Hitlerattentäter von Boeselager

Der Koffer des Verschwörers

Von Konrad Schuller, Ketrzyn (Rastenburg)

09. Mai 2007 Ein alter Mann sitzt im Schatten. Er blickt auf den See, er blickt durch die Kiefern. Gerade haben sie noch vor ihm salutiert, eine Ehrenabteilung des polnischen Heeres ist angetreten, es gab „Stillgestanden“ und „Rührt euch“. Jetzt aber hat er seinen Gehstock mit der Stahlspitze über die Lehne gehängt, die Beine sind übereinandergeschlagen, das gesunde unten, das andere, das seit dem Moskauer Angriff nicht mehr so recht will, darüber.

Er ist weit gereist, durch halb Europa, von Kreuzberg im Ahrtal, wo seine alte Pistole immer noch im Safe liegt, an die Jägerhöhe bei Rastenburg im Osten Polens, wo einmal des Führerhauptquartier war. Die Reise war lang, die Nacht war kurz. Die alte Verletzung macht sich bemerkbar, doch er hat Schmerzmittel im Handgepäck und lässt sich nichts anmerken. Er sitzt im Schatten, und wenn die Reporter mit ihren Fragen Pause machen, geht sein Blick hinüber, zu den Bäumen, wo die Pioniere jetzt seinen alten Koffer suchen, den Koffer mit den Bomben für Hitler.

Beim Frontbesuch persönlich zu erschießen

Philipp von Boeselager ist der letzte der Attentäter vom 20. Juli 1944. Schon im Jahr davor hatte er zusammen mit einigen anderen Offizieren der Wehrmacht geplant, Hitler bei einem Frontbesuch persönlich zu erschießen, mit ebenjener Walther PPK, die heute zu Hause in seinem Safe liegt. Den örtlichen Befehlshaber, von Kluge, hatte er, wie er erzählt, zuvor durch die Frage eingeweiht, ob er sich vorstellen könne, dass der Führer das Kasino „auf zwei Beinen“ betreten und „auf vier Beinen getragen“ wieder verlassen werde. Erst Minuten vor dem Schuss zerschlug sich der Plan, weil Kluge seine zunächst gegebene Zustimmung zurückzog.

Als die Verschwörer um Claus Schenk von Stauffenberg im Jahr darauf versuchten, Hitler im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen durch eine Bombe zu töten, sollte Boeselager - damals ein Kavallerieoffizier von 26 Jahren - mit 1.000 Mann von der Ostfront nach Berlin fliegen, um dort die zentralen Dienststellen des NS-Staates zu besetzen. Am 18. Juli, zwei Tage vor dem Anschlag, war sein Reiterregiment 41 bei Brest-Litowsk losgezogen. Nach einem 36 Stunden langen Gewaltritt hatte es am Tag des Attentats einen Feldflughafen bei Warschau erreicht. Die Soldaten waren schon unterwegs zu den Flugzeugen, als mit dem Codewort „Alles in die alten Löcher“ die Nachricht kam, dass das Attentat gescheitert war.

Fürchtete permanent die Rache der Nazis

Die Welle der Hinrichtungen, mit welcher die Nazis reagierten, hat Boeselager damals nur verschont, weil alle Mitwisser sich entweder selbst töteten, weil sie ermordet wurden, wie Stauffenberg, oder weil sie selbst auf der Folter seinen Namen nicht preisgaben. Dennoch hat er danach bis zum Kriegsende permanent die Rache der Nazis gefürchtet. Die Zynkalikapsel, die er für den Fall der Festnahme immer in der Brusttasche trug (den Knopf ließ er vorschriftswidrig offen, um schneller zugreifen zu können), hat er erst am Tag der Kapitulation, am 8. Mai 1945, in einen Fluss geworfen.

Drüben unter der Kiefer haben die Pioniere jetzt ein rotes Fähnchen aufgepflanzt. Der Metalldetektor hat gepiept, und Sergeant Romanowicz, jung, mit rasiertem Kopf, mit Tattoos am Unterarm und einer modischen Sonnenbrille auf der Nase, hat Helm und Schutzweste befohlen. Das Ziel der Grabung: eines der letzten Geheimnisse der Attentatsplanung von 1944. Bis heute nämlich ist nicht klar, woher Stauffenberg seinerzeit den Sprengstoff für seine Bombe genommen hat. Philipp von Boeselager aber glaubt, die Lösung könne hier liegen, am Fuß der Jägerhöhe unter den Bäumen am See: ein Koffer mit Sprengstoff, das Bombendepot der Attentäter.

Nach dem Scheitern des Attentats vergraben

Boeselager erinnert sich, dass er persönlich einige Monate vor der Tat, im Januar 1944, General Stieff, einem der führenden Verschwörer, von der Front einen Koffer mit mehreren englischen Haftminen gebracht hat. Nach dem Krieg erzählte ihm dann ein anderer Überlebender des Widerstandes, Hans Herwarth von Bittenfeld, der daraufhin den Koffer zeitweilig unter seinem Bett verwahrt hatte, unmittelbar vor dem Anschlag habe Stieff zwei Ladungen aus dem Koffer genommen. Die übrigen Minen samt Koffer habe er selbst, Bittenfeld, nach dem Scheitern des Attentats vergraben: unter vier Kiefern an der Jägerhöhe am Mauersee, keine dreißig Kilometer von der „Wolfsschanze“.

Boeselager hat aus diesem Bericht einen eindeutigen Schluss gezogen: Die zwei Ladungen, die Stieff aus seinem Koffer nahm, waren dieselben, die später im Führerhauptquartier detonierten - und der Rest könnte ohne weiteres bis heute unter den Bäumen liegen. So hat er dann die Anregung der Fernsehjournalisten Christian Pricelius und Tim Lienhard aufgenommen und ist auf Einladung des Südwestrundfunks nach Ostpreußen gereist, um die Wolfsschanze zu besuchen, den Ort des Anschlags, und nebenbei ein wenig nach seinem Koffer zu sehen.

Birken wachsen aus den gesprengten Ruinen

Dreiundsechzig Jahre liegen zwischen damals und heute. In Hitlers gewaltiger von vielfachen Sperrgürteln gesicherter „Wolfsschanze“, wo Boeselager sich damals - Kavallerieoffizier hin, Kavallerieoffizier her - bei dienstlichen Besuchen ganz klein und ängstlich fühlte vor so viel Machtdramaturgie, wachsen Birken aus den gesprengten Ruinen. Moos bedeckt das Trümmergebirge des Führerbunkers, und in die Schluchten des zerborstenen Betons fällt durch das Laub melancholisches Zwielicht, als hätte Caspar David Friedrich die Szenerie entworfen.

Jetzt, wo der letzte Verschwörer die verfallenen Verliese durchstreift, in denen er damals den Arm zum Hitlergruß hob, während er innerlich auf die erlösende Detonation hinfieberte, steigert sich das Zwielicht noch. Boeselager ist mit seinen 89 Jahren einerseits ganz ein Mann der Gegenwart. Scharfer Blick, scharfer Witz, der kühn nach hinten gekämmte Haarschopf weht im Wind - so steht er Rede und Antwort. Die Stockspitze auf dem Asphalt unterstreicht jedes Wort mit diskretem Klick. Andererseits liegt der Hauch einer anderen Welt über diesem Überlebenden. Wenn er vom Krieg erzählt, von Offensiven, Opfern, Attentaten, liegt ein eigentümliches Timbre in seiner Stimme, jener knappe Offizierston, den man nur noch aus Filmen kennt.

Der bekennende Katholiken wählte Widerstand

Das polnische Fernsehen fragt ihn, ob er ein Held sei. „Ein Held?“, fragt er trocken zurück. „Ich wusste einfach von den Verbrechen. Ich hatte erfahren, dass jeden Tag 16.000 Menschen ermordet wurden.“ Durch seine Arbeit im Stab der Heeresgruppe Mitte hatte er erfahren, was sich in Wahrheit hinter der Front abspielte, er wusste von den Erschießungen und den Märschen ins Gas. Und als er dann von hohen SS-Leuten bestätigt bekam, was bis dahin nur ein Gerücht gewesen war, da gab es für ihn als bekennenden Katholiken nur eine Wahl: den Widerstand. Es ist ihm nicht leichtgefallen. Als patriotischer Offizier, der seinem Volk den Sieg wünschte, hätte er sich nie träumen lassen, dass er eines Tages bereit sein könnte, auf den eigenen Oberbefehlshaber zu schießen.

„Ich hätte mich gerne nicht am Widerstand beteiligt“, sagt er im kühlen Schatten des Führerbunkers. „Ich wäre lieber am Nordpol gewesen als bei den Verschwörern - aber als ich gefragt wurde, konnte ich nicht nein sagen.“ Boeselager verhehlt keinen Augenblick, dass ihm der Krieg selbst als solcher durchaus gerechtfertigt schien. In seiner aristokratischen Familie herrschte ein strikter Antikommunismus, und dass Stalins Sowjetunion attackiert und besiegt werden musste, bevor sie selbst das Reich angriff, dieses Propagandaargument schien ihm schlüssig. Selbst sein Bild von Hitler ist nicht von vornherein nur negativ gewesen. Zwar wurden in seinen Kreisen des katholischen Adels die Nazis als areligiöse Parvenüs verachtet, doch die frühen Erfolge des Führers, die nationale Begeisterung der ersten Jahre machten Eindruck auf den jungen Kavallerieleutnant.

Er hat sich geirrt, wie so viele

Ist auch er der Faszination erlegen, die in den Untergang führte? Hätte auch er wie so viele andere Hitler gewählt, wenn er nicht als Offizier vom Wahlrecht ausgeschlossen gewesen wäre? An der Wolfsschanze, bei der Gedenktafel für die Attentäter des 20. Juli, hat Boeselager innegehalten. Jetzt strafft er den Rücken, schweigt. „Ja“, sagt er schließlich. „Ich möchte schon glauben, dass auch ich ihn gewählt hätte.“ Es ist ein eigentümlicher Held, der hier auf der Bank sitzt. Er hat sich geirrt, wie so viele.

Leute wie er haben mit ihrer fehlgeleiteten Begeisterung Hitlers frühe Siege möglich gemacht. Dennoch aber war Boeselager anders als die meisten. Anders als sie nämlich hat er nicht einfach nur weggehört, als mitten im Triumph die Zeichen des Verbrechens erschienen. Als der SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zalewski einmal harmlos meldete, seine Leute hätten fünf Zigeuner „sonderbehandelt“, fragte er so lange nach, bis die mörderische Bedeutung dieses Wortes ihm klar war. Danach, als kein Zweifel mehr möglich war, wandte er sich gegen Hitler - mit derselben Rücksichtslosigkeit gegen sich und andere, mit welcher er ihm vorher gedient hatte.

Vielleicht die größte Tat des deutschen Widerstands

Vor der Jägerhöhe, unter den Kiefern am See, haben die Pioniere des Sergeanten Romanowicz die Helme abgenommen und ruhen in der Sonne aus. Vom Koffer des Obersten Boeselager haben sie keine Spur gefunden. Ein altes Schloss haben sie aus dem Boden geholt, ein rostiges Messer dazu, doch das Bombenlager der Attentäter ist nicht aufgetaucht.

Der Mann im Klappstuhl wiegt das Schloss, wiegt das Messer in der Hand. Das Leder des Koffers mag verrottet sein, im Laufe der Jahrzehnte, die Säure der Zünder hat vielleicht das Metall der Minen zersetzt. Viel Zeit ist vergangen, und mehr ist zerfallen als nur ein Koffer unter einem Baum in Masuren. Er allein ist übriggeblieben. Mit seinen Schmerzmitteln, mit seiner Erinnerung an das Attentat, die vielleicht größte Tat des deutschen Widerstands gegen Hitler, aber auch, wie er selber sagt, mit seiner „Beschämung“. Ein Held? Philipp von Boeselager hält manchmal Vorträge vor jungen Leuten in Schulen und Kasernen. Einer der ersten Sätze ist dann immer: „Die Überlebenden einer Tragödie sind niemals deren Helden.“



Text: F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z./Matthias Lüdecke

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