Von Christoph Ehrhardt, Istanbul
28. August 2007 Reha Çamuroglu bemüht die offizielle Sprachregelung: Jeder Parlamentarier der Regierungspartei hat die Möglichkeit, einen Kabinettsposten zu bekommen, sagt er, verzieht den Mund zu einem vielsagenden Lächeln und drückt dann etwas umständlich seine Zigarette aus. Der alevitische Intellektuelle gilt als Kandidat für einen Posten im Kabinett der neuen Regierung von Ministerpräsident Erdogan.
Erdogan will seine Kabinettsliste am Donnerstag vorlegen, wenn sein bisheriger Außenminister, Abdullah Gül, in den Präsidentenpalast eingezogen ist und dem neuen Kabinett seine Zustimmung geben kann. So lange wird sich die Öffentlichkeit wohl gedulden müssen. Erdogan, dessen muslimisch geprägte konservative Regierungspartei AKP die Parlamentswahl mit deutlicher Mehrheit für sich entschieden hatte, deutete bisher an, es werde zwei neue Staatsminister geben, neue Gesichter, und er habe vor, in der vergangenen Legislaturperiode zusammengelegte Ministerien wieder zu teilen - etwa im Fall des Kultur- und Tourismusministeriums.
Rede vor fast einer Million Menschen
Was seinen Kabinettsposten betrifft, so macht Çamuroglu noch einmal nachdrücklich klar, er begrenze seine Erwartungen. Ungleich optimistischer ist der AKP-Politiker, der einer der führenden alevitischen Denker ist, jedoch, dass das neue Kabinett auch Reformen anpacken wird, die ganz im Sinne der religiösen Minderheiten sind. Es wird eine Liberalisierung geben, und die Aleviten werden es künftig leichter haben, ihre Probleme zu lösen, sagt der linksgerichtete Historiker - auch wenn die AKP-Mitglieder zu einem großen Teil fromme sunnitische Muslime seien. Meiner Meinung nach kann die AKP nicht maßgeblich durch ihre religiöse Haltung definiert werden. Es ist die Haltung der Partei zur Modernisierung des Landes, die maßgeblich ist, sagt Çamuroglu. Ich bin noch ein Anfänger im Parlament, aber ich sehe keinen Grund dafür, besonders skeptisch zu sein. Mir haben schließlich im Wahlkampf Millionen von Sunniten zugejubelt - und ich bin Alevit.
Es war vor allem der Wahlkampf-Großauftritt Erdogans auf dem Istanbuler Kazliçesme-Platz, der ihm, Çamaroglu, im Gedächtnis geblieben ist. Dort sprach auch er vor fast einer Million Menschen, doch es ist eine andere Episode dieses Tages, von der er mit leuchtenden Augen berichtet: Nach der Veranstaltung hatte sich die Wahlkampfmannschaft im Bus zusammengefunden. Çamuroglu lud Erdogan ein, das örtliche alevitische Gebetshaus (Cemevi) zu besuchen. Er brauchte Erdogan nicht lange zu überreden.
Keine religionswissenschaftlichen Fakultäten
So bahnte sich der Bus seinen Weg durch die Menge zu einem symbolträchtigen Besuch. 200 Meter in 45 Minuten. Auch Gül war dabei, berichtet Çamuroglu, keine Presse. Es wurde Tee und Kaffee gereicht, Erdogan und Gül plauderten mit dem Dede, dessen Rolle etwa der eines Imams entspricht. Die Atmosphäre war warmherzig. Alle gingen vorsichtig miteinander um. Keiner wollte sich falsch verhalten, sagt Çamuroglu, für den der Cemevi-Besuch der AKP-Spitze so etwas wie die Auftaktveranstaltung für einige Projekte war, die zu den Reformplänen der Partei gehörten.
So ist nach seinen Worten im türkischen Religionsamt Diyanet ein fruchtbarer Boden bereitet, auch alevitische Geistliche auf die Gehaltsliste zu setzen. Das wird nicht leicht sein, aber ich fühle, dass da eine Tendenz ist, sagt Çamuroglu. Auch glaube er, dass die Aleviten beim Bau ihrer Gebetshäuser, die als solche noch immer nicht vom Staat anerkannt sind, in naher Zukunft auf mehr Hilfe der Regierung hoffen können. Außerdem sei im Diyanet Bewegung, in kulturellen und religionspolitischen Fragen - etwa mit Blick auf die theologischen Studiengänge.
Wir haben keine religionswissenschaftlichen Fakultäten, wir haben nur theologische Fakultäten. Das ist ein Nachteil für uns Aleviten. Ich hoffe, da wird Abhilfe geschaffen, sagt Çamuroglu, der sich jedoch darüber im Klaren ist, dass zur Verwirklichung dieser Vorhaben noch große Hindernisse - auch an der Parteibasis - überwunden werden müssen. Es ist zu früh, über Details zu reden.
Vorzeigekandidat für die linksgerichteten Aleviten
Im Diyanet ist die Religionsgemeinschaft noch nicht vertreten. Die offizielle Begründung lautet seit Jahr und Tag, die Behörde vertrete alle Muslime im Land. Noch immer bezeichnen jedoch fromme türkische Sunniten die Aleviten als Häretiker, und manche Aleviten halten aus Angst vor Repressionen gar ihren Glauben verborgen. Das liegt auch daran, dass es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Übergriffen auf Aleviten durch sunnitische Fanatiker gekommen ist.
In der ostanatolischen Stadt Sivas steckten islamistische Eiferer 1993 ein Hotel in Brand, 37 alevitische Intellektuelle und Künstler kamen um. So erntete Çamuroglu auch deutliche Kritik aus der alevitischen Gemeinde: Ich bin gefragt worden: Wie kannst du nur für eine sunnitisch geprägte Partei kandidieren, deren Führungspersonal islamistische Wurzeln hat, sagt er. Der alevitische Historiker solle als Vorzeigekandidat für die AKP die Stimmen der traditionell linksgerichteten anatolischen Aleviten, vor allem der AKP-Gegner, gewinnen, lautete die Erklärung für seine Berufung in Erdogans Wahlkampfmannschaft.
Der türkische Islam entwickelt sich weiter
Der armenische Journalist Etyen Mahcupyan glaubt hingegen daran, dass Çamuroglus Optimismus berechtigt ist. Mahcupyan ist Chefredakteur der armenischen Wochenzeitung Agos. Sein Vorgänger, der prominente armenische Journalist Hrant Dink, war im Januar auf offener Straße nur wenige Schritte vom Redaktionsgebäude entfernt von einem jungen türkischen Nationalisten mit drei Pistolenschüssen getötet worden. Die AKP-Regierung hat vor, etwas zu unternehmen, sagt Mahcupyan. Die AKP ist momentan die einzige Chance, denn es gibt derzeit keine vergleichbare liberale Bewegung. Natürlich fühlten sich auch die Armenier bisweilen bedroht. Auch seien weiterhin beschlagnahmte Immobilien der nichtmuslimischen Minderheiten in der Hand des türkischen Staates.
Noch immer haben die nichtmuslimischen Gemeinden nämlich kein Recht auf Immobilienbesitz. Zudem dürfen die Kirchen in der Türkei keine Geistlichen ausbilden, und ihnen bleibt nur die Möglichkeit, sich als Stiftungen zu organisieren, die offiziell jedoch nur einen weltlichen Zweck verfolgen dürfen. Dass Erdogan mit seinen Reformen möglicherweise daran interessiert ist, mehr Raum und Rechte für die religiösen Sunniten zu schaffen, ist für Mahcupyan dabei zweitrangig. Und wenn es nur eine Interessensgemeinschaft ist - wenn die Regierung jetzt keine Fehler macht oder den Mut verliert, dann wird sich die Gesellschaft öffnen, nicht zuletzt, weil sich auch der türkische Islam weiterentwickelt, sagt Mahcupyan.
Religion als reine Privatsache
Der jüdische Historiker Rifat Bali hat für die Zuversicht Mahcupyans oder Çamuroglus nur spitze Bemerkungen übrig. Nach seinen Worten hat hat sich Çamuroglu nicht nur in seiner Hoffnung auf einen Kabinettsposten begrenzt, sondern vor allem in seinem Ehrgeiz, einmal die Gleichberechtigung der Minderheiten in der Türkei zu erreichen. Sie müssen ihre Erwartungen kräftig heruntergeschraubt haben, sagt er. Auch wenn ihre Agenda derzeit in Teilen mit der Erdogans übereinstimmt - Erdogan hat noch keine spezifische Erklärung abgegeben, was die Aleviten, die Christen und die Juden in der Türkei betrifft. Ein Nichtmuslim werde in den Augen der AKP-Anhänger nie einem Muslim ebenbürtig sein, glaubt Bali.
Im sozialen Gedächtnis dieses Landes ist der Türke ein Muslim, und es ist nur schwer zu glauben, dass das soziale Gedächtnis eines über Jahrhunderte muslimisch geprägten Landes durch ein paar Jahrzehnte unter einer säkularen Regierung gelöscht wird. Er habe ein ungutes Bauchgefühl, sagt der jüdische Wissenschaftler und blickt kurz in Richtung eines Bilderrahmens, der neben seinem Schreibtisch hängt. Hinter dem Glas fixiert Kemal Atatürk mit ernstem Blick sein Gegenüber - auf der Titelseite einer Ausgabe des Time Magazin von 1923. Er wünsche sich eine Türkei, in der die Religion reine Privatsache sei, aber das sei utopisch, Reformen hin oder her.
Text: F.A.Z., 28.08.2007, Nr. 199 / Seite 3
Bildmaterial: Daniel Pilar