Studentenführer Bruno Julliard

Subversiv, aber korrekt

Von Michaela Wiegel, Paris

“Privatleben habe ich keines mehr“: Bruno Julliard

"Privatleben habe ich keines mehr": Bruno Julliard

04. April 2006 Mit den langmähnigen Studentenführern vom Mai 1968 hat Bruno Julliard nichts gemein. Der Jurastudent mit dem sauber gescheitelten Kurzhaarschnitt ist stets korrekt gekleidet, er wirft keine Pflastersteine und lehnt Gewalt als Mittel im politischen Kampf rundweg ab. Seine subversive Wirkung ist dennoch groß.

Innerhalb weniger Wochen gelang es dem Vorsitzenden des mit mehr als 30.000 Mitgliedern größten Studentenverbandes Unef, eine begrenzte Arbeitsrechtsreform zur Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger unter 26 Jahren zu einem Symbol für die geplante „Ausbeutung“ einer ganzen Generation zu verwandeln. Der junge Mann aus dem beschaulichen Provinzstädtchen Puy-en-Velay setzte sein ganzes rhetorisches Geschick ein, um den Aufstand eines Teils der französischen Studenten gegen den Ersteinstellungsvertrag als Aufbegehren einer um ihre Zukunft betrogenen Altersklasse darzustellen.

Eigenes Geld verdient Julliard noch nie

Sein Redetalent kommt ihm bei den unzähligen Radio- und Fernsehinterviews zugute, die er seit Beginn der Protestbewegung gegeben hat. „Privatleben habe ich keines mehr“, sagt Bruno Julliard, „aber der Kampf gegen den Ersteinstellungsvertrag ist das wert“. Julliard wurde 1981 geboren, als Francois Mitterrand der Linken zum ersten Mal seit Beginn der V. Republik an die Macht verhalf. Sozialistisch-kommunistische Ideologie sollte seine Kindheit und Jugend prägen.

Dafür sorgten die Mutter, die als sozialistische Bürgermeisterin dem Rathaus im Heimatort Puy-en-Velay vorsteht, und der Stiefvater, ein Kommunist. Schon als Oberschüler engagierte sich Julliard bei den „Jungen Sozialisten“ und übernahm später den Vorsitz der Jugendbewegung im Departement Haute-Loire. Als Jurastudent an der Universität Lyon engagierte er sich in der Unef, die den Sozialisten nahesteht. Das Elternhaus finanziert weiter das Studium, eigenes Geld verdient hat Julliard nach eigenem Bekunden noch nie.

„Was wir wollen“

Als er im vergangenen Juli zum Unef-Vorsitzenden gewählt wurde, gab er das sozialistische Parteibuch ab, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Aber die Verbindungen Julliards in die Sozialistische Partei sind vielfältig und teils sehr eng - wie auch sein Verhältnis zu deren früherem Parteivorsitzenden Henri Emmanuelli, seinem großen Vorbild. Im Kampf gegen Globalisierung, Sozialabbau und in der Kritik an der Europäischen Union teilt Julliard die Analysen Emmanuellis.

Eine Parallele zwischen der Studentenbewegung von 1968 und heute will Julliard nicht ziehen. „Die Bedingungen und Ursprünge der Revolte sind heute ganz anders“, sagt er. Aber er behauptet, daß eine große Zahl seiner Altersgenossen den Willen besitze, die Konsumgesellschaft unter den Bedingungen einer globalisierten Weltwirtschaftsordnung abzulehnen. Unter der Überschrift „Was wir wollen“ hat Julliard in der Zeitung „Liberation“ kürzlich das Anliegen „seiner Generation“ dargelegt, zu deren Sprecher er sich selbst bestimmt hat.

An der Spitze der Protestbewegung

Julliard verlangt darin nichts anderes als ein Recht auf „Unbeschwertheit“, wie es die vorangegangenen Generationen selbstverständlich beanspruchen konnten. Er lehnt sich dagegen auf, daß jeder Berufsanfänger noch das schlechteste Jobangebot als „Chance“ empfinden müsse, statt sich frei nach seinen Neigungen orientieren zu können.

„Meine Generation ist einer Welt von unbeschreiblicher Gewalt ausgeliefert, in der die Angst vor morgen die natürliche Dynamik der Jugend hemmt“, schreibt Julliard. Konkret fordert der Unef-Vorsitzende eine monatliche „Autonomie-Zahlung“ für alle jungen Franzosen. Statt Ersteinstellungsverträgen spricht er sich dafür aus, die staatlichen Orientierungshilfen auszubauen, die von Steuergeldern finanziert werden sollen. Über finanzielle Zwänge und Grenzen der staatlichen Fürsorge weigert sich Julliard nachzudenken.

Die rechtsbürgerliche Regierung hat sich, nach langem Zögern, jetzt dazu entschlossen, Julliard zum Verhandlungspartner aufzuwerten. Einer der ersten Anrufe vom neuen Krisenmanager Nicolas Sarkozy galt Julliard. Dieser sagte am Montag im Radio, es werde jetzt sicher ernsthafte Verhandlungen geben „auf der Grundlage unserer Forderungen“. Zuvor aber will Julliard an diesem Dienstag wieder demonstrieren - an der Spitze der Protestbewegung.

Text: F.A.Z., 04.04.2006, Nr. 80 / Seite 5
Bildmaterial: AP

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