Krisenstab in Berlin

Oft übernimmt der Minister die Leitung

Von Johannes Leithäuser, Berlin

Außenminister Fischer leitet den Krisenstab zur Flutkatastrophe

Außenminister Fischer leitet den Krisenstab zur Flutkatastrophe

28. Dezember 2004 Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes tagt in den Katakomben des Zentralgebäudes in einem früheren Tresorraum. Hier lagerte einst die Deutsche Reichsbank ihre Goldreserven, jetzt beherbergen die Keller das Nervenzentrum einer weltweit vernetzten Administration.

Während der gegenwärtigen Katastrophe, deren Ausmaß sich in Worten immer weniger fassen läßt und deren Schrecknisse am Dienstag noch immer unbegreifbarer zu werden schienen, statt sich bewerten und einordnen zu lassen, übernimmt der Außenminister häufig selbst die Sitzungsleitung und damit die Entscheidungsgewalt, sonst sitzt sein Staatssekretär Chrobog der Runde vor.

Mahagonileisten und Messingringe

In der Nachbarschaft des Besprechungszentrums ist beim Umbau des alten Reichsbankgebäudes zum Sitz des Auswärtigen Amtes eine Telefonzentrale eingebaut worden - der Architekt achtete darauf, daß selbst hier, in der Gegenwart aller möglichen denkbaren Weltkrisen, der Ausstattungsstil des Hauses gewahrt blieb: So sind die schallschluckenden Trennwände der Telefonkabinen mit Mahagonileisten gefaßt, die Deckenlampen werden von Messingringen gehalten. So wirkt die Szene, beherrscht vom gedämpften Stimmengewirr der Beschäftigten, stärker von der Routine eines Callcenters bestimmt, als von der Dramatik des aktuellen Geschehens bewegt.

Die emotionale Einstimmung vollführte am Dienstag mittag der Außenminister selbst, nachdem er die Morgenrunde des Krisenstabes geleitet - es hat sich bislang die Übung gebildet, vormittags und nachmittags/abends je eine Lagebesprechung zu halten - und die neuesten Informationen aus der Region bewertet hatte. Fischer sagte den Satz: „wir müssen Schlimmes befürchten“, und drückte damit vieles aus: die Ahnung einer noch unbekannten Zahl deutscher Touristen unter den Opfern, die Sorge um das gesamte Ausmaß der Katastrophe, aber auch das Wissen von der relativen eigenen Hilflosigkeit.

„Furchtbare Berichte“

Vom Ausmaß des Schreckens in den thailändischen Feriengebieten hatte der Krisenstab erst eine deutliche Ahnung durch den Bericht eines deutschen Konsularbeamten erlangt, der die Gegend von Khao Lak an Bord eines thailändischen Armeehubschraubers inspizieren konnte. Fischer sprach von „furchtbaren Berichten“, es sei eine „große Anzahl von Vermißten“ zu vermuten. An diesem Beispiel zeigt sich, wie trotz einer Endlosfolge von Fernsehbildern, trotz Internetrecherchen und Satellitentelefonie die tragfähigste Urteilsgrundlage der Bericht nach Augenschein eines eigenen Aufklärers ist.

Mutmaßlich wesentlich auf den Bericht jenes Konsularbeamten gestützt traf der Krisenstab am Dienstag eine ganze Reihe von Entscheidungen: ein Spezialkommando des Bundeskriminalamts zur Identifizierung von Leichen, das nach Phuket unterwegs war, wurde nach Khao Lak weiterdirigiert, weitere derartige Teams sollen in die Region nachgeschickt werden. Auch ein Bergungstrupp des Technischen Hilfswerks wurde nach Khao Lak in Marsch gesetzt. Ein Lazarettflugzeug der Luftwaffe, Typ Medevac-Airbus, wurde nach Phuket beordert, um Verletzte aufnehmen und ausfliegen zu können.

Schwierige Identifizierung

Fischer schilderte besondere Schwierigkeiten, die sich aus dem Charakter der Katastrophe ergeben und die naturgemäß Gegenstand von Erörterungen im Krisenstag waren: Die Identifizierung von Toten und bewußlosen Verletzten ist schwierig, weil viele von ihnen zum Zeitpunkt der Katastrophe in Freizeit- oder Badekleidung unterwegs waren, also keine Personalpapiere und wenig persönliche Gegenstände bei sich trugen.

Auch um die Folgen für die überlebenden Deutschen hat sich das Auswärtige Amt zu kümmern. Nachdem schon am Montag mehr als ein Dutzend weitere Konsularbeamte aus den deutschen Botschaften der verschonten Länder der Region in die Krisengebiete entsandt worden waren, flogen am Dienstag fast nochmal so viele Kräfte mit den beiden Charterflugzeugen nach Phuket und Colombo, die das Auswärtige Amt zur Rückholung jener Touristen schickte, die nicht als Pauschalreisende mit Sonderflügen ihrer Reiseveranstalter nach Hause gelangen können.

Entscheidungen, Reaktionen, Rückfragen

Viele schnelle Entscheidungen, Reaktionen und Rückfragen werden gegenwärtig sofort erledigt, sie fallen in diesen Stunden auch zwischen den Sitzungen des Krisenstabs oder des Koordinierungskreises Humanitäre Hilfe, den das Auswärtige Amt mit den Hilfsorganisationen unterhält, oder des neuen Arbeitsstabes zum Wiederaufbau der Region um den indischen Ozean, den der Außenminister am Dienstag unter Leitung des Staatssekretärs Chrobog einrichtete. So meldete sich am Montag abend spät die Regierung Sri Lankas mit einer „Verbalnote“ und erkundigte sich nach Hilfsmöglichkeiten in der Trinkwasseraufbereitung. Über das Auswärtige Amt und das Innenministerium wurde das Technische Hilfswerk informiert, daß eine seiner Trinkwasser-Aufbereitungseinheiten unverzüglich auf die Reise schickte; der genaue Einsatzort und die Aufgabenbeschreibung wurde nach Kontakt mit dem UN-Büro für humanitäre Hilfe entschieden, das in Sri Lanka schon tätig ist.

Eine andere Anfrage, die schließlich zur Entsendung einer Bergungseinheit des Technischen Hilfswerks nach Khao Lak führte, erreichte den Außenminister persönlich im Telefongespräch mit seinem thailändischen Kollegen: Die Deutschen hätten doch große Erfahrung und Fähigkeiten auf dem Feld von „search and rescue“, der Suche nach und der Bergung von Verschütteten also. Auch hier wieder: Abstimmung mit dem Innenministerium, Nachfrage bei den technischen und humanitären Diensten, dann Entscheidung.

Während die akute Krisenhilfe die Aufmerksamkeit des Krisenstabes beansprucht, der etwa 20 Teilnehmer - in wechselnder Zusammensetzung - umfaßt und aus Fachleuten der verschiedenen Abteilungen des Auswärtigen Amtes, sowie aus Verbindungsbeamten zum Verteidigungs- und zum Innenministerium besteht, ist am Dienstag der erwähnte Arbeitsstab des Amtes eingerichtet worden, um die mittelfristige Aufbauhilfe für die Region zu beurteilen und zu ermitteln. Das soll für eine kluge Arbeitsteilung innerhalb der EU-Geberländer sorgen, hat für die Bundesregierung aber auch einen Lern-Effekt, da sie im nächsten Jahr turnusgemäß den Vorsitz in der UN-Lenkungsgruppe für Humanitäre Hilfsprogramme übernehmen wird.

Vom Ausmaß des Schreckens in den thailändischen Feriengebieten hatte der Krisenstab erst eine deutliche Ahnung durch den Bericht eines deutschen Konsularbeamten erlangt, der die Gegend von Khao Lak an Bord eines thailändischen Armeehubschraubers inspizieren konnte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2004, Nr. 304 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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