28. März 2008 Donnerstag Abend, neunzehn Uhr, Alarmstufe Rot in den Niederlanden. Ein Fax geht vom Innenministerium in Den Haag an alle Gemeinden im Land: Wilders' Film steht im Internet. Die holländischen Polizeicorps werden in Alarmbereitschaft versetzt, bei den Botschaften in muslimischen Ländern tritt ein lange ausgearbeiteter Stufenplan in Kraft, der Notrufrichtlinien, Reisewarnungen und für den äußersten Fall sogar Evakuierungen umfasst. Man könnte über die ungebrochene Kraft von Bildern, über die Macht der Kunst in den Herzen der Menschen, gerührt sein: Sechzehn Minuten und neunundvierzig Sekunden Montage allbekannter Nachrichtenbilder halten eine von Nachrichtenbildern abgestumpfte Bevölkerung von einem Moment auf den anderen in Atem.
Gestern Mittag um zwölf Uhr haben dreieinhalb Millionen Niederländer und Flamen Fitna in ihrer Sprache abgerufen, die englische Version mit potentiell Milliarden Zuschauern hinkt nurmehr wenig hinterdrein. Mit weit mehr als sechs Millionen Zuschauern in einigen Stunden und einem nicht abreißenden Medienhype hat Wilders sein politisches Ziel längst erreicht: Die halbe Welt redet über seine Vision vom Islam als einer faschistischen Religion, von seinem Ansinnen, der Koran müsse ebenso verboten werden wie Mein Kampf.
Filme können die Welt verändern
Dass die Regierungen in Indonesien und vor allem Iran noch am Freitag Morgen den Film mit den üblichen Drohgebärden als gotteslästerlich verurteilten, stand zu erwarten. Erleichtert dagegen die Reaktion in den niederländischen Medien, dass es bisher zu keinen Ausschreitungen kam; aber das war bei den dänischen Mohammed-Karikaturen sogar wochenlang genauso - bis die Propagandamaschine in der pakistanischen oder libyschen Provinz anlief. Damit nicht noch mehr Öl ins Feuer gegossen werde, versuchen niederländische Politiker und Medienleute das Phänomen Fitna als das einzuordnen, was es gar nicht sein soll: ein ästhetisches Produkt. Das angesehene NRC Handelsblad zieht in seiner Filmrezension Vergleiche mit Eisenstein und Michael Moore, wobei Geert Wilders denkbar ärmlich wegkommt. Die Nennung anderer Agitprop-Collagen wie Al Gores Inconvenient Truth oder des evangelikalen Films Witchcraft Repackaged (gegen den Hexer Harry Potter) beweist, dass wir in einer Zeit leben, in der digital verbreitete Filme - und nicht mehr die Bücher - jederzeit die Welt verändern können.
Die andere Linie neben dem ästhetischen Verriss verfolgte das niederländische Staatsfernsehen NOS, wo noch am Abend Islamforscher die lange Tradition von antimohammedanischer Propaganda seit Johannes Diakonus beleuchteten. Die ersehnte Botschaft: alles schon dagewesen, alles halb so wild. Auffallend entspannt sieht die Sache auch das niederländische Pendant zur Bild-Zeitung. Im Telegraaf hatte schon am Freitagmittag die pikante Enthüllung, zwei attraktive sozialdemokratische Parlamentarier könnten im Fraktionssaal der Christdemokraten miteinander Sex gehabt haben, die Wilders-Mania verdrängt. Eine Reportage schildert erfolgreich integrierte Musliminnen, die über Fitna cool urteilen, sie seien etwas enttäuscht; für ihre Alltagsprobleme zwischen Kopftuch und Job sei nichts zu lernen gewesen.
Am Vorabend der Freitagspredigt
Ähnliches Abwiegeln herrscht auch unter muslimischen Kommentatoren im Internet vor. Ob die niederländische Integrationsministerin Hella Vogelaar daraus die Hoffnung ableitet, das Selbstbewusstsein der holländischen Muslim-Organisationen sei inzwischen groß genug, um Wilders nicht in die Falle zu gehen? Schlau hatte der Politiker den Film exakt am Vorabend der islamischen Freitagspredigt herausgebracht. Die Ankündigung der marokkanischen Gemeinden, nach der Publikation von Fitna einen Tag der offenen Moschee zu veranstalten, wurde noch nicht wahrgemacht.
Wilders, der Filmemacher, hat bei seinem Erstling also eine gigantische Gratis-Werbekampagne, weltweite Resonanz und vernichtende Kritiken eingeheimst. Der Schöpfer, der gemeinsam mit einem pseudonymen Mitarbeiter Scarlet Pimpernell das Werk signierte, äußerte sich zufrieden über die Wirkung seines sauberen Films. Die linke Volkskrant urteilte dagegen: Der Film nutzt in jeder Hinsicht die Methoden totalitärer Regimes, um Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen, und zog zum - ästhetischen - Vergleich die abstoßende Collagetechnik von Fritz Hipplers Der ewige Jude (1940) heran. Nur waren dessen Bilder manipuliert, wohingegen sich Wilders so stark auf Originalmaterial stützt, dass die ersten Klagen bereits unterwegs sind: Ein Rapper, ein Fernsehmacher und sogar der dänische Karikaturist Kurt Westergaard sind wütend über die Verwendung ihrer Bilder und Töne.
Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite 33
Bildmaterial: dpa