Zum Tod von Frère Roger

Mit Kampf und Kontemplation

Von Heike Schmoll

Moment der Stille: Frère Roger Ende 2003 in Hamburg

Moment der Stille: Frère Roger Ende 2003 in Hamburg

17. August 2005 Es war bei der Beisetzung Johannes Pauls II., als Roger Schutz, gebrechlich im Rollstuhl sitzend, vor den Augen der Welt vom damaligen Kardinal Ratzinger die Kommunion empfing. Er hatte sie schon zu Lebzeiten des verstorbenen Papstes mehrfach erhalten, zumal eine Ausnahmegenehmigung der Ordensgemeinschaft von Taizé erlaubt, in ihrer Kirche das evangelische Abendmahl und die katholische Kommunion auszuteilen. Das war sein letzter großer öffentlicher Auftritt, der als prägendes Bild seines engagierten ökumenischen Wirkens im Gedächtnis bleiben wird.

Am Dienstag abend ist Frère Roger, wie der Gründer der Ordensgemeinschaft genannt wird, während des Abendgebets in der Kirche von Taizé erstochen worden. Der leise Mann mit dem milden Lächeln und der weißen Kutte hat sich von seinen schwindenden Kräften nicht entmutigen lassen. Auch wenn das Leben zuweilen eine Last sei, so bleibe doch das Wesentliche, und das seien Liebe und Verzeihung. "Der Tod eröffnet einen Durchgang zu einem Leben, in dem Gott uns für immer in sich aufnimmt", hat er in einfachen Worten gesagt.

Roger Louis Schutz-Marsauche, so sein voller Name, stammt aus einer schweizerischen Familie, in der es so viele Bauern wie evangelisch-reformierte Pfarrer gab. Er wurde am 12. Mai 1915 als Sohn eines schweizerischen reformierten Pfarrers und einer Französin in Provence (Kanton Vaud) geboren. Entscheidende Jahre verbrachte der junge Mann in der Obhut einer katholischen Witwe. Als Gymnasiast hat er viel gezweifelt, konnte selbst nicht glauben. Trotzdem sei er immer "mit Achtung erfüllt vor jenen, die es konnten - genau wie die jungen Menschen, die ich heute sehe", sagte Frère Roger später. Zunächst wollte er Bauer und Schriftsteller werden, hatte auch einen ersten Essay mit dem Titel "Entwicklung einer puritanischen Kindheit" verfaßt. Weil eine renommierte Zeitschrift ihn nur drucken wollte, wenn er das Ende umschrieb, verzichtete er trotzig auf die literarische Laufbahn und studierte Theologie.

Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam

Nach seinem Theologiestudium von 1935 bis 1939 in Lausanne und Straßburg kam er 1940 nach Taizé in der Nähe der Demarkationslinie zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Teil Frankreichs, wo damals nur noch 50 Dorfbewohner waren. Mitten unter den Armen fand er bald ein geeignetes Gebäude, das er mit geliehenem Geld kaufte, begann das angrenzende Land zu bebauen, die einzige Kuh zu melken und eine Kapelle einzurichten. Von Anfang an beherbergte er jüdische Flüchtlinge und Oppositionelle. 1942 besetzte die Gestapo das Haus und verhaftete die Insassen. Schutz, der gerade einen Flüchtling in die Schweiz gebracht hatte, mußte dort bleiben, bis Taizé 1944 befreit war.

Mit drei Freunden kehrte Schutz zurück und kümmerte sich um Kriegswaisen, aber auch um deutsche Kriegsgefangene, was ihm den Argwohn der katholischen Landbevölkerung um Cluny eintrug. Sieben Männer aus reformatorischen Kirchen legten 1949 ihr Ordensgelübde ab und versprachen Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Heute gehören der Ordensgemeinschaft hundert Brüder aus 25 Ländern und verschiedenen Konfessionen an, ohne die Zugehörigkeit zu ihrer Kirche aufgeben zu müssen. Einige von ihnen leben in Armutsgebieten in Algerien, Lateinamerika und Afrika. "Kampf und Kontemplation", das frühere Motto des Jugendkonzils (1970), bilden die beiden Pole der Gemeinschaft.

Religiöse Identität ohne konfessionelle Grenzen

Die Regel für Taizé formulierte Schutz im Jahre 1951. Mit anderen zusammen wollte er die wesentlichen Dimensionen des Christseins durch ein Ethos der Tat leben: "Dein Streben nach Selbstbeherrschung hat nichts anderes zum Ziel als eine größere Verfügbarkeit", heißt es in den Regeln. Gehorsam wird als Bereitschaft beschrieben, Entscheidungen anzunehmen, die in der Gemeinschaft getroffen und vom Prior zum Ausdruck gebracht werden.

Eine eigene Theologie hat Schutz nie entwickelt. Seine religiöse Identität habe er erst gefunden, als er die "Glaubensströmung" seines evangelischen Ursprungs mit dem Glauben der katholischen Kirche versöhnte. Für die sichtbare Einheit der Christen zu wirken war von Anfang das Ziel der Ordensbrüder. In Gesprächen mit dem damaligen Papst Pius XII. machte Schutz einen vergeblichen Versuch, das Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Marias zu verhindern.

„Bescheidene Flamme ökumenischer Hoffnung“

Unter dem Pontifikat Johannes XXIII. änderte sich die Haltung Roms gegenüber den ökumenisch Gesinnten auf dem Burgunder Hügel. Schutz wurde als offizieller Beobachter zum II. Vatikanischen Konzil eingeladen, und in den sechziger Jahren hatten die Brüder von Taizé bei allen bedeutenderen ökumenischen Konferenzen ein gewichtiges Wort mitzureden. Als sich der theologische Streit wieder verschärfte, zogen sie sich aus den offiziellen Disputen zurück und konzentrierten sich auf soziale Aufgaben und ihre jugendlichen Besucher.

In der Ordensgemeinschaft selbst spielt die Trennung der Kirchen keine Rolle. "Wenn die Versöhnung unter den Christen auf später verschoben wird, kann die ökumenische Bewegung unversehens ermatten und trügerische Hoffnungen nähren", meinte Schutz und bezeichnete Taizé selbst als "ganz bescheidene Flamme ökumenischer Hoffnung", für die seine Ordensgemeinschaft steht. Ihren Unterhalt bestreitet die Gemeinschaft aus dem Ertrag künstlerischer Werkstätten sowie aus Büchern und Schriften und den Einkünften einiger Brüder, die einem weltlichen Beruf nachgehen. Über Besitz verfügt sie nicht, Spenden und Geschenke werden nicht angenommen.

Suppe für alle statt Festessen für Auserwählte

Seit Ende der fünfziger Jahre pilgerten immer mehr Jugendliche nach Taizé. Zu einem regelrechten Wallfahrtsort wurde es jedoch erst nach 1968. Damals entdeckten Jugendliche, Sinnsucher und Jugendbewegte, Aussteiger auf Zeit und junge Christen Taizé als Ort des einfachen Lebens, campierten im schlammigen Lehm, töpferten, beteten und sangen. Die Lieder aus Taizé sind längst in das Liedgut der Kirchen eingegangen. Dreimal am Tag versammeln sich alle in der Betonkirche und erleben Gottesdienste mit Elementen der römisch-katholischen Messe sowie evangelischer und ostkirchlicher Andachtsformen.

Als Roger Schutz 1974 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, nahm er Jugendliche mit auf das Podium, bei der Verleihung des Aachener Karlspreises im Jahre 1990 sorgte er dafür, daß es statt des festlichen Abendessens für einige Auserwählte eine einfache Suppe für alle auf dem Marktplatz gab. Er überzeugte durch persönliche Glaubwürdigkeit und war die geistige und geistliche Autorität für die Brüder von Taizé. Wie sie die Ordensgemeinschaft ohne ihn weiterführen können, wird sich zeigen. Er selbst hat sich um die Zukunft der Communaute keine Sorgen gemacht und schon vor einigen Jahren den katholischen Mitbruder Frère Alois Löser aus Stuttgart zu seinem Nachfolger ernannt. Er gehört der Gemeinschaft seit 32 Jahren an, komponierte zahlreiche Lieder für Taizé und organisierte mehrfach Jugendtreffen in Osteuropa.

Text: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191
Bildmaterial: AP

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