10. Mai 2006 In der Geschichte des Islams waren es iranische Schreiber, die im Dienste der Diplomatie den sogenannten Kanzleistil virtuos entfalteten. Mit ihrer Hilfe stellten persische Herrscher einst harte politische Forderungen, die jedoch in kunstvolle Höflichkeitsfloskeln verpackt waren. Soweit man es schon weiß, ist der Brief, den der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad jetzt an den amerikanischen Präsidenten gerichtet hat, zwar etwas wolkig und auch religiös gehalten, doch von Höflichkeit kann keine Rede sein.
Der Iraner liest George W. Bush in dem Schreiben ziemlich unverblümt die Leviten, will aber so ganz nebenbei auch die Demokratie und den Liberalismus auf den Kehrrichthaufen der Geschichte werfen. Beide hätten versagt, behauptet er. Und auch die Gründung Israels wird von ihm wieder aufs Tapet gebracht.
Das Werk eines Egozentrikers?
Ist dieser Brief das Werk eines Politikers, der immer wieder - wie früher der Libyer Gaddafi - zu egozentrischen, bizarren Vorstößen neigt, oder ist er mit der Führung des Landes, vor allem mit dem Revolutionsführer Ajatollah Chamenei, abgesprochen?
Ahmadineschad beansprucht, sozusagen auf gleicher Augenhöhe mit dem amerikanischen Präsidenten zu kommunizieren, was er kraft seiner Stellung im politischen System seines Landes aber gar nicht kann. Doch vor allem wegen des Inhalts ist vorauszusehen, daß Amerika diesen Versuchsballon Ahmadineschads wohl nicht annehmen wird. Das mag weniger an der Kritik an Bushs Irak-Krieg liegen (daran ist man in Washington gewöhnt) als vielmehr am Angriff auf westliche Werte an sich und am Thema Israel.
Keine Einsicht in berechtigte Sorgen
Bei seinen Anhängern wird Ahmadineschad damit das Ansehen Irans vielleicht mehren, nicht aber im Westen. Der hat nämlich auch seine Prinzipien und seine Würde.
Im Atomkonflikt wird dieser Brief nicht weiterhelfen. Daß Iran das Recht hat, friedliche Forschung zu betreiben, trifft zu. Der Brief scheint aber keinerlei Einsicht in die berechtigten Sorgen zu zeigen, die man an vielen Orten der Welt, keineswegs nur in Israel und Amerika, vor einer möglichen iranischen Bombe und deren eventueller Weitergabe hat. Manche aus muslimischer Sicht verständliche Kritik am Westen wird in dem Brief durch ein altes Mittel entwertet: Übertreibung und Flucht in die wohlfeilen Kategorien des Verschwörungsdenkens.
Text: F.A.Z., 10.05.2006, Nr. 108 / Seite 1
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