Afghanistan-Einsatz

Erfolge melden, um Legenden vorzubeugen

Von Stephan Löwenstein, Berlin

Soldaten des Kommando Spezialkräfte bei einer Übung: Seit Jahren auch in Afghanistan im Einsatz

Soldaten des Kommando Spezialkräfte bei einer Übung: Seit Jahren auch in Afghanistan im Einsatz

08. Mai 2009 Wenn das Bundesverteidigungsministerium künftig auf Fragen über einen Einsatz der Spezialkräfte antworten muss, wird es Schwierigkeiten haben, sich wie bislang auf die Formel zurückzuziehen, man äußere sich zu den Spezialkräften grundsätzlich überhaupt nicht. Mindestens wird es von nun an heißen müssen, man äußere sich zu deren Einsatz nur im Erfolgsfall - eine Linie, die auch nicht leicht durchzuhalten sein wird.

Denn nachdem das in Calw beheimatete Kommando Spezialkräfte (KSK) am frühen Donnerstag morgen einen wichtigen Talibanführer bei Faizabad im Nordosten Afghanistans festgesetzt hatte, machte das Ministerium außergewöhnlich ausführlich Mitteilung von dem Vorfall. Zwar ist man in Calw und in Berlin insgesamt in jüngster Zeit etwas von der Praxis abgerückt, wonach schon die Existenz des KSK nur im Flüsterton bestätigt wurde. Diese Praxis der Totalabschottung hatte nur zu wilden Legenden und einem gesteigerten Interesse geführt - also dem Gegenteil des Beabsichtigten.

Geheimhaltung gehört zum Nimbus

Deutscher Soldat in Afghanistan nahe  Kundus

Deutscher Soldat in Afghanistan nahe Kundus

Andererseits ist bei Spezialkräften nach wie vor ein höheres Maß an Geheimhaltung zweifellos notwendig: Im Vorhinein, um den Erfolg der Operationen nicht zu gefährden, auch zum Schutz der einzelnen Soldaten. Nicht zuletzt auch, obwohl darüber keiner so recht spricht, weil Geheimhaltung zum Nimbus von Spezialkräften gehört und sonst das Ansehen bei den Kollegen von befreundeten Nationen leiden würde. Wenn die Operation vom Donnerstag also recht ausführlich mitgeteilt und sogar vom Verteidigungsminister Jung kommentiert wurde, dann wohl vor allem weil es dringend nötig schien, die Erfolgsmeldung hörbar mitzuteilen.

Deutsche Spezialkräfte waren zuletzt durch die jüngste Berichterstattung über den Fehlschlag bei der Geiselbefreiung am Horn von Afrika in ein sehr schlechtes Licht gerückt worden. Das betraf zwar vor allem die Polizeieinheit GSG-9, aber auch das Verteidigungsministerium, dem Zögerlichkeit vorgeworfen worden war. Vor allem aber sollte wohl den schlechten Nachrichten über die Sicherheitslage eine gute Nachricht von einer erfolgreichen Operation entgegengesetzt werden. Darauf deutet auch der markige Satz Jungs, wer die Bundeswehr oder ihre Verbündeten angreife, müsse damit rechnen, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Abermals Gefechte

Auch am Freitag gab es wieder Nachrichten über einen Angriff auf die Bundeswehr. Wieder einmal war es nicht in Faizabad, wo der Zugriff durch KSK-Soldaten und afghanische Sicherheitskräfte erfolgt war, sondern in Kundus, wo in der vergangenen Woche ein junger Hauptfeldwebel in einem Feuergefecht gefallen war.

Es habe ein mehrstündiges Gefecht bis zum Freitagmorgen gegeben, in dessen Verlauf vier Angreifer getötet, vier verwundet und vier gefangengenommen worden seien, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit - „allesamt durch afghanische Behörden“, wie er ausdrücklich hinzufügte. Das Gefecht habe am Donnerstagnachmittag begonnen und habe sich bis in den Freitag Morgen hingezogen. Der Verlauf des Zwischenfalls dokumentiere, dass die Zusammenarbeit zwischen afghanischen und deutschen Behörden funktioniere. Der Sprecher bekräftigte die offensive Botschaft: „Dass diejenigen, die uns oder unsere Alliierten angreifen, damit rechnen müssen, dass sie verfolgt werden“.

Kein Kriegseinsatz

Auch der Talibanführer Raciq war am Donnerstag nicht durch die deutschen Soldaten, sondern durch die afghanischen Sicherheitskräfte formal festgenommen worden. Durch dieses Vorgehen will die Bundeswehr unterstreichen, dass sie sich in einem Stabilisierungseinsatz zur Unterstützung der afghanischen Regierung befinde, und nicht in einem Kriegseinsatz. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Soldaten nicht gezielt zurückschießen, wenn sie angegriffen werden.

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In dem Hinterhalt in der vergangenen Woche, in dem der Soldat durch einen Panzerfausttreffer auf einen „Fuchs“-Truppentransporter getötet und fünf weiter verwundet worden waren, haben die Deutschen nach eigener Beobachtung auch mindestens zwei der Angreifer getötet. Verletzt wurde auch einer der KSK-Soldaten während der Zugriffsoperation am Donnerstag, allerdings nicht durch gegnerische Einwirkung. Er war nachts im unwegbaren Gelände in einen Bach gestürzt und wäre wegen der schweren Ausrüstung beinahe ertrunken.

Die Operation war seit Monaten von den Spezialkräften vorbereitet worden. Sie hatten die „Zielperson“ und ihre Gewohnheiten beobachtet und zugleich schon das rechtliche Vorgehen für die Zeit nach der Festsetzung vorbereitet. Man wird annehmen dürfen, dass daran auch der deutsche Auslandsgeheimdienst BND beteiligt war.

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Afghanistan-Besuch im April

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Afghanistan-Besuch im April

Ebenso dürften die Deutschen daran arbeiten, dass die führenden Köpfe der Aufständischen bei Kundus dingfest zu machen, die dort die Truppe in dem Feldlager und Regionalen Wiederaufbauteam (PRT) seit etwa anderthalb Jahren immer stärker unter Druck setzen. Das KSK operiert dabei wie die übrigen deutschen Soldaten in Afghanistan unter dem Mandat der Schutztruppe Isaf; die bis vergangenen Herbst bestehende theoretische Möglichkeit, unter dem Anti-Terror-Mandat OEF am Hindukusch zu operieren, war schon seit Jahren nicht mehr wahrgenommen worden. Auch wenn Spezialkräfte die Sicherheitsmaßnahmen bei ranghohen Truppenbesuchen unterstützen, wie in den vergangenen Wochen durch Bundeskanzlerin Merkel, Verteidigungsminister Jung oder Außenminister Steinmeier, werden sie unter Isaf-Mandat eingesetzt.

Berlin: Kein gezielter Anschlag auf Merkel

Der durch die „Bild“-Zeitung verbreiteten Behauptung eines angeblichen Taliban-Führers, die Bundeskanzlerin sei während ihres Besuches in Kundus nur knapp einem gezielten Anschlag entgangen, trat die Bundesregierung am Freitag entgegen. Er könne das nicht bestätigen, sagte Regierungssprecher Wilhelm.

Als kurz nach dem Merkel-Besuch grob gezielte Raketen auf das Feldlager Kundus abgefeuert worden waren, wie dies oft passiert, hatten Taliban dies bereits als gezielten Anschlag darstellen wollen - allerdings auf die Schnelle mit mehreren unzutreffenden Angaben, etwa, die Kanzlerin sei mit einem Flugzeug abgeflogen. Dennoch werden die Taliban-Angaben von manchen Medien ungefiltert übernommen, wenn dies in ein Nachrichtenbild passt. Auch dies mag ein Grund für die ungewohnte Offenheit nach dem KSK-Zugriff gewesen sein.

Text: F.A.Z
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, reuters

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