
Die Krise trifft alle: Deutsche Gießereien profitierten in den vergangenen Jahren besonders stark von der wachsenden Weltwirtschaft
12. November 2008 Die deutsche Wirtschaft gleitet nach Einschätzung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im kommenden Jahr in eine Rezession ab. Das Wachstum werde allenfalls die Null-Linie erreichen, die Arbeitslosigkeit steigen, die Zahl der Erwerbstätigen fallen. Das sind die Kernsaussagen des Herbstgutachtens des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die der Rat an diesem Mittwoch in Berlin vorstellen wird. Darin loben sie das schnelle Eingreifen in der Finanzmarktkrise, sehen die Pläne der Bundesregierung zur Stabilisierung von Wachstum und Beschäftigung aber distanziert kritisch.
Die Gutachter warnen indes vor Panik. Zu einer Weltwirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren wird es nicht kommen, hießt es knapp 600 Seiten starken Gutachten mit dem Titel Die Finanzkrise meistern, Wachstumskräfte stärken, das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Anerkennend äußern sich die Sachverständigen darin über die schnellen staatlichen Eingriffe in die internationalen Finanzmärkte, ohne die die systemische Krise zu einem Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems geführt hätte. Es gab deshalb keine Alternative zu den koordinierten, umfassenden und teilweise sehr unorthodoxen Maßnahmen von Notenbanken und Regierungen. Angesichts solch gravierender Schocks im Finanzsystem sei es unvermeidlich, das auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werde, zumal die Weltkonjunktur nach einer sehr langen und kräftigen Expansionsphase ohnehin in eine zyklische Abschwächung geraten sei.
Belastung für Deutschland
Auch wenn die Gutachter extreme Szenarien ausschließen, so halten sie eine baldige Belebung der Weltkonjunktur angesichts von platzenden Immobilienblasen, Finanzmarktkrise und den massiven Vermögensverlusten amerikanischer Privathaushalte für unwahrscheinlich. Für Deutschland sei aufgrund der ungünstigen außenwirtschaftlichen Bedingungen zumindest kurzfristig mit einer erheblichen Belastung der Realwirtschaft zu rechnen. Nach einem Plus von 1,7 Prozent in diesem Jahr werde die Erholung werde im nächsten Jahr allenfalls schleppend vorangehen und der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) stagnieren. Die Risiken dieser Prognose sind aufgrund der weiterhin hohen Unsicherheit als Folge der Finanzmarktturbulenzen abwärts gerichtet. Die Bundesregierung erwartet im kommenden Jahr ein Wachstum von 0,2 Prozent.
Als Folge der Eintrübung sei davon auszugehen, dass die bislang positive Arbeitsmarktentwicklung auslaufen werde, schreiben die Gutachter. Die Zahl der Erwerbstätigen werde mit etwa 40,30 Millionen die des Vorjahrs knapp unterschreiten, die Arbeitslosenquote mit 7,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr leicht ansteigen. Sonderfaktoren wie der immer noch hohe Bedarf an Fachkräften trügen allerdings zu einer Stabilisierung bei. Abzuwarten bleibe, ob die Reformen der letzten Jahre, die zu einer Dynamisierung des Arbeitskräfteaufbaus im Aufschwung geführt haben, ebenso eine höhere Sensitivität im Abschwung mit sich brächten.
Der Entwicklung entgegenwirken
Positive Impulse auf die Konjunktur könnten dagegen von fallenden Rohstoffpreisen sowie von der Wirtschaftspolitik ausgehen. Infolge des starken Rückgangs der Rohstoffpreise im Herbst dieses Jahres und einer abgeschwächten Binnendynamik prognostizieren die Sachverständigen einen mit 2,1 Prozent deutlich geringeren Anstieg der Verbraucherpreise als in diesem Jahr mit 2,8 Prozent.
Das gebe der Europäischen Zentralbank weitere Möglichkeiten für Zinsanpassungen, die der Rat empfiehlt. Bei weiterhin auf niedrigem Niveau verankerten Inflationserwartungen eröffnen sich somit Spielräume für eine Senkung der Leitzinsen. Auch werde eine Reihe bereits beschlossener finanzpolitischer Maßnahmen expansiv wirken.
Sammelsurium von Einzelmaßnahmen
Angesichts der ungewöhnlich großen Unsicherheiten über die weitere wirtschaftliche Entwicklung hält der Rat es für vertretbar, wenn im nächsten Jahr die öffentlichen Nettoinvestitionen ausgeweitet und durch ein höheres Defizit finanziert werden. Hierfür eigneten sich insbesondere schon genehmigte öffentliche Vorhaben in der Verkehrsinfrastruktur, die bisher auch wegen mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten zurückgestellt werden mussten. Er empfiehlt auch höhere Ausgaben im Bildungsbereich.
Skeptisch äußerten sich die Sachverständigen dagegen zu andern Bestandteilen des von der Regierung beschlossen Paketes zur Stabilisierung von Wachstum und Beschäftigung. Es sei ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen. Kritisch sieht der Rat vor allem die geplante Aussetzung der Kraftfahrzeugsteuer für ein oder zwei Jahre und die stärkere Absetzbarkeit von Handwerkerrechnungen. Unzufrieden ist der Rat auch mit der geplanten Regelung zur Erbschaftssteuer. Die Steuer sei insgesamt sinnvoll, die geplanten hohen Verschonungsabschläge dagegen ungerechtfertigt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.