze mit viel Beifall bedacht.
Das wäre ein schönes Fest
Wie Koch hat auch der damalige Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Schröder die von ihm als Frau XY verspottete Andrea Ypsilanti lange Zeit nicht als gleichwertige Gegnerin behandelt. Als die frisch zur hessischen SPD-Vorsitzenden gewählte Soziologin im Frühjahr 2003 zusammen mit dem Parteilinken Ottmar Schreiner heftigen Widerstand gegen die Agenda-Reformpolitik des Basta-Kanzlers leistete und gar einen Sonderparteitag erzwang, sprach Schröder nur abfällig von den Ypsilantis, von denen er sich doch nicht seinen Kurs vorschreiben lasse.
Inzwischen steht sie auch mit Hilfe des Parteivorsitzenden Kurt Beck nicht mehr am linken Rand der Partei, sondern verkörpert mit ihren frühzeitig erhobenen Forderungen nach Korrekturen etwa beim Arbeitslosengeld für Ältere für viele Genossen besonders glaubwürdig die nach links verrückte neue Mitte der SPD. Und Beck selbst gibt heute im kleinen Kreis offen zu, dass er vor wenigen Monaten nicht geglaubt habe, dass die einst von ihm links liegen gelassene Parteifreundin derart gegen den erfahrenen Wahlkämpfer Koch bestehen und vielleicht sogar siegen könne: Das wäre ein schönes Fest.
Als die Tochter eines Opel-Arbeiters am 29. März 2003 zur neuen hessischen Landesvorsitzenden gewählt wurde, waren etliche in der SPD froh, dass nach der deklassierenden 29-Prozent-Niederlage bei der Landtagswahl eine unbelastete Galionsfigur gefunden worden war. Doch für einflussreiche Männer in der SPD wie den damaligen Fraktionsvorsitzenden und späteren Rivalen Jürgen Walter war die einstige Juso-Chefin nur eine Übergangsvorsitzende ohne Ambitionen und Chancen. Das nur dürftige Wiederwahlergebnis von weniger als 70 Prozent beim Parteitag im Oktober 2004 schien die Skeptiker zu bestätigen.
Erfolg mit der Mindestlohnkampagne?
Doch als der von Walter immer wieder als Spitzenkandidat ins Spiel gebrachte ehemalige populäre Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke endgültig abwinkte, griff Andrea Ypsilanti beherzt zu. Auch in dem folgenden innerparteilichen Wettstreit mit Walter um die Spitzenkandidatur bewies sie eine andere Fähigkeit, die auch dieser Tage zu besichtigen ist. Nicht mit aggressiver Härte und smartem Auftreten wie der in der SPD einst auch als kleiner Koch verspottete Walter erkämpfte sie sich im Herbst 2006 den Platz an der Spitze, sondern mit Fleiß und Zähigkeit.
Eine realistische Chance, an die Regierung zu kommen, hat die SPD-Politikerin auch nach den Umfragegewinnen für Rot-Grün nur, wenn die Partei Die Linke den Einzug in den Landtag schafft. Für diesen Fall steht ihr dann die noch größere Bewährungsprobe bevor. Nämlich eine regierungsfähige Koalition zu schmieden, ohne ihr Wahlversprechen zu brechen, sich nicht mit der von Altkommunisten dominierten Linkspartei einzulassen. Ein womöglich, langfristig noch größerer strategischer Erfolg für die SPD wäre es indes, wenn es Andrea Ypsilanti gelänge, mit ihrer Mindestlohnkampagne die linke Konkurrenz in Hessen dauerhaft zur außerparlamentarischen Opposition zu machen. Das wäre für SPD-Chef Beck vielleicht ein noch schöneres Fest als ein Sieg über Koch.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
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