Muslime in Deutschland

Vorsicht, frisch integriert!

Von Cornelia von Wrangel

“Integration auf Rollen“

"Integration auf Rollen"

12. Februar 2006 Nein, gezeichnete Witze über Mohammed findet er nicht gut. Dabei ist er Kabarettist. Mehr noch: Sinasi Dikmen ist Gründer des ersten türkischen Kabaretts in deutscher Sprache. Das liegt - sage und schreibe - gut zwanzig Jahre zurück. Es hieß „Knobi-Bonbon-Kabarett“, hatte 1985 in Ulm Premiere, tourte elf Jahre lang von Helsinki bis Ankara durch die Lande, und seine Programme hatten so schlagkräftige Namen wie „Vorsicht, frisch integriert“. Heute betreibt Sinasi Dikmen in Frankfurt das Kabarett „Die Käs“, spielt selbst oder holt Kollegen auf die Bühne. Ja jetzt, sagt er, jetzt gebe es in Deutschland 35 solcher Einrichtungen: „Die Türken sind die Narren der Deutschen geworden.“

Für sein Theater bekommt er keine Subventionen, wie er sagt, sondern hat es auf Kredit finanziert und zahlt Zinsen. „Ist das nicht ein Dienst für dieses Land?“ In seinem Publikum sitzen viele Deutsche. Die reagieren dann etwa so: „Nicht schlecht, was der Türke sagt.“ Oder sie kommen nach zwei Stunden Soloprogramm in bestem Deutsch zu ihm und fragen: „Du verstehen?“ Dikmen kann sich noch gut an die ältere Frau erinnern.

Die Dritte, die psychisch hungrige Generation

Der Islam ist vielen schleierhaft

Der Islam ist vielen schleierhaft

Im Publikum sitzen aber auch Türken - vor allem der dritten Generation. Die erste Generation, weiß Dikmen, habe die Kunst nicht interessiert, sei noch nicht satt gewesen. Die zweite habe noch mehr von den Eltern angenommen, und die dritte habe festgestellt, daß sie psychisch hungrig sei. „Die brauchen jetzt Kunst, suchen Ästhetik.“ Und warum hat es in Deutschland bislang keine Ausschreitungen gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gegeben? „Das hat mit den Türken zu tun“, sagt Dikmen. Der türkische Islam habe eine andere Sozialisation als der arabische.

Nicht jede türkische Frau trägt Kopftuch, ist zwangsverheiratet und geht fünf Meter hinter ihrem Mann. Gegen solche pauschalen Vorurteile kämpft Ezhar Cezairli, wehrt sich gegen ein Bild von Türken, das sich ihrer Ansicht nach in den Köpfen von zu vielen Deutschen eingenistet hat. Geboren in Antakja, kam sie 1970 als Neunjährige nach Weil am Rhein. Der Vater, ein Konditor, war in der Türkei in Konkurs gegangen, hatte sich um einen Arbeitsplatz in Deutschland beworben und sich zum Schlosser und Schweißer umbilden lassen. Sie wurde noch einmal in die dritte Klasse geschickt, in der vierten konnte sie dann so viel Deutsch, daß sie bei allem mitmachte und Noten bekam. Realschule, Wechsel aufs Gymnasium als erste und damals auch einzige türkische Schülerin, Abitur mit einem Durchschnitt von 1,8, Studium der Zahnmedizin in Hannover, Approbation, Promotion. Dazwischen hat sie geheiratet, einen Türken, den sie in den Ferien in der Türkei kennenlernte und der zu ihr nach Deutschland zog.

Manch Deutsche wären froh über so eine „Bilderbuch“-Karriere wie die von Ezhar Cezairli. Jetzt hat die Zahnärztin und Mutter zweier Kinder in der Frankfurter Innenstadt eine Praxis, behandelt viele türkischstämmige, aber auch deutsche oder spanische Patienten. Ihre Klientel sei international, sagt sie. Auch wegen ihrer Sprachen. Sie spricht fünf.

Die Familie als UN-Vollversammlung

Der Kabarettist Dikmen lebt seit 34 Jahren in Deutschland, stammt aus einem Dorf in der Türkei, von dem er sagt: „Den Namen brauchen Sie sich nicht zu merken. Das können Sie sowieso nicht aussprechen.“ Vermutlich hat er recht. Seine „Waffe“ ist das Lachen. „Eine wunderschöne Waffe“, sagt er, „die stärkste überhaupt. Sie tötet nicht, verwundet nicht, stichelt nur.“ Seine nahe Familie, also vom „Opa“ (ihm) bis zu den Enkelkindern, bezeichnet er als eine Art UN-Vollversammlung. Darin zusammengekommen sind Tscherkessen, Türken, Amerikaner mit afrikanischer und spanischer Herkunft, Deutsche und eine Französin. „Toleranz kann man leben.“

Im Gegensatz zum „Narren“ Dikmen hat Ezhar Cezairli einen deutschen Paß. Sie sieht sich als eine Europäerin türkischer Abstammung, fühlt sich in Deutschland „völlig integriert“, ohne ihre Identität aufgegeben zu haben. Und sie ist permanent in Sachen Integration aktiv: als Vorsitzende des deutsch-türkischen Clubs in Frankfurt, der hauptsächlich Akademiker und Unternehmer in seinen Reihen hat, und als Gründungsmitglied einer Initiative, die seit dem vergangenen Sommer existiert und sich eine vierseitige „Plattform“ gegeben hat. Aus ihr geht hervor, daß sich schon damals bei ihren Gründern der Eindruck verfestigt hatte, daß in Deutschland die Vorurteile gegen Muslime gewachsen seien und sie unter einem Generalverdacht des Terrorismus und Fundamentalismus stünden. Andererseits, heißt es darin weiter, sei in Deutschland bestimmten Vereinen und Verbänden, die vermeintlich im Namen aller Muslime laut Forderungen aufstellten, immer größere Aufmerksamkeit zuteil geworden. Angesichts dieser Situation fühle sich die große Mehrheit der Muslime gleichsam von beiden Seiten bedrängt.

Stimme der „schweigenden Mehrheit“

Der Zusammenschluß hat den umständlichen Namen: „Initiative von säkularen und laizistischen Bürgerinnen und Bürgern aus islamisch geprägten Herkunftsländern in Hessen“. Nach den Worten ihrer Gründer ist sie bisher einzigartig in Deutschland und versteht sich als eine Stimme der „schweigenden Mehrheit von Muslimen“, jener, die eben nicht in Verbänden und Vereinen organisiert sei. Akzeptanz des Grundgesetzes und strikte Trennung von Religion und Staat lauten die Forderungen. Religion ist also Privatsache. „Das ist etwas zwischen Allah und mir“, sagt Eszhar Cezairli, die den Islam nie als etwas Einengendes oder Bedrohliches empfunden hat.

Der Ausbruch der Gewalt nach der Veröffentlichung der Karikaturen - nach Meinung von Hulisi Bayam ist dieser Fanatismus für in Deutschland lebende Muslime unvorstellbar, aber Gift für die Annäherung der deutschen und türkischen Familien. Bayam, Sohn türkischer Bauern mit Gastarbeiterschicksal, hat zwei Unternehmen in Frankfurt, eines für Finanzdienstleistung und eines für Unternehmensberatung. Und er ist in vielen Organisationen Mitglied, etwa im Integrationsbeirat der hessischen Landesregierung oder in der Hertie-Stiftung. Vor allem jedoch hat es der Muslim vor sechs Jahren geschafft, mit einer deutschen Christin in einer katholischen Kirche mit dem Segen des Imams getraut zu werden. Am heutigen Sonntag haben sie Hochzeitstag.

...Religionen und andere Unannehmlichkeiten

Bayam glaubt, daß es bei der Integration vor allem auf eines ankommt: auf den Kontakt zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Und das schon im Kindesalter. Denn der beste Deutschkurs verpufft, sagt er, wenn danach nicht mit Deutschen deutsch gesprochen wird. Bayam glaubt auch, daß es jetzt bei den Irritationen über den Karikaturenstreit auf die Imame ankommt, darauf, wie sie in den Moscheen Deutschlands erklären, was geschehen ist.

„Meine vierzig Gründe, warum ich als Türke in Deutschland bin“. An diesem Text sitzt Sinasi Dikmen gerade, er schreibt ihn für die türkische Zeitung „Hürriyet“. Dikmen findet die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen übrigens auch deswegen nicht gut, weil sie nicht von Muslimen stammen. In diesen Tagen steht er wieder einmal in Frankfurt auf der Bühne, mit seinem Soloprogramm, das längst fertig war, bevor der Karikaturen-Streit ausbrach. Es heißt: „Wahrlich, ich sage Euch . . . - Über Religionen und andere Unannehmlichkeiten“.

Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

Anzeige

Kfz-Versicherung

Verpassen Sie nicht den Kündigungsstichtag 30.11. Vergleichen Sie jetzt Ihre Kfz-Versicherung und sparen Sie bis zu 500 €!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche