23. April 2003 Das amerikanische Zentralkommando in Qatar hat Mitte April eine Fahndungsliste mit 55 Köpfen der gestürzten irakischen Diktatur veröffentlicht - und zwar als Kartenspiel. Für neun von ihnen ist das Spiel bereits aus.
Neben der Suche nach den vermuteten Massenvernichtungswaffen, dem eigentlichen Kriegsgrund, und dem Aufbau einer demokratischen Ordnung, die nach amerikanischen Vorstellungen eine Keimzelle für den neuen Nahen Osten darstellen soll, gilt die Fahndung nach Saddam Hussein und den Stützen seines Regimes als wichtigste Aufgabe der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Familie, Clan, Militär, Partei
Ganz oben auf der Liste steht freilich Saddam Hussein selbst - als Herz-As. Daneben lassen sich folgende Gruppen ausmachen: seine engste Familie, also vor allem seine Söhne Udai und Qusai, Mitglieder des Clans der Al Takriti, die ihre Wurzeln in der Stadt Takrit haben, Parteinomenklatura, Militärs und Kabinettsmitglieder.
Obwohl Saddam Hussein nach dem Putsch der Baath-Partei 1968 als Vizepräsident des Irak und nach 1979 als Präsident im Rahmen einer breitangelegten Modernisierungspolitik die Clan-Struktur der irakischen Gesellschaft aufbrechen wollte, sorgte er dafür, daß ihm loyale Mitglieder seiner Sippschaft in hohe Positionen gelangten. So fanden sich die Al Takritis in hohen Ämtern der sozialistischen Baath-Partei, des Militärs, der diversen Geheimdienste und im Kabinett.
Ein Drittel Clan-Miglieder
18 der 55 der gesuchten Personen tragen den Clan-Namen Al Takriti. Oftmals hatten sie mehrere Funktionen inne, wie etwa Sohn Udai (Pik-As), der der Nationalversammlung angehörte, Vorsitzender des Olympischen Komitees war, die staatlich gelenkte Zeitung Babel herausgab und - nicht zuletzt - als Chef der berüchtigten Fedajin-Milizen fungierte.
Für die Fahndung haben die amerikanischen Streitkräfte besondere Suchtrupps im Einsatz. Vor allem sind sie aber angewiesen auf Hinweise aus der Bevölkerung und auf die Arbeit der Truppen des Irakischen Nationalkongresses, der einstigen Exilopposition aus London. Den inneren Führungszirkel haben die amerikanischen Fahnder bislang nicht gefasst. Nach Angaben des INC-Vorsitzenden Ahmad Tschalabi hält sich Saddam Hussein, den die Amerikaner nach zwei gezielten Militärschlägen zwischenzeitlich tot glaubten, noch im Irak auf und wechselt ständig seinen Aufenthaltsort. Auch seine Söhne sollen bei ihm sein.
Nr.18 größter Fahndungserfolg
Beim bislang größten Fahndungserfolg ging den Amerikanern der frühere Premierminister Mohammed Hamsa el Zubaidi (Pik-Dame) ins Netz, der auf der Liste an 18. Stelle steht. Er wurde von Oppositionskämpfern bei Bagdad gefasst. Das Ex-Mitglied des Revolutionären Kommandorats war zuletzt Militärkommandeur für die Region Euphrat.
Für tot halten Briten und Amerikaner auch den als Chemie-Ali bekannten Ali Hassan Al Majid, der zuletzt die Truppen im Südirak kommandierte. Der Vetter von Saddam Hussein wird für den Giftgasangriff auf Halabdscha 1988 und den Tod tausender Kurden verantwortlich gemacht. Er ist die Nummer fünf der Liste. Als Kreuz-Vier wurde Ex-Ölminister Samir El Aziz Najim in der Nähe Mossuls gefasst. Der Bagdader Bezirksvorsitzende der Baath-Partei ist Nummer 24.
Nur einer stellte sich
Ein Schwiegersohn von Saddam Hussein, Dschamal Mustafa Abdullah Sultan, der sich offenbar in Syrien stellte, befindet sich ebenfalls in Gewahrsam der Amerikaner. Der frühere Vize-Direktor des Amtes für Stammesangelegenheiten ist die Nummer 40. Ex-Finanzminister und Vize-Premier Hekmat Ibrahim El Assawi wurde von der neuen irakischen Polizei festgenommen. Assawi steht an 45. Stelle. Watban Ibrahim Hassan El Takriti, ein Halbbruder von Saddam Hussein, wurde an der Grenze zu Syrien festgenommen. Der frühere Präsidentenberater und Innenminister ist die Nummer 51.
Barsan Ibrahim Hassan El Takriti, ein weiterer Halbbruder des entmachteten Diktators, wurde von amerikanischen Truppen in Bagdad festgenommen. Der frühere Geheimdienstchef steht an 52. Stelle. Ex-Forschungsminister Human Abd El Chalek El Gafur, die Nummer 54, wurde ebenfalls von den Amerikanern verhaftet. Saddam Husseins wissenschaftlicher Berater Amir Hammudi Hassan El Saadi stellte sich freiwillig als erster aus der Führungsriege den amerikanischen Truppen. Der Waffenberater des Diktators, der mit einer Deutschen verheiratet ist, steht an letzter Stelle der Liste.
Welches Recht greift?
Völlig ungeklärt ist bislang die Frage, was die Siegermächte mit ihren Gefangenen anstellen werden. Der Internationale Strafgerichtshof kann nach Aussage seines neuen Chefanklägers Luis Moreno Ocampo keine Menschenrechtsverfahren gegen den Irak einleiten - selbst wenn die Vereinigten Staaten dies wollten. Dazu
fehlt dem Gericht die Befugnis, da der ICC nur gegen Staaten ermitteln darf, die sein Statut ratifiziert haben. Das haben weder Washington noch das alte Bagdader Regime.
Einige Völkerrechtler haben die Vermutung geäußert, daß Saddam Hussein und die Seinen im Falle der Gefangennahme ein Prozess vor einem amerikanischen
Militärgericht erwarte. Vor einem solchen Gericht kann aber nur über Kriegsverbrechen geurteilt werden - und nicht über Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Höchststrafe vor einem Militärgericht ist die Todesstrafe.
Text: @sat
Bildmaterial: AP