CDU

Konservativ, aber nicht christlich

Von Rolf Schneider

Als Volkspartei will die CDU Gewerkschafts- und Unternehmerinteressen bündeln

Als Volkspartei will die CDU Gewerkschafts- und Unternehmerinteressen bündeln

02. Oktober 2006 Die CDU befindet sich in einer Identitätskrise. Ein magerer Trost besteht darin, daß es den anderen Parteien im Land, voran der SPD, nicht viel besser ergeht. Den Linken schwindet die klassische Arbeiterklientel, und wie man zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem theoretischen Erbe von Marx, Kautsky und Bernstein verfahren soll, weiß dort auch keiner. Die Liberalen sind unentschieden, ob sie als Lobby für Besserverdienende oder als Verfechter von Bürgerrechten fungieren möchten, die Grünen opfern ihre Grundüberzeugungen in Sachen Ökologie und Pazifismus Stück um Stück.

Keine Partei freilich trifft es derzeit so hart wie die Union. Als Volkspartei will sie Gewerkschaftsbewegung wie Unternehmerinteressen bündeln. Das Signum, unter dem das geschieht, ist das C im Parteinamen: das Christentum. Wir wollen sehen, wie weit das trägt, tragen kann, woher es sich leitet und welche Implikationen, historische wie theologische, es mit sich bringt.

Von der Zentrumspartei zur CDU

Die Zusammenführung von ursprünglich gegensätzlichen Lagern galt einst, 1945, als geniale Tat der Gründer. Allerdings ging es da zunächst weniger um soziale als um klerikale Tendenzen: Die CDU verstand sich als politische Verlängerung der beiden großen Kirchen im Land, und sie vermochte damit zu reüssieren. Sie erreichte, was die Kirchen unterm Zeichen der Ökumene erst viel später und dann auch unvollkommener vollzogen; bis in die fünfziger Jahre dauerte hierzulande der kalte Krieg zwischen Katholizismus und Protestantismus an. Er war das geschichtliche Erbteil jenes durch die Reformation vollzogenen Schismas, das während der folgenden Jahrhunderte zum Inhalt oder zum Vorwand blutigster Kriege gedieh.

Die Gründerväter der CDU in Berlin und im Rheinland waren praktizierende Katholiken. Sie entstammten einer politischen Strömung, die vor 1933 den Namen Zentrum führte. Der Aufstieg der Partei verdankte sich ursprünglich dem Königreich Preußen, das ausweislich seines Herrscherhauses ein protestantischer Staat war und dessen mächtigster Politiker, der Protestant Otto von Bismarck, nach 1871 seinen Kulturkampf wider die Katholiken begann. Das Zentrum verstand sich als parteipolitischer Verteidiger des Papismus.

Nach 1918 gehörte es dann zu den maßgeblichen Kräften der sogenannten Weimarer Koalition. Es wirkte mit am Text der Verfassung, sein Finanzminister Matthias Erzberger wurde das Opfer rechtsradikaler Attentäter, es war in etlichen Kabinetten vertreten und stellte mehrfach den Kanzler. Dies könnte für einen lupenreinen Republikanismus zeugen, doch der Eindruck täuscht. Prälat Kaas, der Führer des Zentrums, sowie die Kanzler Heinrich Brüning und Franz von Papen waren autoritäre, wo nicht antidemokratische Gestalten, die den Untergang der Republik beförderten. Das hat seinen Grund auch darin, daß die katholische Kirche, Kind eines vordemokratischen Zeitalters, autoritär geordnet ist. Ihr Gefüge folgt feudalistischen Prinzipien.

Eine erkennbar katholisch dominierte Partei

Der Protestantismus, entstanden im Zeichen des Frühbürgertums, pflegte zwar demokratische Strukturen - doch das hinderte ihn nicht, sich der Monarchie zu verpflichten. Eine dem Zentrum vergleichbare parteipolitische Kraft besaß er nicht. Am liebsten neigte er zu Nationalkonservativen und Deutschnationalen - und dies führte dann zu den Sündenfällen während der Hitlerei, zu Deutschchristen und antisemitischen Ausfällen selbst von Angehörigen der Bekennenden Kirche; 1945 wurden sie mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis in beeindruckender Deutlichkeit eingestanden und bereut. Der Eintritt protestantischer Kräfte in die CDU erfolgte im Zustand von ratloser Zerknirschung. Für die alte Bundesrepublik aber blieb die CDU eine erkennbar katholisch dominierte Partei.

Der Konservatismus ist indes keine religiöse, er ist eine gesellschaftspolitische Haltung, und so, wie sich heute Christen beider Konfessionen in anderen Parteien engagieren, hat sich die CDU inzwischen auch praktizierenden Juden und türkischen Muslimen geöffnet. Das ist eine verständliche Maßnahme zur Mehrheitsbeschaffung. So bleibt die Frage, wie sich dergleichen mit dem christlichen C im Parteinamen verträgt. Die Mahnung, an jenes C zu denken, zieht sich durch manche Wortmeldung. Der verstorbene vormalige CDU-Chef Rainer Barzel hat es ebenso angemahnt wie der vormalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler.

Das Verhältnis von Christentum und Politik erweist sich als hoch problematisch von Beginn an, behängt mit vielerlei Widersprüchen und Irrtümern. Bereits der österliche Einzug des Religionsstifters Jesus in Jerusalem unterlag dem Mißverständnis, dieser Mann wolle, statt zu predigen und zu missionieren, vielmehr neuer König der Juden sein. Prompt fühlten sich die römische Kolonialmacht und das mit ihr kollaborierende pharisäische Establishment herausgefordert. Man ließ den Störenfried festnehmen, verurteilen und hinrichten. Als eine Glaubenslehre, die - modern gesprochen - Gewaltlosigkeit und Pazifismus vertrat, wirkte das Christentum auch fürderhin politisch subversiv. Die Umwelt mochte nicht wahrhaben, daß sich die junge Religionsgemeinschaft bloß auf das nahe Weltende einstellte; als dies nicht eintrat, mußte sie sich zu weiteren Normen für das irdische Leben entschließen, und spätestens als Kaiser Konstantin das Christentum zur römischen Staatsreligion erhob, war die Lehre des Gekreuzigten gänzlich im Raum der Politik angekommen.

„Der Mensch ist sittliches Subjekt“

Die Folgen sind bekannt. Evangelien und Apostelbriefe stellten genügend Aussagen bereit, die sich politisch interpretieren und anwenden ließen, wie sehr sie einander auch ausschließen mochten. Die im Zeichen des Kreuzes geführten Erschütterungen und Kriege prägten zwei Jahrtausende abendländischer Geschichte; immer wieder auch gab es Versuche, zu der vermeintlich reinen Lehre zurückzukehren, was seinerseits Verfolgungen auf sich zog. Die Ansätze, politisches Verhalten christlich zu prägen oder christlich zu rechtfertigen, führen von Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre über den Sonnenstaat lateinamerikanischer Jesuiten bis zur Sozialethik des katholischen Priesters Adolf Kolping und zur Theologie des evangelischen Hochschullehrers Karl Barth. Mehr als angestrengte Versuche sind sie allesamt nicht, kompatibel sind sie auch nicht. Die Einsicht, daß es eine eindeutig christliche Politik sowenig gibt wie christliche Blinddarmoperationen, daß es sie nicht geben kann, da die Botschaft der Evangelien stets von einem Reich handelt, das von dieser Welt nicht ist, das alles hat sich erst sehr spät durchgesetzt, im Gefolge fortschreitender Säkularisierung.

Die Leute, die sich derzeit um ein neues CDU-Programm bemühen, scheinen dies zu wissen. Sie bemühen als wesentliches Moment das christliche Menschenbild. Was sie darunter verstehen, bleibt einigermaßen unklar. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat sich in einem Text daran versucht: „Der Mensch erscheint einerseits in seiner Kreatürlichkeit, das heißt als einer, der sich in seiner Herkunft dem schöpferischen Handeln Gottes verdankt und in seiner Vergänglichkeit den übrigen Geschöpfen gleicht. Andererseits erscheint er kraft seiner Begabung mit Freiheit und Vernunft in seiner Kreativität, die ihn über die übrige Schöpfung erhebt und an der schöpferischen Kraft Gottes teilhaben läßt. Befähigt zu Selbstreflexion, Selbstüberschreitung und planender Vorausschau, ist er zur Gestaltung der natürlichen Umwelt und der sozialen Mitwelt berufen, zugleich erfährt er sich selbst in seiner Entwurfsoffenheit und Selbstaufgegebenheit und weiß um seine stete Gefährdung, hinter dem Anspruch dieser seiner Berufung zurückzubleiben. Der Mensch ist sittliches Subjekt, weil er in freier Entscheidung selbstbestimmt zu handeln und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu treffen vermag.“ An zentraler Stelle wird der Aufklärer Immanuel Kant zitiert. Überhaupt reproduziert dieser Text, etwas deistisch überzuckert, das Menschenbild der Aufklärung, die eigentlich eine antiklerikale Erfindung war.

Einen anderen Versuch unternahm 2001 die einflußreiche Diözese München-Freising, die ein Papier verabschiedete, das praktische Vorschläge für die Kommunalpolitik unterbreitete. Da ist im Zusammenhang mit dem christlichen Menschenbild von Freiheits- und Menschenrechten die Rede, von Begabung zur Selbstreflexion, zu planender Vorschau, von Toleranz, Gewissens- und gar von Religionsfreiheit. Mit Aufklärung hat das viel, mit dem Unfehlbarkeitspapst Pius IX. hat es vergleichsweise wenig zu tun.

Deutschland sei kein Einwandererland

Die Wahrheit ist, daß eine einheitliche christliche Anthropologie nicht existiert. Es gibt deren viele: bei den Kirchenvätern, bei den Mystikern, bei Søren Kierkegaard; manchmal decken sie sich, meist widersprechen sie einander. Das Neue Testament begreift den Menschen als ein zutiefst schwaches, sündiges und erlösungsbedürftiges Wesen. Daraus attraktive Parteiprogramme für das Jahr 2006 zu keltern ist schlicht unmöglich.

Die CDU begnügt sich deswegen, Strukturen und Inhalte zu propagieren wie Familie, Kindererziehung, innere Sicherheit, Privatbesitz und Rechtsstaatlichkeit, die sich gewiß christlich interpretieren lassen, doch dies nicht zwingend und keinesfalls ausschließlich. Vielmehr sind sie so, wie die CDU sie vertritt, tradierte und gesellschaftlich bewährte, eben konservative Einrichtungen, und es wäre vernünftig, die Partei würde es genauso und nicht anders mitteilen. Mit dem C des Parteinamens hat das alles nur partiell zu tun. Das C des Parteinamens ist, freundlich formuliert, nur mehr Traditionssymbol und Leerformel, sofern man es nicht als das begreift, was einer der gegenwärtigen Unionspräsiden in anderen Zusammenhängen eine Lebenslüge nannte.

Mit Lebenslügen hat die Partei ihre Erfahrung. Wider besseres Wissen und gegen alle Wirklichkeit behauptete sie bis noch in allerjüngster Zeit, Deutschland sei kein Einwandererland. Lebenslügen, das wissen wir aus den Dramen Henrik Ibsens, münden in Katastrophen. Gründet die Identitätskrise der CDU vielleicht auch auf den Umstand, daß die Partei weiterhin mit dem C im Namen operiert?

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006, Nr. 39 / Seite 15
Bildmaterial: dpa

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